“Die Feuerwehr ist der Werkzeugkasten der Stadt Geldern”

Im NN-Interview: André Bardoun (37) und Christoph Willems (30), die neue Leitung der Freiwilligen Feuerwehr in Geldern

Feuerwehr Geldern
Die neue Leitung der Freiwilligen Feuerwehr der Stadt Geldern: André Bardoun (l.) und Christoph Willems.NN-Foto: Gerhard Seybert

GELDERN. Seit knapp vier Monaten hat die Freiwillige Feuerwehr der Stadt Geldern eine neue Leitung. André Bardoun (37, von Beruf Informatiker) hat die Nachfolge von Dieter Arrets als Stadtbrandinspektor angetreten, sein Stellvertreter ist Brand­inspektor Christoph Willems (30, Berufsfeuerwehr Duisburg). Im Interview mit NN-Redakteur Michael Bühs sprechen sie über die Anfänge ihrer Laufbahn bei der Feuerwehr, ihren Werdegang, das ehrenamtliche Engagement und Pläne für die Zukunft der Gelderner Wehr.

Herr Bardoun, Herr Willems, wie sind Sie zur Feuerwehr gekommen?
André Bardoun: Schon als Kind hat mich die Feuerwehr interessiert. Eine Jugendfeuerwehr gab es damals aber noch nicht. Ein Freund bei der Feuerwehr in Hartefeld hat mich mit 18 Jahren dann zu einem Dienst­abend mitgenommen. Die Gerätschaften haben mich fasziniert, und so bin ich schließlich zu einem Dienst­abend in Geldern gegangen – und hängengeblieben.
Christoph Willems: Bei mir war es ähnlich. Ich bin ebenfalls mit 18 Jahren zu einem Dienst­abend gegangen, zusammen mit einem Freund. Nicht nur die Gerätschaften, auch die Kameradschaft hat mich begeistert, und so wurde der Kindheitswunsch zum Hobby. Das reichte mir aber irgendwann nicht mehr, deshalb habe ich mir die Feuerwehr auch noch beruflich angetan.

Der Aufstieg war “mehr ein schleichender Prozess”

Waren die leitenden Posten bei Ihnen von Beginn an ein Ziel?
Bardoun: Nein, bei mir nicht. Ich habe mich zuerst in der Jugendfeuerwehr engagiert, war fast zehn Jahre lang der stellvertretende Stadtjugendfeuerwehrwart. Danach war ich im Vorstand des Löschzugs Geldern-Mitte, einige Jahre Stellvertreter und später sechs Jahre Löschzugführer. Irgendwie habe ich mich die Leiter raufgearbeitet; es gab immer eine Lücke in der Führung, die gefüllt werden musste.
Willems: Ich bin ebenfalls nie gezielt aufgestiegen. Seit vielen Jahren übernehme ich die Ausbildungsleitung der Gesamtwehr in Geldern und bin seit etwa vier Jahren im Vorstand des Löschzugs Mitte. Außerdem habe ich in den vergangenen Jahren schon im Hintergrund der Wehrführung mitgewirkt. Letztlich war es aber alles nicht wirklich geplant, mehr ein schleichender Prozess. Es hängt viel Herzblut dran: Man will sich einbringen, Dinge verändern und voranbringen.

-Anzeige-

Was bedeutet die Feuerwehr für Sie? Was macht sie aus?
Bardoun: Der Bürger hat einen Anspruch auf Hilfe, egal ob bei einem Brand oder technischer Hilfe.
Willems: Man erlebt auch alles – von dem Bürger, der eine Maus hinterm Sofa hat, bis zur Bahn, die sich meldet, weil sie einen Pkw erfasst hat. Auch die Katze im Baum gibt es wirklich.
Bardoun: Viele Dinge, gerade in Sachen Brauchtum, wären ohne die Feuerwehr nicht möglich.
Willems: Es ist eben nicht nur das Löschen von Bränden. Die Feuerwehr hat viele verschiedene Aufgaben, unterstützt zum Beispiel bei Kirmes, Karneval und St. Martin. Sie ist der Werkzeugkasten der Stadt.
Bardoun: Viele Bürger wissen gar nicht, was wir alles machen. Trotzdem genießt die Feuerwehr einen hohen Stellenwert in der Bevölkerung.
Willems: Allerdings wird ein Dankeschön immer seltener.

Ein Dankeschön ist “ein schönes Gefühl und eine Wertschätzung”

Wie meinen Sie das?
Willems: Wenn wir beispielsweise jemanden aus einem Auto rausgeschnitten haben, kommt kaum noch jemand vorbei und bedankt sich. Das kann man in den vergangenen zehn Jahren an einer Hand abzählen.
Bardoun: Früher kamen die Leute öfter vorbei, bedankten sich und brachten kleine Geschenke. Es geht dabei aber nicht um die Geschenke; es ist einfach ein schönes Gefühl für die Kameraden, eine gewisse Wertschätzung zu erfahren und zu wissen, wie es der Person geht, der man geholfen hat. Diese fehlende Dankbarkeit wird durchaus unter älteren Kameraden diskutiert, die es noch anders erlebt haben.

