Eine traurige Geschichte

KLEVE. Bella und Kolja (Namen geändert) suchen eine Wohnung. Ein Haus wäre eigentlich besser. Gebraucht würden circa 200 bis 250 Quadratmeter. Fünf Schlafzimmer wären gut. Nein – die beiden wollen kein Hotel eröffnen. Elf Personen – zwei Erwachsene und neun Kinder – suchen ein Zuhause …

Eine Chance, die Zukunft heißt

Es könnte sein, dass niemand sich für diese Geschichte interessiert. Elf Menschen suchen ein Haus – das ist keine von den Geschichten, mit denen man beim Erzählen glänzen kann. Aber beim Erzählen geht es nicht immer um den Glanz. Manchmal geht es um die Aussicht auf Heilung und eine Chance, die Zukunft heißt.
Bellas Schwester hatte fünf Kinder und war 36 Jahre alt, als sie starb. Sie starb nicht bei einem Unfall. Sie hatte keine unheilbare Krankheit. Bellas Schwester wurde umgebracht. Der Täter: Bellas Ehemann. Zwei der Kinder waren Zeugen. Für die Kinder im Alter zwischen zwei und elf Jahren brach in wenigen Minuten das Leben – ihr Leben – auseinander. Die Mutter: tot. Der Vater: im Gefängnis. Er wird vermutlich lange dort bleiben müssen.

4+5=9

Für Bella und Kolja stand schnell fest: Sie würden sich um die Kinder kümmern. Bella und Kolja haben selber vier Kinder. Man muss kein Rechenkünstler sein: Bella, Kolja, ihre vier Kinder und die fünf Kinder von Bellas Schwester: elf Menschen suchen ein Zuhause, denn wo die Familie jetzt wohnt, ist es definitiv zu eng. Karl-Heinz Schayen leitet die Außenstelle des Weißen Rings in Kleve. Er erzählt die Geschichte von Bella, Kolja und den neun Kindern. „Ich habe in den letzten Wochen jeden Stein umgedreht und unzählige Menschen angerufen. Bisher haben wir für die Familie keine passende Bleibe gefunden“, sagt er und fügt hinzu: „Da dachte ich mir, ich rufe mal bei Ihnen an. Sie könnten etwas darüber schreiben. Vielleicht finden wir dann etwas.“ Wenn Schayen von Bella, Kolja und den Kindern erzählt, merkt man ihm Respekt an. Achtung. Bewunderung. „Diese beide kümmern sich. Dabei sind sie unglaublich strukturiert und organisiert – ich habe so etwas nicht oft erlebt.“

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Umkreis: 15 Kilometer

Was aber nützen Achtung, Respekt und Bewunderung, wenn sich keine Wohnung findet? „Es müsste etwas sein, das sich in einem Umkreis von – sagen wir – 15 Kilometern um Kleve befindet. Die Kinder von Bella und Kolja gehen in Kleve zur Schule, und das soll möglichst auch so bleiben. Wir sprechen also von einem Haus in Kleve, Kranenburg – Goch vielleicht oder Kalkar“, sagt Schayen und fügt hinzu: „Jeden zweiten Tag ereignet sich in Deutschland ein Femizid.“ Eine Frau wird ermordet, weil sie eine Frau ist. Man mag diese Zahl kaum glauben. Aber hier geht es nur am Rande um diese Zahl.
„Stellen Sie sich einfach vor, was ein solches Ereignis mit den Angehörigen, Freunden und Bekannten macht. Und in diesem Fall ist das Ausmaß an Tragik eigentlich nicht steigerbar. Die Kinder von Bellas Schwester haben in kürzester Zeit ihre Eltern verloren. Die Mutter: tot. Der Vater: der Täter.“ Schayen versucht alles, damit die elfköpfige Familie wenigstens eine vernünftige Bleibe bekommt. „Das ist das, was wir tun können. Das hat etwas mit der Grundversorgung zu tun. Da sind wir lange noch nicht beim Seelenleben. Da sind andere zuständig.“

Bitte melden!

Es müsse, so Schayen, ja vielleicht nicht unbedingt ein Haus sein. „Denkbar wäre ja auch, dass in einem Haus zwei Wohnungen genutzt werden können.“ Schayens Bekanntenkreis ist groß. Im Laufe seiner jahrelangen Arbeit hat er viele Menschen kennengelernt – hat viele Verbindungen. „Trotzdem ist es mir noch nicht gelungen, etwas Passendes zu finden. Aber vielleicht lässt sich das mit Hilfe Ihrer Leser ändern.“ Wer helfen kann, meldet sich am besten telefonisch bei Karl-Heinz Schayen. Die Telefonnummer lautet: 02821/9736667, die Email-Adresse ist: kschayen@gmx.de.Heiner Frost