Kunst-Schnittstellen

KLEVE. Eine Einladung: In diesem Schuljahr ist für Schüler, Eltern und Lehrer sehr vieles anders gelaufen als geplant. Das betrifft auch das diesjährige zweiwöchige Berufspraktikum in der Klasse 10 am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium Kleve. Für die Schüler, die wegen der Pandemie in diesem Schuljahr keinen Praktikumsplatz finden konnten, schafft die Schule ein alternatives und abwechslungsreiches Angebot zur beruflichen Orientierung.

Berufsfelder

Dabei werden auch digitale Angebote und Formate eingesetzt, die vor allem in der ersten Praktikumswoche zum Tragen kommen. In der zweiten Praktikumswoche stellt der jeweilige Fachunterricht die Thematik „Berufsorientierung“ in den Fokus. Die Fachschaft Kunst besucht in diesem Zusammenhang das Museum Kurhaus Kleve. Bei dieser Informationsveranstaltung erfahren die Schüler, welche Berufsfelder im Museum vorzufinden sind und bekommen einen genaueren Einblick in verschiedene Tätigkeitsfelder.“

Treffpunkt Pinakothek

Na dann: 12. 10 Uhr. Eintreffen am Kurhaus. Austragungsort: die Pinakothek. Maskenpflicht. Dazu: hallige Akustik. Eigentlich sollte die Veranstaltung draußen stattfinden. Es regnet. Da muss man umdisponieren. Begrüßung: Leider ist der Museumsdirektor nicht da. Kein Problem: „Ich heiße Valentina Vlasic und ich werde euch erklären, was man im Museum alles arbeiten kann. Habt ihr da eine Idee?“ Das ist jetzt der Augenblick, wo viele Blicke Kontakt zum Museumsfußboden aufnehmen. Valentina macht das nichts. Da nimmt Frau einfach mal jemanden dran.

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Museumstechnik

Und bitte: Es gibt ein Resultat. Wie wär‘s mit dem Beruf Museumstechniker. „Das ist sehr komplex“, sagt Valentina Vlasic – im Folgenden platzsparend VV genannt. „Tricky“ ist es auch. Wer nun denkt, ‚wie langweilig ist das denn?‘, sieht sich schnell getäuscht. Museumstechniker – ein komplexes, spannendes Feld. „Tricky.“ Schließlich geht es um weit mehr als das Aufhängen von Bildern. Die Museumstechniker sind die Mittler zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Nicht alles, wovon Kuratoren – Ausstellungsmacher also – träumen, lässt sich einszueins umsetzen. „Wir haben bei uns einen ausgebildeten Tischler und einen ausgebildeten Maler als Museumstechniker“, erzählt VV. Das wichtigste im Beruf: Erfahrung. Erfahrung mit dem Handwerk, Erfahrung mit der sozialen Komponente, denn: Künstler – und auch Kuratoren – das ist eine Welt für sich und wenn man zu begreifen beginnt, dass Ausstellungen nicht am Tag X fertig an der Wand hängen und dementsprechend die Wie-Frage stellt, dann ist eben dieser Beruf die optimale Kombination von Handwerk und Kunst.

Führungskraft

Oder wie wär`s mit Führungskraft? Nein – es ist nicht die Chef-Etage gemein. Es geht diesmal um die Schnittstelle zwischen Kunst und Publikum. V.V. will ehrlich sein: „Führungskräfte arbeiten häufig als freie Mitarbeiter.“ Suboptimal. Immerhin: „Bei uns in Kleve zwackt das Museum von den Führungsgebühren nichts ab. Das kann anderswo passieren.“

Kuratoren

Und dann: die Kuratoren. Das sind Menschen wie V.V. – die hat Kunstgeschichte studiert – sozusagen im zweiten Anlauf. Der Papa wollte eigentlich, dass die Tochter „was Vernünftiges“ lernt. Wirtschaft vielleicht. Das hielt V. V. nicht lange durch. Wechsel zur Kunstgeschichte. Kurator – ein ziemlich spannender Job: Schnittstelle zwischen Künstlern, Wissenschaft, Museumstechnik und … Versicherungswesen. Klingt irgendwie nach der Doppelnullsieben des Museumswesens.

Registrar

Was ist eigentlich, wenn ein Museum Kunst von einem anderen Museum ausleihen möchte? „Da bekommen wir dann eine Anfrage für das Kunstwerk X.“ Die erste Frage lautet: „Wo isses denn?“ Dann schlägt die Stunde des Registrars. Der kennt sich aus in der Sammlung. Schnittstelle zwischen Sammlung und Kuratoren. „Heutzutage ist es längst möglich, ein Archiv mit QR-Codes zu versehen. Da lassen sich dann Kunstwerke schnell finden.“

Provinienzen

„Habt ihr denn schon mal etwas von Provinienz-Forschung gehört?“, fragt V.V. die Gäste. „Hat das was mit Geschichte zu tun?“ Ja. Auch. Provinienzforschung – Schnittstelle zwischen Kunst, Geschichte, Moral, Ethik. V.V.: „Es wird ja heute viel darüber diskutiert, ob es zum Beispiel mit Exponaten in Völkerkundemuseen seine Richtigkeit hat. Kann es sein, dass man Nofretete in Berlin besichtigen kann und nicht in Ägypten?“
Und dann die Besitzfrage im Zusammenhang mit Kunstwerken, die einst jüdischen Sammlern gehörten, die von den Nazis enteignet wurden. „Jedes Museum versucht heutzutage, die Herkunft von Kunstwerken zu klären. Man will eine ‚saubere‘ Sammlung.“

Restauration

Was gäbe es denn noch? Die Restauratoren zum Beispiel. Schnittstelle: Kunst und Befindlichkeit. Natürlich geht es um das Befinden der Kunstwerke, um ihre Erhaltung oder ihre Wiederherstellung.

Aufsicht

An der Schnittstelle zwischen Kunst und Publikum arbeiten auch die Aufsichten. V.V.: „Auch das ist eine sehr komplexe Beschäftigung. Die Aufsichten stehen ja nicht einfach in der Gegend. Sie sind – unter anderem – unsere Sicherheitsbeauftragten.“ Es komme, erzählt V. V. – imme wieder vor, dass Kunstwerke ‚attackiert‘ würden. Ein Punkt, an dem die Aufsicht einschreitet.
Als der Schreiber dieser Zeilen im Museum eintraf – wieder einmal zu früh – spazierte er noch mal kurz am Mittelalter vorbei zur Beuys-Ausstellung im Westflügel. Nach circa fünfeinhalbminütigem Aufenthalt: Rücksturz in die Pinakothek. Da höre ich sie: die Stimme einer freundlichen Dame: „Oben sind auch noch Ausstellungsräume“, sagt sie.

Empfang

Was hätten wir noch? Die Empfangsdamen. Ihr Reich: der Museumsladen und – der Name sagt es schon – Empfang der Gäste. Verkauf der Karten. Noch eine Schnittstelle also zwischen Museum und Publikum. Es ist, denkt man nach einer knappen Stunde, alles ein spannendes Räderwerk, bei dem eins nicht ohne das andere existieren könnte.
P. S. Was ist eigentlich mit Kunstdieben und -fälschern Nun ja – das sind dann eher ein Beruf auf der anderen Seite.