Wer nicht zuhört, hat verloren

„Wir kennen uns“, sagt Joachim Verhoeven. „Du hast mal was über mich geschrieben. 2009. Bike Patrol.“ Mir fällt nichts ein. Es sind so viele Geschichten. „Du hast damals ein Foto gemacht – das habe ich mir vergrößern lassen.“

Schutzengel

Jetzt dämmert es. Ein Typ mit Polizei-Fahrradhelm – im Hintergrund ein Schutzengel mit gelben Flügeln. Ein Bild – fast zufällig entstanden. Damals ging es um die Fahrradstreife der Klever Polizei. Jetzt, zwölf Jahre später: ein neuer Termin. Irgendwie ist der Schutzengel noch immer da. Er hat es vom Hintergrund ins Zentrum geschafft. Seit dem 1. Februar ist Joachim Verhoeven Opferschutzbeauftragter der Kreispolizeibehörde Kleve.

Alles oder Nichts

Opferschutz, das wird nach den ersten 120 Minuten Sprechzeit klar, ist nicht ‚nine to five‘ – kein Achtstundenrendevouz mit dem Beruf. Opferschutz ist „Alles oder Nichts“ und Jo – so nennen ihn die Kollegen – Jo ist niemand für das „Nichts“. Er steht – wie auch sein Vorgänger Johannes Meurs – für das volle Programm: Alles. „Opferschutz – das muss eine Herzensangelegenheit sein“, sagt Jo und man könnte denken: Ja, ja – das sagen sie doch alle.
Man setzt sich zum Gespräch. Am Ende fällt das Aufstehen schwer: Die Geschichten drücken einen tief in den Stuhl. Vielleicht, denke ich, ist der Schutzengel doch das falsche Bild. Sind nicht Schutzengel da, um das Schlimmste abzuwenden? Verhoevens Geschichten beginnen häufig dort, wo das Schlimmste längst passiert ist. Sie beginnen, wo Menschen sich fragen, warum passieren konnte, was passiert ist.

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Zuhören

Aber es muss dann jemand da sein, der ihnen hilft. Helfen beginnt mit Zuhören. Geschichten sind nicht zu Ende, wenn Verhoeven und seine Leute sich um Menschen kümmern – Geschichten nehmen gerade eine andere Wendung. Wie soll man Opferschutz beschreiben, ohne vom Elend zu erzählen? Herzensangelegenheit – das mag für manche nach Gefühlsduselei klingen und eben das ist es nicht. Aber wer nicht meint, was er da tut, kann im Opferschutz nichts erreichen. Das Herz muss es erlauben – der Kopf muss es regeln.

Gerechtigkeit

Zeit für Fragen. Warum geht jemand zur Polizei? „Ich hatte schon immer ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl“, sagt Jo. Das klingt wie eine Diagnose, denke ich: Diagnose Opferschützer. Zur Polizei ging Verhoeven nicht zuletzt wegen der Gerechtigkeit. Und dann war da noch der ältere Bruder: Was der Bruder erzählte, beeindruckte Jo. Und was macht der Bruder heute? Es wird still und irgendwie zieht Trauer in Jos Mine: „Mein Bruder ist gestorben.“
Schnell ist zu merken, dass da in ihm noch immer etwas arbeitet: Da ist das Gewicht eines Verlustes spürbar, ahnbar und irgendwie fast greifbar. Da macht einer nicht auf stark – da gibt einer etwas zu erkennen. Da ist sich einer nicht zu schade, Trauer durch- und zuzulassen. Stark ist, wer Schwäche zulassen kann. Ein Rezept gibt es nicht. Kann es nicht geben. Darf es nicht geben. Punkt.

Theologie

Polizei war übrigens nicht die erste Idee, die Verhoeven nach dem Abi hatte. „Ich hatte tatsächlich in Erwägung gezogen, Theologie zu studieren. Aber ich hätte als katholischer Priester nicht mit dem Zölibat leben wollen“, sagt er. Der gedachte Ausweg: Konvertieren und dann evangelische Theologie studieren, „aber das hätte ich meinen Eltern nicht antun können“.
Wenn man über Opferschutz nachdenkt, kann schnell die Frage nach Gott auftauchen. Wenn einer vor Eltern steht und mitteilen muss, dass deren Kind bei einem Verkehrsunfall getötet wurde, dann gibt es keine Antwort auf die Frage, wie Gott das zulassen konnte. Wenn Kinder vor den Eltern „gehen“, wird die Dimension des Schmerzes deutlich. Darf man mit den Trauernden weinen? Verhoeven braucht einen Moment, um in der Geschichte anzukommen, bei der ihm genau das passiert ist. Da sitzt er neben einer Mutter, deren Kind bei einem Unfall getötet wurde. „Du kommst da an – die Leute sehen den Streifenwagen. ‚Ist etwas mit unserem Kind‘, fragen sie und du weißt, dass du jetzt Farbe bekennen musst.

