Es ist okay, traurig zu sein

KLEVE. Manchmal trifft einer den richtigen Nerv – Tobias Budde zum Beispiel. Der Mann hat ein Buch geschrieben und es könnte sein, dass, wenn dieser Text erscheint, die 1. Auflage schon vergriffen ist. Keine Angst: Es wird Nachschub geben. Buddes Buch heißt: „Es ist okay, traurig zu sein.“

Schade eigentlich

Gut, dass mal einer das sagt, denkt man. Dann schleicht sich – irgendwie von schräg hintenunten – der Zweitgedanke ein: Schade eigentlich, dass man einen solchen Satz aufschreiben, dass man ihn verbreiten muss.
Tobias Budde ist Journalist – arbeitet als „Freier“ für verschiedene Sendeanstalten. Sein Gebiet: Sport. Und der setzt sich hin und schreibt ein Buch über die Angst? Budde hatte, Ende 2020 war das, einen Punkt erreicht, an dem nicht mehr viel ging. Suizidgedanken machten sich breit. Das Leben – eine Last. Die Diagnose, die man ihm stellte: Depression. Es folgte ein Monat in der Klinik. Budde fand den Weg zurück. Jetzt sitzt er mir gegenüber und der Schrecken in seinem Leben ist zu einer Erinnerung geworden. Eines steht fest: Depression ist ein Krankheitsbild, das noch immer bagatellisiert wird. Budde hat erlebt, dass die Ruhe im Auge des Sturms das Leben angreift und plötzlich nichts mehr geht.

Schweigen und Abgrund

Jetzt – nach der Depression – hat er gesehen, wie alles Schweigen in den Abgrund führt. „Es ist okay, traurig zu sein“ erzählt die Geschichte von Lotta. Sie ist sechs Jahre alt. Lotta erzählt, wie ein Virus ihr Leben verändert hat. Buddes Geschichte handelt von einer langsam durchbrechenden Einsamkeit im Leben eines Kindes, dem das normale Leben abhanden kommt. Alles fehlt: der Gang zum Spielplatz, die Großeltern und irgendwie auch die Zukunft. „Ja, am liebsten hätte ich einfach nur geweint. Aber das habe ich lieber nicht gemacht. Ich habe nämlich oft gesehen, dass Kinder, die traurig sind und weinen, ausgelacht werden.“ Lotta verkriecht sich – möchte allein sein: nicht gesehen werden. Sie fragt sich, wie es wohl den anderen geht. „Mir ging es gar nicht gut. War ich krank? Oder war das normal?“ Lottas Eltern melden sich zu Wort: „Lotta hat sich opft in ihr Zimmer zurückgezogen. Sie wirkte nicht ausgeglichen, müde und wurde auch mal schnell wütend.“

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Happy End

Längst ist der Leser im Kern der Geschichte angekommen. Manchmal muss gespoilert werden: Lottas Geschichte wird ein Happy End haben. „Wenn man das Traurigsein nicht kennt, weiß man auch nicht, was das Glücklichsein bedeutet.“ Traurigkeit, lernt Lotta, ist nichts Schlimmes.
Man denkt an den Autor – denkt an das, was er erlebt, was er durchlebt hat. „Das Wichtigste für mich waren meine Freunde“, sagt Budde – und natürlich sind sie es noch immer.
„Das Wichtigste in einer solchen Situation ist Kommunikation“, sagt Budde auch und er meint: reden. Das Leben ist ein Kartenhaus: Einsamkeit ist ein Windzug. Warum schreibt einer ein Buch darüber, dass Angst okay ist? Weil es wichtig ist, genau das auszusprechen. Zurück zum getroffenen Nerv: Ohne dass Buddes Buch durch einen Verlag beworben wurde, ist die erste Auflage fast ausverkauft.

Stolz

„Ich bin total erstaunt, wohin ich das Buch schon überall geschickt habe“, sagt er und zählt Städte in Europa auf. Er spricht davon, dass Menschen ihm schreiben – ihm erzählen, was ihnen oder ihren Kindern passiert ist. Und er ist stolz. „Ich konnte das Buch durch die Unterstützung von Sponsoren drucken und jetzt ist jeder Euro, den ich mit dem Verkauf einnehme Spendengeld. Auf dem Cover sind neben Budde (Text) auch Illustrator Moritz Winkels und Marie-Sah Franken (Schrift) genannt. Der Abspann: vier Seiten Danke und Sätze wie: „Jeder von euch war und ist auf seine Art für mich da. Ich hoffe, ich kann euch ein ebenso guter Freund sein. Ihr seid einfach unfassbar wertvoll und unbezahlbar.“ Da hat einer, denkt man, alles Verpacken beiseite gelassen – da ist einer im Leben angekommen und versucht, ein Licht anzuzünden. „Ich weiß nicht mal, ob das, was ich geschrieben habe, gut ist“, sagt Budde. Das ist nicht das übliche Fishing for Compliments, denke ich. Und ich denke auch: Wenn einer die Seele der anderen erreicht, dann muss etwas Gutes da sein. Ein Geschichte wie diese, denkt man, ist mindestens ein Etappensieg. „Es ist okay, traurig zu sein“ ist – genau gesehen – nicht unbedingt ein Buch, das sich nur an Kinder richtet. Es ist der Versuch, einen Mangel zu verhandeln, über den zu selten gesprochen wird. „In schlechten Zeiten findet man oft die besten Menschen – so wie dich! Bleib unbedingt immer so, wie du bist. Warmherzig und wunderbar“, heißt es im „Abspann“ und man denkt: Das ist auch dem Autor zu wünschen. Heiner Frost
Infos

Zweite Auflage

Tobias Buddes Buch (die zweite Auflage ist für Oktober geplant) ist nicht im Buchhandel erhältlich. Es gibt keine ISB-Nummer. Wer ein Buch bestellen möchte, kann das über www.es-ist-okay-traurig-zu-sein.com tun. Der Preis für das Buch beträgt 20 Euro. Die Einnahmen aus dem Verkauf werden zu 100 Prozent gespendet.

Das Buch im Internet