„Boostern“ allein hilft nicht

Die KVNO unterstützt Kommunen bei ihren Impfangeboten und beteiligt sich am „Impf-Advent“ in NRW

NIEDERRHEIN. Deutschland steckt mitten in der vierten Pandemie-Welle und die Intensivstationen füllen sich. Am Donnerstag hat Noch-Bundeskanzlerin Angela Merkel mit den Ministerpräsidenten der Länder auf dem „Corona-Gipfel“ die weitere Strategie beraten. Das Ergebnis: Flächendeckend 2G (ab 3,0) – mit „plus“ (plus Testpflicht) ab einer Hospitalisierungsinzidenz von 6,0. Aktuell liegt dieser Index in NRW bei 4,03 (Stand Freitag). Damit hätten Ungeimpfte ab kommender Woche keinen Zutritt mehr zu Veranstaltungen und Gastronomie.

Das größte Problem bleiben aus Sicht des Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KVNO), Dr. Frank Bergmann, die Ungeimpften. „Allein mit Boostern können wir die vierte Welle nicht brechen“, ist er überzeugt. NRW liegt derzeit sowohl bei den Erstimpfungen (74,4 Prozent) und Zweitimpfungen (71,1 Prozent) im bundesweiten Vergleich auf Rang 5. Bei den Impfquoten nach Altersgruppen zeigt sich aktuell die größte Dynamik bei den Booster-Impfungen der Über-60-Jährigen. Was aktuell aus Sicht der Ärzteschaft auch oberste Priorität habe. „Die besonders vulnerablen Gruppen müssen geschützt werden“, betont Bergmann. Zwar könne man Impfdurchbrüche in allen Altersstufen beobachten, die seien aber größtenteils „nicht dramatisch“.

“Impfintensive Wochen” stehen bevor

Da die Ständige Impfkommission (Stiko) nun allen Personen ab 18 Jahren die Covid-19-Auffrischimpfung empfiehlt, rechnet Bergmann mit „impfintensiven Wochen“ für die niedergelassenen Ärzte. Sein Appell: „Wir können nicht alle sofort bedienen. Bitte lassen Sie Ihren Frust nicht am Praxispersonal aus!“ Viele Praxisteams befänden sich bereits seit April im Ausnahmezustand. Nach Schließung der Impfzentren Ende September habe man hier rund 80 Prozent der Impfungen durchgeführt. „Es kommt leider immer häufiger vor, dass Grenzen überschritten werden. Die Angestellten werden beschimpft, beleidigt und sogar bedroht, weil sie nicht allen Terminwünschen sofort nachkommen können“, weiß Bergmann. Zunehmend aggressiv agieren auch einige Impfverweigerer, wie der stellvertretende KVNO-Vorstandsvorsitzende Dr. Carsten König, der selbst niedergelassener Hausarzt in Düsseldorf ist, ergänzt. In den Praxen spielten sich teils „gruselige Szenarien“ ab. Er wisse von Morddrohungen und nationalsozialistischen Symbolen, die an die Türen gesprüht wurden.

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KVNO unterstützt kommunale Impfangebote

Die KVNO unterstütze die aktuellen Bemühungen der Kommunen, weitere Impfangebote zu schaffen. Bergmann verweist auf den „Impf-Advent“, zu dem das NRW-Gesundheitsministerium in dieser Woche per Erlass aufgerufen hat. Neben den von den Kommunen gesteuerten Impf-Aktionen werden sich auch nordrheinische Praxen beteiligen und die Freitagnachmittage, Adventssamstage und auch Sonntage nutzen, um ihren eigenen sowie auch praxisfremden Patienten Booster-Impfungen anbieten zu können. In der kommenden Woche sollen entsprechende Angebote auf der Internetseite der KV veröffentlicht werden. In Planung seien auch niederschwellige Praxen-Walk-in‘s.

Boostern – der Reihe nach

Dass der Impfschutz „schneller als erhofft“ nachlässt, beunruhigt den KVNO-Vorstandsvorsitzenden nicht. Zwar lasse die Wirkung schon nach drei bis vier Monaten langsam nach – vor einem schweren Verlauf schützen die Impfstoffe aber auch nach mehr als fünf Monaten noch gut. „Aus medizinischer Sicht macht es keinen Sinn, jetzt alle zu impfen, die eigentlich noch ausreichend geschützt sind“, betont Bergmann. Es liege nach wie vor im Ermessen des Arztes, wer aufgrund seines Alters oder seiner Vorerkrankungen an der Reihe sei. Laut dem siebten Impf-Erlass des Landes NRW haben 90 Prozent der vollstationären Pflegeeinrichtungen bereits ein Angebot für Booster-Impfungen erhalten. „Das macht auch deshalb Sinn, weil die Älteren und Kranken im Frühjahr zu den ersten vollständig Geimpften gezählt haben“, sagt Bergmann.

Studien aus Israel hätten gezeigt, dass eine Auffrischung nach sechs Monaten ein guter Zeitpunkt sei, um den Impfschutz wieder auf ein „höheres Niveau“ zu heben. „Der Schutz ist nach einem halben Jahr aber nicht plötzlich weg“, erklärt der Mediziner. Auch sei im Moment noch schwer abzuschätzen, ob künftig weitere Booster-Impfungen notwendig sind. „Das werden wir erst im nächsten Frühjahr wissen“, sagt Bergmann.

„Ich hoffe, dass die Politik Maßnahmen ergreift, um das Leben für Ungeimpfte noch unbequemer zu machen“, erklärt Bergmann. Zudem gelte es, Überzeugungsarbeit zu leisten. Die Pandemie sei nur einzudämmen, wenn 80 bis 90 Prozent der Bevölkerung einen Impfschutz hätten. „Die Impf-Kampagne muss wieder Fahrt aufnehmen“, sagt Bergmann.