Ein anderes, viel diskutiertes Thema sind die Mitgliederzahlen.
Bardoun: Bei uns stagnieren sie seit einigen Jahren. Aber: Nach den Vorfällen im Ahrtal haben wir wieder einen gewissen Zulauf. Die Leute haben gesehen, dass es ohne dieses Ehrenamt nicht geht.

Woran liegt es, dass die Feuerwehr allgemein Nachwuchsprobleme hat?
Bardoun: Die Hilfsbereitschaft ist grundsätzlich da, viele wollen sich aber nicht so lange an eine Sache binden.
Willems: Das betrifft ja nicht nur uns, sondern auch viele andere Vereine.

Ist die Gelderner Feuerwehr denn ausreichend besetzt?
Bardoun: Es kommt auf die Uhrzeit an. Abends, nach Feier­abend, sind wir gut besetzt. Tagsüber nur ausreichend.
Willems: Weil viele der Kameraden auswärts arbeiten.
Bardoun: Wer 112 ruft, dem wird auch geholfen. Aber es wird schwieriger, Leute zu finden.
Willems: Die Stadt hat bereits reagiert und gesagt, dass Mitarbeiter des Bauhofs, die in anderen Kommunen bei der Feuerwehr sind, uns während ihrer Dienstzeit unterstützen dürfen.

Feuerwehr muss heutzutage deutlich häufiger ausrücken

Ist es schwieriger geworden, einen Beruf und das Ehrenamt Feuerwehr unter einen Hut zu bringen?
Bardoun: Manche Arbeitgeber haben nicht mehr so viel Verständnis, wenn beispielsweise ein Handwerker tagsüber wegen eines Einsatzes die Baustelle verlässt.
Willems: Das liegt aber auch am Einsatzaufkommen. Wir müssen mittlerweile deutlich häufiger ausrücken als noch vor zehn oder 20 Jahren. Wir haben zwar seit einigen Jahren konstant rund 250 Mitglieder, allerdings mehren sich seitdem auch die Einsätze.

Was können Sie tun?
Bardoun: Wir versuchen, neue Mitglieder zu finden. Dazu wollen wir im nächsten Jahr eine Werbeaktion starten.
Willems: Das wird einer unserer Schwerpunkte. Das Schwierigste ist, die Leute hierhin, zu den Dienstabenden, zu holen. Denn wer einmal dabei war, bleibt in der Regel auch. Man lernt so viel fürs Leben, nicht nur das Verständnis für Gefahren.

Was macht für Sie den Reiz des Engagements bei der Feuerwehr aus?
Bardoun: Jeder Tag, jeder Einsatz ist anders. Man weiß nie, was einen erwartet. Es ist ein gewisser Nervenkitzel im Spiel und im Erfolgsfall auch eine Art von Glücksgefühl.
Willems: Nicht zu vergessen die Kameradschaft. Vom Studenten bis zum Vorstandsmitglied lernt man jeden kennen, ist alles dabei. Die gemeinsamen Erlebnisse und Erinnerungen schweißen zusammen. Es gibt gewisse Einsätze, über die man noch nach Jahren spricht.

Vorbereiten auf mehr Waldbrände und Starkregenereignisse

Sie haben die Werbung neuer Mitglieder bereits angesprochen. Welche Aufgaben kommen noch auf Sie zu?
Bardoun: Wir müssen den Brandschutzbedarfsplan (unter anderem Übersicht über Umfang und räumliche Verteilung von feuerwehrtechnischen Einsatzmitteln sowie Mindestzahl an verfügbaren Einsatzkräften; d. Red.) fortschreiben.
Willems: Und wir werden Konzepte etwa für Waldbrände und Starkregenereignisse erarbeiten. Denn die Frage ist nicht ob, sondern nur wann sie auch bei uns eintreffen. Im vergangenen Jahr hatten wir fünf Ereignisse im Wald, die zum Glück alle frühzeitig entdeckt wurden und schnell gelöscht werden konnten. Aber man muss nur mal nach Viersen schauen, um zu sehen, dass es auch ganz anders laufen kann: Dort gab es im vergangenen Jahr einen großen Waldbrand, den die Kameraden über Tage hinweg löschen mussten.

Was wird sich für Sie persönlich ändern, beziehungsweise was hat sich bereits geändert?
Willems: Es ist ein gewisses Umdenken – man führt jetzt quasi ein Großunternehmen mit 250 Mitarbeitern.
Bardoun: Man trifft nicht immer Entscheidungen, die bei allen populär sind. Da muss man mit Fingerspitzengefühl rangehen, denn am Ende sind es alles Ehrenamtliche.