Du hast keine Zeit für große Umwege. Du gehst mit denen ins Haus und musst diesen einen Satz sagen, an dem es kein Vorbei gibt: ‚Ihre Tochter ist bei einem Unfall ums Leben gekommen.‘ Am Ende habe ich mit der Frau auf dem Sofa gesessen, ihre Hand gehalten und auch geweint.“ Es gibt in einer solchen Situation nichts Pauschales. „Du empfindest, was im Augenblick das Richtige, das Einzigmögliche ist.“ Es hilft, wenn einer Erfahrungen im und mit dem Leben gesammelt hat, aber: Die Erfahrung von gestern hat nichts zu tun mit der Situation von heute. Keine zwei Fälle gleichen sich – sie ähneln einander: in der Not – im Schmerz. Als Opferschützer ist es wichtig, das Leben nicht auf Abstand zu halten.

Anker

Wie wird man fertig mit den Geschichten, die ja keine Geschichten sind, sondern Schicksale? Verhoeven: „Ich spreche mit meiner Frau darüber. Sie ist ein Anker.“ Verhoevens Frau ist auch Polizistin. Sie kann Seelenstürme taxieren und Vieles muss nicht groß erklärt werden.
Ist Verhoeven ein Missionar? „Das glaube ich nicht. Aber ich bin einer, dem Menschen wichtig sind. Sehr wichtig. Wenn dir die Menschen nicht wichtig sind, kannst du den Job nicht machen“, sagt er. Das unsichtbare Credo: Wer nicht zuhören kann, hat schon am Start verloren.

Der Zipfel des Eigentlichen

Natürlich kann man sich im Vorhinein überlegen, was passieren könnte, aber wer zu viel im Voraus bedenkt, erwischt nicht mehr den Zipfel des Eigentlichen. Da ist dieser Spagat: sich selber abzuschalten und trotzdem reagieren zu können. „Du musst, was immer auch passiert, Dich selber zulassen“, sagt Verhoeven.
In regelmäßigen Abständen trifft er die Kollegen vom Opferschutz. Fälle werden besprochen. Eigentlich ist schon „Fälle“ das falsche Wort.
Bei den Treffen geht es auch um den Austausch von Erfahrungen – es geht um die Balance zwischen Zuhören und Weitergeben. „Wenn jemand zu dir kommt – sagen wir ein Opfer häuslicher Gewalt – dann kannst du nicht sagen: ‚Kommen Sie morgen wieder – ich habe gerade zu tun.‘ Wir sind die Polizei: Wir sind die, die helfen. Wir sind die, auf die Menschen sich verlassen sollen.“ Freund und Helfer.

Nahtstelle

Da ist er wieder: der Gedanke vom Schutzengel im Nachhinein.
Getroffen ist betroffen. Mit dem Unglück kommen die Fragen. Opferschutz – das ist im besten Fall eine Nahtstelle zwischen Bürokratie und Kümmern: eine Anlaufstelle. Es geht um Professionalität und Ermöglichung. Opferschützer sind keine Seelsorger. Trotzdem füllen sie, was für den Apparat ‚Vorgänge‘ sind, mit Zugänglichkeit, Transparenz, Erreichbarkeit und Aufgehobensein. Sucht man im Internet den Opferschutz der Kreispolizeibehörde Kleve, findet man die Stichworte „Operschutz und Opferhilfe“. Jetzt löst sich das Schutzengelparadox zum Guten: Schutz und Hilfe. Kümmern.

Handlungsuniversum

Opferschutz – auch das wird klar – ist weit mehr als das Überbringen von Todesnachrichten. Opferschutz ist ein Handlungsuniversum. „Die Menschen sollen sich aufgehoben fühlen. Das ist mir wichtig“, sagt Verhoeven. Auch wichtig: Die Kollegen mitnehmen. Alle Kollegen. „Ich rede da nicht nur von den Kollegen im Opferschutz-Bereitschaftsdienst“, sagt Verhoeven. Es könne ja auch passieren, dass Kollegen selbst zu Opfern werden. „Da wird dann für manchen, der sich vorher nie mit dem Opferschutz befasst hat, eine Türe geöffnet.“ Opferschutz – das ist wie ein Wohnungsinserat. „Wenn du keine Wohnung suchst, fällt es dir kaum auf. Aber wenn du eine suchst, entdeckst du plötzlich überall Wohnungsinserate. “
Gibt es eine Ein-Satz-Definition von Jo Verhoeven? „Ja. Ich mag Menschen.“ Dem ist nichts hinzuzufügen. Wer sich an Joachim Verhoeven (Opferschutzbeauftragter für kriminalpolizeiliche Angelegenheiten der Kreispolizeibehörde Kleve) wenden möchte: Telefonnumern 02821/5041977 oder 02824/991977. Mobil: 0152/54988219. Mail: joachim.verhoeven@polizei.nrw.de.

Opferschutz und Opferhilfe der Kreispolizeibehörde Kleve

Jo Verhoeven, 2009. Foto: HF