KREIS KLEVE. Ein besonders großer Nachteil der Pandemie ist der Anstieg häuslicher Gewalt. Dass es besonders jetzt ein, wie Emmerichs Bürgermeister Peter Hinze sagt, „massives Thema“ geworden sei, könnte man aber vielleicht den Aspekt abgewinnen, dass es das Bewusstsein dafür weiter geschärft hat. Das hier aber noch viel mehr passieren muss, wissen die Runden Tische des Kreises Kleve. Sie setzen aufgrund der Entwicklungen die neue Kommunikationsinitiative „Dein Zuhause“ um, mit der sie das Thema Gewalt weiter an die Öffentlichkeit bringen und so verstärkt die existierenden Hilfsangebote vermitteln möchten. Wie eine Studie nämlich zeigt, wissen 50 Prozent der Befragten nicht über die Möglichkeiten Bescheid.

„Egal in welchem Umfeld, Gewalt ist überall zu Hause“, sagt Hinze. Auch in der kleinsten Gemeinde auf dem Land. Umso wichtiger seien niederschwellige und schnelle Kontaktmöglichkeiten, um Hilfe zu bekommen. „Häusliche Gewalt ist mit ganz viel Scham verbunden“, ergänzt Landrätin Silke Gorißen ein großes Problem. Über viele Jahre werde eine heile Welt nach außen projiziert. Als umso bedeutender sieht sie daher die Initiative, die neben den aktiv Betroffenen auch Beobachtern verdächtiger Umstände den richtigen Weg weisen kann. „Vor Ort haben wir gute Hilfen“, sagt Gorißen. Die Schnittstellen seien eng verzahnt.

Eigene Situation nicht hinnehmen

Meist richtet sich die Gewalt zwar gegen Frauen, aber auch Männer sind betroffen. „Niemand muss mit der Situation allein sein“, betont Gorißen. Passend zur erstmals vom Land NRW geförderten und auf eine ganze Woche verlängerten Aktion „Gegen Gewalt an Frauen“ zum 40. Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen lassen die Runden Tische ihre eigene Initiative anlaufen.

-Anzeige-

Wie Nicola Roth, eine der beteiligten Gleichstellungsbeauftragten (Weeze) aus dem Kreis, erklärt, zeigen „wiederkehrende optische Signale“ wie das Orange der Aktionswoche als Farbe gegen Gewalt und der Rettungsring von „Dein Zuhause“ symbolisch, dass es Hilfe gibt. Egal ob jung oder alt, Frau oder Mann: alle sind angesprochen. Hinzu kommen einschlägige Botschaften: „Dein Zuhause. Deine Angst?“ Oder „deine Prügel?“ Die Frageform zeigt: So muss es nicht sein. Und so sollte es nicht sein.

Wege zur Bekanntmachung

Für die Initiative selbst gehen die Runden Tische verschiedene Wege: In Kooperation mit der Niag machen Busse mit einer Heckbeklebung Werbung, hinzu kommen Plakate, Aufkleber, Banner über Straßen, Leinentaschen und Kugelschreiber. Hinzu kommen eine Instagram-Präsenz und QR-Codes auf den Materialien, die direkt auf die Homepage www.zuhause-gewalt.de verweisen. Hier erfährt man unter anderem, wer die Runden Tische sind und welche Hilfsangebote es im Kreis Kleve gibt.

Während der Aktionswoche „Gegen Gewalt an Frauen“ von Montag, 22., bis Samstag, 27. November, möchten die Runden Tische in allen Kommunen dem Thema mit verschiedenen Angeboten gerecht werden. Mit einem Bus sind Gleichstellungsbeauftragte und weitere Experten – etwa von Caritas, Diakonie und Polizei – kreisweit unterwegs, um an Infoständen zu informieren und sich mit den Besuchern auszutauschen. Schwerpunkte in der Woche sind Häusliche Gewalt, Zwangsheirat, Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung, Genitalverstümmelung und sexualisierte Gewalt. Eine kreisweite Telefonaktion für Rat suchende Personen setzt die Unternehmung fort. Aus ihren eigenen Einrichtungen heraus leisten Fachleute sofort Hilfe. Unter Telefon 02821/857870 stehen an folgenden Tagen folgende Gesprächspartner zur Verfügung:

Montag, 22. November, 9 bis 12 Uhr und 13 bis 15 Uhr, Sozialdienst katholischer Frauen.
Dienstag, 23. November, 9 bis 12 Uhr und 14 bis 16 Uhr, Caritasverband Kleve.
Mittwoch, 24. November, 9 bis 17 Uhr, Frauenhaus Awo Kreisverband Kleve.
Donnerstag, 25. November, 9 bis 18 Uhr, Frauenberatungsstelle Impuls.
Freitag, 26. November, 9 bis 18 Uhr, Opferschutz Polizei Kreis Kleve.

Steigende Zahlen bei häuslicher Gewalt

Auf den Internetseiten und sozialen Kanälen des Kreises und der Kommunen gibt es zudem einige Videos, in denen sich die Experten der Telefonaktion vorstellen. Joachim Verhoeven, Opferschutzbeauftragter der Kreispolizeibehörde, nennt Zahlen für das Jahr 2020 im Kreis: So habe es 302 Taten häuslicher Gewalt und 164 Wohnungsverweisungen inklusive Rückkehrverbot gegeben. Auch wenn er für 2021 keine Zahlen nennen kann, seien Steigungen erkennbar.

Yvonne Tertilte-Rübo, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Kleve, setzt es in einen noch größeren Kontext: So hätten die erfassten Fälle 2020 insgesamt ein Plus von 7,7 Prozent gegenüber 2019 ergeben. Vergleicht man diese 32.705 Fälle häuslicher Gewalt mit den 24.780 Fällen von Wohnungseinbrüchen, wird das Ausmaß besonders ersichtlich.
Über das allgemeine, bundesweite Hilfetelefon kamen über 139.000 Vermittlungen zusammen. 43 Prozent dieser Kontaktaufnahmen seien zwischen dem Abend und frühen Morgen geschehen. Die Hilfsmöglichkeiten auf dem Land würden solche Zeiten allerdings nur schwer abdecken, erläutert sie zu den Problemen. „Das ist nur dann möglich, wenn Nothilfeinstitutionen 24 Stunden am Tag da sind.“