Die Zeit vergeht zu schnell – eine musikalische Chronik

NIEDERRHEIN. Manche schreiben mit Anfang 20 die erste Biografie. Geschenkt. Außerdem soll es ja Lebensläufe geben, die bei Menschen mit wenig Altersringen schon prall gefüllt daherkommen. Wenn einer die 60 ansteuert, ist eine „Chronik“ denkbar, machbar – und manchmal wohlklingend.

Auch solo unterwegs

Mattes Wissing ist Musiker, Gitarrist, Kreativer. Manche kennen ihnen aus der Formation „Daddy Longleg“, aber längst ist Wissing auch solo on the road – also: allein auf der Straße, sprich: auf Tour. Was Wissing dann spielt, heißt „Die Chronik“, und was er jetzt aufgenommen hat, hört praktischerweise auf den gleichen Titel.
„Die Chronik“ also: 17 Songs – acht eigene, neun Covers. Nur noch mal für die Klarheit: Covern – das bedeutet, dass einer die Songs eines anderen spielt und interpretiert. Das gab‘s schon vor Bachs Zeiten und hieß damals Parodie. Heutzutage denkt man bei Parodien ständig, dass man lachen muss. Damals war das Parodieren eine Art Verbeugung vor der Kunst eines anderen. Wissing also hat eine Mischung aus Verbeugungen und Eigenem zusammengestellt und wer sich „Die Chronik“ anschafft, bekommt nicht nur eine CD, sondern auch ein Booklet mit allerlei Informationen zu Wissing, seinem Werden und seinem Geschmack. CD? Booklet? Old school, oder? „Ich denke, dass ist die letzte CD, die ich produziert habe“, sagt Wissing und meint nicht, dass es künftig nichts Tönendes mehr von ihm geben oder er die Gitarre aus der Hand legen wird. CDs sind irgendwie „von gestern“. „Trotzdem ist es so, dass nach Konzerten oft danach gefragt wird“, sagt Wissing, „und ich finde auch, dass eine CD eine gute Visitenkarte für Bewerbungen bei Veranstaltern ist.“

Zeitreise

Die Wissing-CD – eine Art Zeitreise, die in den 70ern mit einem Stück von Peter Gabriel beginnt. Jung-Eltern mögen zuhause ihren Nachwuchs mit einem Kurzreferat zum Thema Gabriel (und Genesis) beglücken.
Dem Gabriel folgt der erste Wissing: Sail on Rover. Und dann? Stefan Sulke. Kann man mögen. Muss man nicht. Fest steht – was natürlich maximal subjektiv zu sehen/hören ist: Wissings ‚Ulla‘ ist irgendwie besser als das Original. Und nach Ulla? Wissings „First Crises“. Eine Musikkrise scheint es nicht gewesen zu sein. Und dann „Take on me“. Kennt man. Wissing falsettiert, duelliert sich mit der eigenen Stimme. Es geht gut ab. Noch mal Gabriel: „In your eyes“. Es geht weiter mit einem gelungenen Mix und man staunt, dass da einer sich von Stück zu Stück eine andere Haut anpasst. Wäre Wissing Schauspieler – er könnte alles spielen. Da ist einer wandlungsfähig ohne beliebig zu werden. Vielleicht ist authentisch die passende Vokabel. Bei Rezensionen kann es nicht einfach ums Gefallen gehen. Es geht immer auch ums Handwerk. Wissing beherrscht, was er singtspielt – die Farben, die Stimmungen.
Und wie endet eine Chronik? Mit „Vorbei“. „Chronologisch nicht ganz richtig eingeordnet“, schreibt Wissing im Booklet, „denn der Song ist in den 90-ern entstanden, aber er ist einfach prädestiniert für den Abschluss.“

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Ausnahmen machen die Regel

Mit anderen Worten: Die Regel erkennt man an den Ausnahmen.
Was hat man gehört: Nichts, was einen schwermütig macht. Es geht nicht ums Weltenende, und doch gibt es Untertöne. Der letzte Satz von „Vorbei“: „Die Zeit vergeht zu schnell – ich weiß.“
Wer an der CD interessiert ist, surft zu matteswissing,de. Da gibt‘s alle Infos zur Bestellung. Vielleicht gibt‘s das Ganze demnächst auch als Download. Ganz sicher ist – wenn Corona nicht dazwischenfunkt: Am 25. Februar lädt Wissing im Buena Ressa Music Club in Rees, Empeler Straße 85, zur CD-Release-Party ein. Beginn: 20 Uhr.

Wissing im Internet