NIEDERRHEIN. Dass die Delta-Variante spätestens im Herbst die Infektionszahlen wieder in die Höhe treiben wird, davon ist Professor Dr. Jörg Timm überzeugt. „Die entscheidende Frage ist aber, wie gefährlich das ist“, sagt der Leiter des Instituts für Virologie an der Uniklinik Düsseldorf und verweist auf die aktuelle Situation in England. „In den Krankenhäusern ist kein deutlicher Anstieg an Covid-Patienten zu verzeichnen“, sagt Timm: „Das ist ein gutes Zeichen.“ Vorrangiges Ziel sei deshalb, möglichst schnell möglichst viele Menschen zu impfen. „Eine vollständige Impfung senkt das Risiko eines schweren Krankheits-Verlaufs“, weiß der Virologe und betont, dass es keinerlei Hinweise dafür gebe, dass ein Impfstoff besser als der andere sei.

Nordrhein-Westfalen liegt aktuell im bundesweiten Vergleich mit einer Covid-Erstimpfungs-Quote von fast 59,5 Prozent auf Platz 4, bei der Zweitimpfungsquote auf Platz 2. Damit haben mittlerweile mehr als 10.670.000 Menschen in NRW ihre erste Impfung und über 7.650.000 Menschen ihre zweite Impfung erhalten. Bundesweit wurden von Seiten der Arztpraxen, die mehr als die Hälfte dieser Impfungen durchführen, in der vergangenen Woche rund eine Million Impfstoff-Dosen weniger als in der Vorwoche geordert. Vor allem AstraZeneca wird immer weniger nachgefragt – nämlich nur noch ein Drittel der eigentlich zur Verfügung stehenden Menge.

Hapert an der Abstimmung

Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, Dr. Frank Bergmann, kritisiert die Art und Weise der Verlautbarung der Ständigen Impfkommission (Stiko), wonach Kreuzimpfungen von AstraZeneca (Erstimpfung) und einem mRNA-Impfstoff wie BioNTech oder Moderna (Zweit­impfung) deutlich wirksamer gegen die Corona Delta-Variante wirken als eine homologe, zweifache Impfung mit AstraZeneca: „Aus medizinischer Sicht ist die Empfehlung der Stiko vollkommen richtig. Aber an der Abstimmung hapert es leider immer wieder, und das bloße Verkünden dieser Empfehlung seitens der Stiko ohne vorherige Absprache hat dem Ganzen so ein Stück weit die Krone aufgesetzt. Unsere Niedergelassenen haben seit ihrem Einstieg in die Impfkampagne vor drei Monaten immer wieder erlebt, dass auf Impfstoffankündigungen kein Verlass ist – nun wurde an den Kassenärztlichen Vereinigungen und den Praxen vorbei verkündet, dass AstraZeneca als ‚alleiniger‘ Impfstoff im Grunde genommen keine Chance mehr hat. Die daraus resultierende große Verunsicherung der Patienten bekommen die Praxen umgehend zu spüren, und das sorgt für Frust. Hier wäre eine durchdachte Kommunikation und Absprache dringend geboten gewesen.“

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“Wirksamkeit ist durchaus vergleichbar”

Der stellvertretende KVNO-Vorsitzende Dr. Carsten König, selbst impfender Hausarzt, sieht das auch so und gibt zu: „Ich hätte am liebsten die Telefonleitung gekappt.“ 90 Prozent der Patienten hätten mitgeteilt, keine Zweitimpfung mit AstraZeneca zu wollen. „Aber so kurzfristig funktioniert das nicht, zumal die Impfdosen jeweils in der Vorwoche bestellt werden müssen“, erklärt König. Seine große Sorge sei nun, dass es die eine oder andere Praxis gibt, die deswegen aus der Impfkampagne aussteigt. Man dürfe diejenigen, die es umsetzen müssen, nicht aus den Augen verlieren. König und Bergmann stellen klar: „Die Kreuzimpfung zeigt eine sehr hohe Wirksamkeit, ist aber durchaus vergleichbar mit einer zweifachen Impfung mit AstraZeneca oder BioNTech.“

Vollständige Impfung schützt auch vor Delta-Variante

Dass es auf die Zweitimpfung ankommt, stellt Timm noch einmal heraus: „Die Immunantwort steigt nach der zweiten Impfung noch einmal stark an.“ Die Delta-Variante zeige eine höhere Übertragbarkeit und führe zu einer geringeren Wirksamkeit von Antikörpern. Bei vollständig geimpften und immungesunden Personen sei mit einer hohen Wirksamkeit der Impfung – auch gegen die Delta-Variante – auszugehen.

Die Nutzung unterschiedlicher Impfstofftechnologien sei ein gut untersuchtes Konzept, erklärt der Düsseldorfer Virologe. Die Stiko-Empfehlung für unter 60-Jährige zur Kreuzimpfung mit einem mRNA-Impfstoff, wenn einmalig mit einem Vektorimpfstoff geimpft wurde, basiere auf diesem Ansatz. Wichtig sei auch, dass damit ein kürzerer Impfabstand möglich sei und früher ein vollständiger Schutz hergestellt werden könne.

Kreuzimpfung im Urlaubsland anerkannt?

Die Mediziner raten, sich vor Planung einer Reise zu informieren, ob eine Kreuzimpfung anerkannt wird. „Im europäischen Ausland sollte das kein Problem sein“, sagt Bergmann. Generell hält er es für wichtig, Geimpften, auch mit Blick auf die Impfbereitschaft, mehr Freiheiten einzuräumen. Mit Sorge beobachte er, dass in letzter Zeit eine „gewisse Sorglosigkeit“ eingekehrt sei. „Solange wir erst auf halbem Weg sind, sollte man sich zum Schutz der Ungeimpften solidarisch zeigen“, findet Bergmann. Das Tragen von Masken sei unproblematisch – „und bleibt sinnvoll“.