Es hat mit Ankommen zu tun

KREIS KLEVE. Das Büro hätte man gern. Groß. Licht. Tolle Aussicht. Kein Wunder, dass Katrin Jungclaus, die neue Landgerichtspräsidentin in Kleve ohne Zögern zusagte, als ihr ‚der Job‘ angeboten wurde. Jetzt aber mal im Ernst: Es wird nicht das Büro gewesen sein. Ein Besuch bei der Neuen.
Wie viele Tage sind Sie schon in Kleve?
Katrin Jungclaus: Heute, am 6. August, sind es fünf.
Eine halbe Ewigkeit, wenn man bedenkt, dass es Menschen in Köln geben soll, die den Niederrhein als Sibirien betrachten.
Jungclaus: Sie wissen ja bereits, dass ich sofort Ja gesagt habe, als man mir die Position angeboten hat.
Das hat sich herumgesprochen, aber: Eine Stelle kann interessant sein – das muss ja noch nicht für den Ort gelten, an dem man sie ausübt.
Jungclaus: Natürlich fand ich die Stelle spannend. Das Gericht hier hat einen ausgesprochen guten Ruf in Richterkreisen und in Justizkreisen und die Burg ist natürlich mit einem ungeheuren Reiz verbunden. Die Stadt Kleve und den Niederrhein kannte ich nahezu gar nicht, aber genau das macht für mich auch den Reiz aus.
Köln-Kleve – Kleve-Köln … werden sie eine Pendelpräsidentin?
Jungclaus: Auf gar keinen Fall. Ich habe ja bereits eine Wohnung in Kleve. Natürlich bedeutet das auch, dass ich das Leben – genauer gesagt das Leben meines Mannes und meines jetzt umorganisieren muss.
Wie synchronisiert Frau das?
Jungclaus: Ich bin von montags bis freitags in Kleve und wir werden sehen, wie das läuft und natürlich bin ich sicher, dass mein Mann mich auch mal besuchen wird.
Was macht ihr Mann?
Jungclaus: Er ist selbständiger Dokumentarfilmer. Momentan arbeitet er an einem Film über Einsamkeit.
Ist aber hoffentlich kein Selbstversuch. Zurück zu Ihnen: Wissen Sie noch, wann Sie zugesagt haben, als Landgerichtspräsidentin nach Kleve zu gehen?
Jungclaus: Nicht auf den Tag genau. Es war Anfang März.
Und? Sind Sie dann zwischendurch mal ‚zum Angucken‘ nach Kleve gefahren und was war Ihr Eindruck?
Jungclaus: Also, es ist nicht so, dass ich noch nie hier war. Im Rahmen von Gerichtsbereisungen bin ich schon vorher in Kleve gewesen. Das hat sich dann aber natürlich in erster Linie auf die Burg bezogen. Aber in der Tat bin ich mit meinem Mann nach Kleve gefahren und wir haben uns ein bisschen umgesehen. Der Eindruck war sehr gut. Kleve ist eine sehr liebenswerte Stadt und auch die Umgebung gefällt mir ausgesprochen gut. Ich bin ein großer Wanderfan und gucke mir die Umgebung auch daraufhin an. Außerdem habe ich gehört, dass man hier wunderbar Radfahren kann.
E-Bike oder Muskelkraft?
Jungclaus: Ich habe ein Faltrad.
Kommen Sie damit zur Arbeit?
Jungclaus: Das wird nicht nötig sein. Ich wohne circa 300 Meter von der Burg entfernt.
Wie schwer war es, hier eine Wohnung zu finden?
Jungclaus: Tatsächlich hatte ich viel Glück. Ich habe relativ früh mit der Wohnungssuche angefangen, da ich wusste, dass Kleve ja eine Studentenstadt ist.
Inserat oder Empfehlung?
Jungclaus: Ich habe das über Immo-Scout gemacht.
Stand von Anfang fest, dass Sie eine Wohnung in Kleve brauchen?
Jungclaus: Ja. Köln-Kleve – das ist nicht zum Pendeln. Es hat etwas damit zu tun, hier anzukommen. Ich leite hier ein Gericht – den Bezirk und da möchte ich natürlich auch vor Ort sein. Dazu gehört auch, Teil der Gesellschaft zu werden und zu sein. Das halte ich für sehr wichtig.
