GOCH. Eine Linie, ist eine Linie, ist eine Linie – oder doch nicht? Im Museum Goch können Besucher ab dem morgigen Sonntag dieser Frage nachspüren und sich auf das Werk „Conversazione“ der Künstlerin Beate Terfloth einlassen. Im Sammlungsraum in der ersten Etage lässt sie ihre Raumzeichnung in einen Dialog mit dort belassenen Kunstwerken von Damaris Kerkhoff, Günter Uecker, Auke de Vries, Georg Ettl und Gereon Krebber treten. „Vor einem Monat hat sie den Raum ,in die Finger bekommen‘, um sich hier zu entfalten, und das hat sie getan“, freut sich Museumsdirektor Dr. Stephan Mann.

Dialog

„Ich sah die linearen Zeichnungen von Damaris Kerkhoff und dann fiel mein Blick auf das Werk von Günter Uecker“, erzählt Beate Terfloth. Dieses von der Wand zu nehmen, sei schwierig, wurde sie gewarnt – und so reifte in ihr die Idee des Dialogs. Ihre Linienzeichnung – in Augenhöhe und quasi im Luftraum – entwickelt durch verschiedene Stärken ein unterschiedliches Tempo. „Wie ein Gespräch, das sich auch unterschiedlich entfaltet“, so Beate Terfloth. Man habe gleichsam das Gefühl, dass sich die Linie nicht nah an das Uecker-Werk herantraut, während es mit den Kerkhoff-Zeichnungen ein direktes Gespräch gebe und die Installation von Auke de Vries viel Raum bekomme, beschreibt Dr. Mann die Wirkung. Unterstrichen wird diese Wirkung noch von der Beleuchtung; das elektrische Licht entspricht den ausgelagerten Arbeiten, die vor „Conversazione“ an den Wänden hingen.

In den 1990er-Jahren hat Beate Terfloth, die inzwischen als Professorin in Salzburg lehrt, mit Wandzeichnungen angefangen: „In meinem Ein-Zimmer-Appartement in Rom.“ Von dessen Fenster aus hat sie die schlaufenförmigen Linien gesehen, die ein Trecker auf dem Feld zog – das war noch vor GPS-Zeiten. „Das hat mich fünf bis sechs Jahre beschäftigt.“ Beate Terfloth besitzt sogar ein Linienarchiv, das auf gesammelte Landschaftslinien zurückgeht. Linien – das hat für sie auch viel mit Verortung zu tun. Wand und Linie sieht sie als zwei gleichstarke Dialogpartner.
„Sie ist eine sehr konsequente Künstlerin, sie eröffnet Räume“, sagt Dr. Mann, „man braucht viel Zeit und Lust, um sich ihre Wandzeichnung zu erobern.“ Die Thomas-Baumgärtel-Ausstellung habe vom „laut sein“, von knalligen Farben, von der Provokation gelebt; „Conversazione“ sei das genaue Gegenteil: „Es ist eine leise Ausstellung.“ Das Schöne: Man müsse sich nicht entscheiden, man könne beides genießen. „Diese Vielfalt von Kunst muss sich auch im Museum widerspiegeln“, bekräftigt Dr. Mann, „gerade weil wir glauben, es müsste immer alles klar und festgelegt sein.“ Eine Linie beschreibe keinen Gegenstand, sie sei pure Imagination: „Es hängt von den Bildern in unserem Kopf ab, was wir sehen.“ Nach dem Ende der Ausstellung am 13. März 2022 wird die Wandzeichnung wieder verschwinden. „Das widerspricht der ständigen Verfügbarkeit von allem, wir können dieses Werk nicht vereinnahmen, man muss es vor Ort erleben.“ In einem anderen Raum im 1. Stock des Museums zeigt Beate Terfloth außerdem Pinselzeichnungen aus den letzten Jahren. Auch hier wieder: Linien – gezogen mit einem extrem feinen Pinsel, der nur begrenzt viel Farbe aufnehmen kann. „Das Papier wehrt sich manchmal“, beschreibt Beate Terfloth den Schaffensprozess, „es sind Mikroereignisse, um die es geht.“

