GELDERN. 50 Jahre ist es her, dass einige jecke Gelderner an einem kalten Novembertag im Hinterzimmer eines Lokals – so oder so ähnlich besagt es jedenfalls die Legende – den Verein „Aktion Kinderkarnevalzug Geldern“ aus der Taufe hoben. 1972 schickten sie den ersten Zug auf seinen Weg. Heute kennt man diesen Verein als „Karnevals-Kultur-Gesellschaft Geldern“ (KKG), der mit der Namensänderung das Spektrum auf junge Erwachsene ausgeweitet hat. Zum runden Jubiläum hat die KKG nun ihr internes Archiv über die Homepage geöffnet. Zeit, einen Blick zurück, aber auch in die Zukunft zu werfen. 

„Damals war es noch sehr einfach“, sagt die Vorsitzende Fee Christiana Plaumann über die bescheidenen Anfänge. So ganz ohne Zwischenfälle lief es aber schon da nicht ab: Der ersten Zug fand noch ohne Genehmigung durch die Verkehrsbehörde statt, sodass die Polizei die Teilnehmer aufforderte, über den Gehweg zu ziehen oder den Zug abzubrechen. Zum ersten Mal ganz aus viel der Zug hingegen noch lange vor Corona – 1991, wegen des Golfkriegs.

Über die Jahre hat der Verein sein Wirken stetig ausgeweitet, keine Session war wie die andere. Ein erster Meilenstein zeichnete das fünfjährige Jubiläum aus, mit dem der Zug attraktiver werden sollte. 1976 begann die KKG, über einen Büttenrednerwettbewerb ein Kinderprinzenpaar zu küren. Wichtig dabei: Noch heute werden die meisten Kosten vom Verein übernommen, damit alle Kinder die Chance haben, einmal Prinz oder Prinzessin zu werden. Da Tollität-Sein gelernt sein will, stehen den Regenten seit nunmehr zehn Jahren tatkräftige Pagen zur Seite, die nach dieser „Ausbildung“ selbst Prinz oder Prinzessin werden.

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Ein Verein im Verein

Mit dem ursprünglichen Fokus auf Kinder lässt sich eine Besonderheit des Vereins erklären: die Jugendabteilung. „Wir sind ein Sportverein innerhalb des Karnevalsvereins“, erklärt Schriftführerin Nadine Friemel das Alleinstellungsmerkmal im Kreis Kleve. Neben der Brauchtumspflege liegt daher ein Schwerpunkt auf dem Tanzsport. 1979 entstand mit der Prinzengarde die erste Gruppe, mittlerweile ist dieser Bereich aber angewachsen: Aktiv sind derzeit die Drachen-Girlies im Gardetanzsport (Mädchen ab 12 Jahren), die Drachen-Dancer mit ihrem Schautanz (Jungen und Mädchen zwischen vier und elf Jahren) sowie eine Solistin und eine Nachwuchssolistin im Gardetanz. Gleichzeitig gibt es Überlegungen, eine Tanzgruppe ab 16 Jahren ins Leben zu rufen und auch der Elferrat plant einen Tanz für die kommende Session.

Wie groß der eigene Anspruch ist, zeigen nicht nur die Teilnahmen an Turnieren, sondern auch die lange Mitgliedschaft im Landes- und Stadtsportbund, im Deutschen Verband für Garde- und Schautanzsport sowie im Deutschen Olympischen Sportbund. Daher gelten für die Tänzer offizielle Richtlinien, gewagte „Moves“ wie der Sprungspagat sind tabu. „Die Gesundheit geht vor“, sagt Plaumann.

Das Zusammengehörigkeitsgefühl spielt bei alldem eine wichtige Rolle. Das zeigt sich auch in Ausnahmefällen. Bein gebrochen? Kein Problem: Gerne rauf auf die Bühne als Teil der Deko. „Wir versuchen die Mitglieder so einzubinden, wie sie gerade können.“

Für andere da sein

Bei 50 Jahren Vereinsgeschichte sind die Meilensteine damit längst nicht abgedeckt. Zusammen mit der Stadt Geldern und der Sparkasse Krefeld verleiht die KKG seit 1986 am Altweibertag den Gelderschen Draak. Dieser wird besonders verdienten Frauen verliehen, die sich auf unterschiedliche Art um das Gemeinwohl kümmern.

2003 begann anlässlich der Prinzenproklamation die Tradition für den KKG, die Partnerstadt Bree in Flandern zu besuchen. Seitdem herrscht immer große Vorfreude auf das Programm der Stoepluipers und der Kwartjeslummels – vor allem auf den spektakulären Halbfastenlichterzug.

