Laden ein zur Ausstellung im Gelderner Bürgerforum: Kuratorin Ulrike Laufer (l.) und Stadtarchivarin Yvonne Bergerfurth. NN-Foto: MB

GELDERN. Die Gestaltung des Gelderner Marktplatzes sorgt seit vielen Jahren für mal angeregte, mal hitzige Diskussionen. Die Ausstellung „Aufbruch und Wiederaufbau”, die ab sofort im Foyer des Gelderner Bürgerforums zu sehen ist, erinnert daran, dass – so makaber es klingen mag – ohne die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs nicht nur der Markt heute ganz anders aussehen würde.

Das zwischen 1724 und 1726 erbaute Rathaus wurde seinerzeit zerstört, und so entstand laut Ulrike Laufer, Historikerin und Kuratorin der Ausstellung, das „einzig Positive nach Kriegsende: der großzügige Marktplatz und die freie Sicht auf die Kirche St. Maria Magdalena”. Doch nicht nur Geldern, auch zahlreiche andere Städte im niederrheinisch-niederländischen Grenzgebiet werden in der Ausstellung beleuchtet, welche Entwicklung der Städtebau nach dem Krieg genommen hat.

Die Idee zu einem grenzüberschreitenden Projekt zum Thema „75 Jahre Befreiung” hatte vor zwei Jahren Frans Hermans vom Gemeindearchiv Venlo. Da der Begriff „Befreiung” in Deutschland zwar durchaus im Zusammenhang mit dem Sieg der Alliierten über Nazi-Deutschland bekannt, aber mit der niederländischen Sicht darauf nicht zu vergleichen ist, einigten sich die Beteiligten auf „75 Jahre Frieden”. Dies war lange der Arbeitstitel, der bewusst das Kriegsende, die Zerstörungen und das menschliche Leid als Ausgangspunkt für eine positive Entwicklung mit dem Schwerpunkt Stadtentwicklung bis heute ausdrückte.

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Erster Schritt noch vor der Ausstellung war das gleichnamige Buch, das im vergangenen Jahr erschien. Zehn Städte beiderseits der Grenze (Geldern, Kempen, Krefeld, Venlo, Straelen, Mönchengladbach, Wachtendonk, Kleve, Nijmegen und Venray) werden darin unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet: Wie wurden die Städte, wie sie heute sind? Wie ging man in Geldern mit den heftigen Kriegsschäden um? Warum ist Nimwegen, die älteste Stadt der Niederlande, so modern? Wie packten die Stadtverwaltungen die gewaltigen Herausforderungen an? Wo sind die Unterschiede bei den deutschen und den niederländischen Städten? Ein Unterschied ist laut Ulrike Laufer: „In Deutschland fühlte man sich nicht befreit, sondern besiegt. Es herrschte ein Gefühl zwischen Entsetzen, Scham und Nichteinsehen, dass man die Bombardierungen und Zerstörungen selbst verschuldet hatte.” In den Niederlanden dagegen machte man sich ab 1946 daran, das Königreich wiederaufzubauen.

Probleme im Wiederaufbau

Wiederaufbaupläne gab es auch auf deutscher Seite, „gerade in Geldern hatte man aber Probleme damit, dass von außen gesagt wurde, was zu tun ist”, berichtet Laufer. Dies bildet das entsprechende Kapitel im Buch ebenso ab wie die Diskussion um den Gelderner Markt, „die ja im Grunde bis heute nicht abgerissen ist”, weiß Laufer. Zwar gab es auch die Idee, an die ursprüngliche Bebauung zu erinnern, letztlich entschied man sich aber dagegen. „Trotzdem wird das alte Rathaus bis heute als Identifikationspunkt gesehen, selbst 75 Jahre nach seiner Zerstörung”, sagt Laufer.

Aktuell steht der Vorschlag des Projektentwicklers Reinhard Fleurkens im Raum, das „Café Extrablatt” nach Geldern zu holen – beispielsweise in einem Glas-Pavillon vor dem Sparkassen-Gebäude. Solche Cafés haben sich auf der anderen Seite der Grenze in den Innenstädten längst etabliert. „Die Niederländer haben eine andere Kultur, ihre Städte zu besetzen”, meint Ulrike Laufer. „Bei ihnen steht ein geselliges Miteinander im Vordergrund.” Ein Café auf dem Gelderner Markt wäre aus ihrer Sicht „ein erster Schritt zur Demokratisierung der Stadtplanung”.

Das Buch wird um besagte Wanderausstellung ergänzt, die nun bis 22. Dezember im Foyer des Gelderner Bürgerforums zu sehen ist. Hier hat jedoch nicht jede Stadt ein eigenes „Kapitel”, vielmehr werden verschiedene Aspekte des Themas „Aufbruch und Wiederaufbau” anhand von Beispielen aus den zehn Kommunen beleuchtet. So ging man in den Niederlanden beispielsweise wesentlich freier mit der Frage nach Abriss oder Erhalt zerstörter Kirchen und kultureller Gebäude um. „Das Buch und die Ausstellung sollen auch ein Bewusstsein dafür schaffen, dass die Niederländer stark unter der Befreiung durch die Alliierten gelitten haben, obwohl sie ja eigentlich unschuldig waren”, sagt Gelderns Stadtarchivarin Yvonne Bergerfurth. Bei allen Unterschieden gibt es laut Ulrike Laufer aber auch verbindende Elemente: So sei alle betroffenen Städte unter anderem insgesamt autofreundlicher geworden.

Buch: „Aufbruch und Wiederaufbau – Städtebau im niederrheinländischen Grenzgebiet nach dem Zweiten Weltkrieg”, erschienen im September 2020 in deutscher und niederländischer Sprache. Herausgeber ist die Stiftung Geschichte des Raumes Peel-Maas-Niers. Erhältlich ist es zum Preis von 19,95 Euro im Buchhandel.

Ausstellung: Organisiert wird die gleichnamige Ausstellung des Stadtarchivs Geldern in Kooperation mit der Stiftung Geschichte des Raumes Peel-Maas-Niers und Mespilvs. Der Eintritt ist kostenlos im Rahmen der Öffnungszeiten der Verwaltung.