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Aquarelle

Im Erdgeschoss schließlich werden Aquarelle der Künstlerin gezeigt, die in Paris entstanden sind, darunter ganz neue Arbeiten vom Mai dieses Jahres. Bilder des französischen Malers Ferdinand Victor Eugène Delacroix (1798 bis 1863) haben sie inspiriert; vor allem „Der Tod des Sardanapal“ von 1827; dieses Werk sei ihr „Sehnsuchtsort“ gewesen. „Es war ein langes konzentriertes Schauen, auch mit vielen Detailfotos“, erzählt Beate Terfloth, „ich wollte ganz lange vor den Bildern sitzen.“ Gemalt sind ihre Aquarelle mit einem dicken Pinsel; dadurch entwickelte sich immer wieder ein neuer Farbauftrag. Auf den anthrazitfarbenen Wänden kommen die Aquarelle besonders gut zur Geltung.

Alkoven

Im Foyer des Museums erwartet die Besucher außerdem ein Kunstwerk von Beate Terfloth, das sich an den Alkoven (Anm. d. Red.: Bettnische, Schlafnische oder Wandbett) des Federigo da Montefeltro im Palazzo Ducale in Urbino/Italien anlehnt. Gestaltet wurde der drei mal drei Meter große Alkoven vom Künstler Fra Carnevale mit geometrischen Figuren und Pflanzenmotiven. Die barocke Bemalung, mit ihrer Hinwendung zu einem Paradiesgarten, hat Beate Terfloth fasziniert.
Sie ließ sich in einer westfälischen Schreinerei für ein Kunstprojekt einen Alkoven in dieser Größe anfertigen; mit einem stabilen Boden, so dass die Besucher den Kubus auch betreten können. Die Wände sind außen und innen mit einem klassischen weißen Kreidegrund bemalt; Struktur ensteht durch Landschaftslinien. „Ist es ein Bild, ein Möbel, Architektur oder irgend­etwas dazwischen?“, fragt Beate Terfloth, „das fand ich spannend in der Verbindung mit meiner Art der Wandzeichnung.“ Das Werk war bisher zweimal zu sehen und war zwischendurch eingelagert. Nun wird der Alkoven in Goch gezeigt und „sprengt“ den Museumsraum auf, wie es Dr. Mann formuliert.

Bereits im Jahr 2000 war Beate Terfloth im Museum Goch mit einer Ausstellung vetreten. „Es waren eigentlich schon Zeichnungen geplant, doch daraus wurde etwas anderes“, erinnert sich Dr. Mann an eine seiner ersten Ausstellungen, die für Goch damals schon „spektakulär“ gewesen sei. Beate Terfloth schuf große Skulpturen, die drei – kaum 15 Zentimeter großen – Tonspardosen aus dem südindischen Bangalore nachempfunden waren. Aus ihnen wurden raumbeherrschende Objekte, die Farben rot und gelb klar abgegrenzt. Flächen und Raumgrenze, das sind die Aspekte, die Beate Terfloth interessieren. Wie unterschiedlich und immer wieder neu sie diese Themen interpretiert, wird in der aktuellen Ausstellung deutlich.

Eröffnung

Die Ausstellung wird am Sonntag, 31. Oktober, um 11.30 Uhr, im Museum Goch eröffnet. Zeitgleich findet das Kids Opening statt. Im Zentrum steht die Raumzeichnung „Conversazione“ von Beate Terfloth; begleitend zeigt sie in weiteren Räumen Werkgruppen aus den letzten drei Jahren und stellt diesen zwei Arbeiten von 1992/94 gegenüber.
Weitere Informationen unter
 www.museum-goch.de