2015 war das letzte eigene, alle elf Jahre stattfindende Jubiläum. Und weil es den Jecken eben um mehr geht als nur Karneval, fiel auch das Motto der Session besonders aus: „Kinder für Kinder“. Zusammen mit der Aktion Lichtblicke sammelte man 2.500 Euro an Spendengeldern für in Not geratene Kinder und Familien. Ein besonderes Highlight für die Tollitäten war außerdem ein Besuch in Gelsenkirchen, bei dem sie neben anderen Kindertollitäten aus NRW von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft empfangen wurden.

Wie wichtig die Gemeinschaft für sie ist, zeigt die KKG generell mit der vielfältigen Unterstützung anderer. „Wir sind in Geldern dort, wo es etwas anzupacken gibt“, sagt Plaumann. 2019 half man beim Jubiläum des Löschzugs der Freiwilligen Feuerwehr in Geldern aus, viele Jahre zudem schon bei den Tolkien-Tagen in Pont. Auch das Reisemobilfest am Holländer See gehört fest zum Jahresprogramm, um ein paar Beispiele zu nennen.

Mit Besuchen in Senioren- und Fördereinrichtungen versucht die KKG, Barrieren abzubauen und „ein Gefühl der Freude zu vermitteln“. Es wird nicht nur gemeinsam gesungen, die Garden zeigen auch ihre Tanzeinlagen. Wie nach außen hin ist auch innerhalb des Vereins die familiäre Atmosphäre bezeichnend. „Hängt einer im Schlamassel, ist der andere sofort da“, erläutert Plaumann. All das hielt man auch zu Corona nach Kräften aufrecht. Blumenschenkungen oder Grußworte zeigten: Wir sind noch da und denken an euch!

Plaumann betont aber auch die Hilfe, die die KKG von den Bürgern erhalten hat. Zuletzt 2020, als diese bei einer Rewe-Aktion mit ihrem Einkauf die gesammelten Vereinsscheine an die KKG spendeten, die dadurch neue Geräte für das Training anschaffen konnte. „Für unsere Tanzsportabteilung war das ganz wichtig“, betont sie.

Anhaltende Probleme

Allem Frohsinn zum Trotz zogen im Laufe der Zeit auch dunkle Wolken auf. Schon vor der Pandemie hatte die KKG beim Karnevalszug wegen mangelnder Teilnehmerzahl mit Problemen zu kämpfen. Bemerkt hatte man diese Entwicklung bereits 2011, daher warb die KKG 2013 intensiv mit einer Plakatkampagne. Nach weiteren Jahren sinkender Teilnehmerzahlen und Spendenbereitschaft in der Innenstadt musste die KKG schließlich die Reißleine ziehen. 2018 fand der letzte Karnevalszug unter eigener Federführung statt. „Das hat uns am meisten wehgetan. Wir haben lange intensiv darüber geredet“, erläutert Plaumann. Die Krux: „Die Menschen sind in dieser Hinsicht nicht mehr so engagiert wie vor 50 Jahren.“ Friemel erwähnt dazu die weniger engen Beziehungen der heutigen Nachbarschaften. Aber auch der demographische Wandel und Finanzierungsprobleme angesichts steigender Preise seien problematisch.

Trotzdem bleiben die vielen guten Erinnerungen: „Ohne das enge Zusammenspiel mit Feuerwehr, Polizei, Stadtverwaltung und Sanitätsdienst hätten wir nie so schöne, reibungslose Züge durchführen können“, sagt Plaumann.

The Show will go on

Das heißt aber nicht, dass die KKG ihr (jeckes) Treiben einstellt. Die vielen eigenen Unternehmungen behält sie nach wie vor bei – darunter der karnevalistische Neujahrsempfang, der Karneval der Vereine oder Hilfsaktionen und Besuche bei anderen Vereinen und Einrichtungen. Veränderungen hingegen stehen beispielsweise mit der Neukonzipierung des Kindernachmittags an. „Da kommt noch was“, verspricht Plaumann mit einem Lachen.

Die Vorstandsmitglieder wissen nach jahrelanger Erfahrung zwar zu gut, dass es teils „ein echter Knochenjob“ ist, „aber man bekommt auch viel zurück“, sagt Plaumann. Das zeige schon beispielhaft der Glanz in den Augen der Senioren bei den Besuchen der KKG. „Dann spielen die Wehwehchen keine Rolle mehr.“

Nach der Corona-Ohnmacht möchte der Verein die Leute erst einmal wieder in Gang bringen – wenn die Lage das zulässt, versteht sich. „Aber wir planen“, sagt Friemel optimistisch. Zuletzt konnte immerhin die neue Kinderprinzessin Melinda I. (Bormann) feierlich proklamiert werden.

Wer mehr über den etwas anderen Karnevalsverein erfahren und im Archiv dessen Geschichte Revue passieren lassen möchte, hat die Möglichkeit unter kkg-geldern.de.