Makellose Seligkeiten

KLEVE. Da steht man also vor diesem Schaufenster. Die Produkte, auf die man sieht: Irgendwie zurückhaltend hochwertig. Sie könnten aus der Werbung stammen: gemacht und entworfen von Designern. Nichts ist schrill. Nichts schreit einen an. Um was geht es eigentlich?

Innen glühen – außen glänzen

Diese Frage ist nicht eben leicht zu beantworten. Bahnhof 25 – das ist doch diese Galerie am Klever Bahnhof. Kunst also – coronabedingt nur von außen zu betrachten. Auf das Glas des Schaufensters sind Buchstaben geklebt: „Claudia Reich. A New Era of Glow – Restart your Nature“ Eine neue Ära des Glühens. Vielleicht muss man den zweiten Teil des Titels frei übersetzen: Neustart ins Leben. Bleibt noch der „Glow“. Blick ins Lex: to glow – glühen, leuchten, glimmen, erglühen. Glänzen, denkt man, ist etwas Äußerliches. Das Glühen kommt von innen.

Claudia Reich. NN-Foto: Rüdiger Dehnen

SeelenPflegeSet

Noch ist die Verbindung zwischen Denken und Sehen nicht erstellt. Dann liest man auf der Einladungskarte zur Ausstellung: „SeelenPflegeSet – Schaufenster-Projekt.“ Man scannt den Barcode neben der Schaufensterschrift und landet auf: www.seelenpflegeset.de. Wunschvorstellungen lächeln in Buchstaben: „Makellos rein“, „Strahlend schön“, „Wahre Schönheit“.

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Vorsicht!

Jetzt vielleicht doch mal die Künstlerin fragen, und Claudia Reich erzählt von einer Idee: Wie es denn wäre, wenn es Reinigungsmittel für die Seele gäbe und die Menschen hernach Schaulaufen veranstalteten. Ja spinnt denn die, denkt man und begreift (Vorsicht!) erst beim zweiten Hindenken: das leuchtet – heimlichstillundleise – das Ironielämpchen. Eigentlich ist es ein Sarkasmusleuchtturm. Die Schönigkeiten im Schaufenster: Fakes allesamt – Produkte, die nicht zu kaufen sind. „Noch nicht“, flüstert der innere Teufel. Auf der Seite www.seelenpflegeset.de: ein Shop.
Was im Schaufenster aufmarschiert, ist hier zu finden. Das „Platinum white Orchyd Sheer Balm“. Dazu ein Text: „Dieses Double Set beinhaltet wahre Seelen Juwelen. Die begeisterte Aufnahme in der Soul Community bestätigt unseren Bestseller! Der Wohlfühl Balm ist Balsam für Dein Inneres.“ Die Kategorie: wahre Schönheit.

Rettungen

Wie abgedreht ist das denn?, denkt man und das innere Teufelchen feixt: Das gibt‘s doch alles längst. Die Rattenfänger sind unterwegs, aber sie sind nicht auf Ratten aus: Die haben doch uns im Visier.
Achtsamkeit, denke ich: Beim ersten Kontakt mit diesem Begriff hatte ich irrigerweise angenommen, dass es um die anderen ginge. So ändern sich Zeiten und Imperative. Das Gute zu erreichen, indem man anderen Gutes tut: Das war gestern. Das Evangelium unserer Tage: Rette dich selbst, dann werden auch die anderen gerettet.
All das ist in den beiden Schaufenstern am Bahnhof 25 vorhanden. All das „edelseidermenschhilfreichundgut“. Da ist nur diese minimale Erweiterung: zu sich.

Gefälschte Wünsche

Was daherkommt wie ein „Flagship Store“, ist eine Fälschung falscher Wünsche. Das ist schon verdammt genial, wenn man sich darauf einlässt, all das als Spiegelung zu verstehen – als eine Art Fata Morgana des alltäglichen Wohlfühlwahnsinns, der die Seelen im Blick hält.
Lavinia R. sagt: „Ich glaube daran, dass es egal ist, woher du kommst, es ist nur wichtig, wohin du gehst. Die spezielle Systempflegeserie von SeelenPflegeSet hat mich dabei unterstützt meinen inneren Weg zu finden und nach Außen zu bringen. Meine strahlende Aura ist mein Beweis.“ Ist das abgedreht, denkt man und erkennt: Sätze wie dieser müssen nicht erfunden werden. Sie sind längst Teil der Werbewirklichkeiten.
Was so harmlosschön diese beiden Schaufenster bevölkert, ändert sein Gewicht, wenn man hinterherzudenken beginnt. Es ist nicht alles Gold, was glänzt.

Makellos

„Makellos rein: Drei Produkte für den Start in eine neue Ära. Wasch Dich rein mit der Systempflege für die anspruchsvolle Seele“, heißt es auf der Seite und man denkt, wenn Claudia Reich nicht Künstlerin wäre, könnte sie mit der Transposition ihrer Kunst in die Wirklichkeit der Warenwelten ihrem Namen Ehre machen und nicht Reich sein sondern reich werden. Steinreich. Follower lassen sich heutzutage schnell finden. das Heilsversprechen der inneren Schönheit taugt zur Goldgrube.
„A New Era of Glow“ ist irgendwie ein ganz großer Wurf. Man muss sich nur klarmachen, wer mit was auf wen wirft. Es ist ein bisschen wie mit Rattengift: das ist so designed, dass die Tiere nicht gleich verenden. Die anderen Tiere würden‘s zu schnell merken. Was ausgestreut und im wahrsten Sinne des Wortes verinnerlicht wird, darf erst später zur Explosion kommen und in diesem Fall soll es auch nicht tödlich sein. Wer tötet schon die Melkkuh? Abhängigkeiten sollen erzeugt und bis zur Besinnungslosigkeit/Bewusstlosigkeit der Kunden hochgejazzt werden. Dass so viel Abartigkeit so schön aussehen kann … Wer die Zeit hat, sollte zum Bahnhof 25 spazieren und sich mit einer Dosis dieser Ausstellung versehen. Der Eisgbergeffekt tritt ein: Was man sieht, ist nur der kleinste Teil. Kunst kann Dinge entlarven. Gut zu wissen.
Eröffnet wird „A New Era of Glow – Restart Your Nature“ am Samstag, 29. Januar um 16 Uhr. Zur Eröffnung spricht Steffen Fischer vom Museum Goch.

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NN-Foto: Rüdiger Dehnen