Sie führen also künftig eine Wochenendbeziehung?
Jungclaus: Ja. Das machen aber viele Menschen. Sehen Sie es einmal so: Welche Qualität hat eine Beziehung, wenn ich abends um 22 Uhr nachhause komme – nach Abendveranstaltungen noch später – und morgens um 6 wieder los muss?
Abendveranstaltungen?
Jungclaus: Wir werden es sehen. Justiz – das ist mir wichtig – ist ja keine isolierte Institution. Sie ist Teil einer Stadtgesellschaft und das hat ja auch etwas mit Teilnahme zu tun. Sprich: Ich gehe gern zu Veranstaltung, bin aber auch gern Gastgeberin und wenn Corona es wieder zulässt, kann ich mir sehr gut vorstellen, dass hier auch anderes stattfindet als Prozesse.
Im letzten Jahr sollten 200 Jahre Landgericht gefeiert werden. Gibt es Nachholpläne?
Jungclaus: Momentan gibt es noch keine konkreten Pläne.
Freuen Sie sich darauf, Kleve, die Region und die Menschen zu entdecken?
Jungclaus: Auf jeden Fall.
Also nicht Provinz?
Jungclaus: Überhaupt nicht. Wissen Sie – es ist ja alles eine Frage der Perspektive.
Mal ganz was anderes. Wie halten Sie es mit der Verpflegung? Kocht die Präsidentin selbst oder gehen Sie essen?
Jungclaus: Ich verpflege mich in erster Linie selbst. Leider haben wir derzeit in Kleve keine Kantine …
…okay – jetzt, wo der Ball schon mal auf dem Elfmeterpunkt liegt: Wie wichtig ist eine Kantine?
Jungclaus: Sehr wichtig. Das ist ein Ort der Kommunikation abseits von Verhandlungen. Ein sehr wichtiger Ort, der es unter anderem Anwälten ermöglicht, zwischendurch mit Mandanten zu reden.
Stichwort Kommunikation: Welche Bedeutung haben die Medien?
Jungclaus: Sehr wichtig.
Das müssen Sie jetzt sagen, oder?
Jungclaus: Nein. Das meine ich. Die Justiz braucht Übersetzer. Wir sprechen Recht im Namen des Volkes und es ist sehr wichtig, dass unsere Arbeit verstanden wird. Da geht es häufig um äußerst komplexe Zusammenhänge.
Da sprechen Sie ein großes Wort gelassen aus.
Jungclaus: Die Justiz ist ein Bestandteil des Staates und es ist wichtig, dass, was wir tun, ‚draußen‘ verstanden wird. Wenn die Presse das – gern auch kritisch – begleitet, ist das für alle ein Gewinn. Die Bedeutung der Medien kann man also gar nicht hoch genug einschätzen.
Und – um das Thema noch einmal anzuschneiden: Gute Berichterstattung braucht gute Bedingungen. Dazu gehört auch die Kantine.
Jungclaus: Dass wir momentan über keine Kantine verfügen, ist ein Zustand, der sich ändern muss.
Das darf ich zitieren?
Jungclaus: Das dürfen Sie gern tun. Die Kantine ist ein Kommunikations-Herz. Ich hoffe, dass wir da bald eine Lösung finden. Derzeit befindet sich ja noch das Testzentrum in den Räumlichkeiten. Das Problem ist, eine solche Kantine gewinnbringend zu betreiben. Das ist an großen Gerichten eher kein Problem – bei kleineren Häusern ist es ein bisschen schwierig. Ich hoffe, dass wir zunächst einmal eine Zwischenlösung finden werden. Da reden wir von kleineren Gerichten.
Gerichte im Sinne von Speisen …
Jungclaus: Genau.
Ein letztes Mal zum Mitschreiben: Sie finden das extrem wichtig.
Jungclaus: Ja.
Letzte Frage: Strafrecht oder Zivilrecht?
Jungclaus: Ich bin durch und durch Zivilrechtlerin.
Wann findet Ihre erste Verhandlung statt?
Jungclaus: Nächste Woche.
Worum geht‘s?
Jungclaus: Die Akte liegt auf dem Tisch. Ich muss mich erst einarbeiten.
Freitag, 13.30. Kurz vor der Heimfahrt. Ich wünsche ein schönes Wochenende und: Lassen Sie die Akte bis Montag auf dem Tisch liegen.