„Ich habe mich nicht mehr willkommen gefühlt“

Wahl-Heimat England: Der Brexit macht Lars Koerdt aus Issum zu schaffen

Lars Koerdt vor seinem Haus in Leeds. In England fühlt sich der Niederrheiner seit 25 Jahren zu Hause – mit dem „Brexit“ hat sich das geändert. Foto: privat

LEEDS/ISSUM. „Ab dem Tag habe ich mich nicht mehr willkommen gefühlt,“ sagt Lars Koerdt. Gemeint ist der 23. Juni 2016. An diesem Tag stimmten die Bürger des Vereinigten Königreichs mit knapper Mehrheit dafür, dass ihr Land die Europäischen Union verlassen soll. „Ab dem Tag habe ich mit meinen Kindern nur noch Deutsch gesprochen – um alle Optionen offen zu halten“, sagt der 52-jährige Wahl-Brite. Vor 25 Jahren ist der Issumer der Liebe wegen ausgewandert. Jetzt macht er sich große Sorgen. „Die Populisten sind überall auf dem Vormarsch“, weiß Koerdt, „aber gerade hier in England habe ich Bedenken wegen der staatlichen Willkür.“

Dabei hatte Lars Koerdt lange Zeit noch ein klein wenig Hoffnung, dass aus dem beschlossenen „Brexit“ nichts wird. Die von der damaligen britischen Premierministerin Theresa May Ende März 2017 formal eingeleiteten Austrittsverhandlungen zogen sich hin, Fristen mussten mehrfach verlängert werden. Doch nach Mays Rücktritt und monatelangem zähem Ringen konnte sich Premierminister Boris Johnson schließlich mit der Europäischen Union einigen. Zum 1. Februar 2020 trat Großbritannien als erstes Land in der Geschichte der europäischen Staatengemeinschaft aus der EU aus. Damals feierten die „Brexiteers“ den EU-Austritt auf den Straßen, während die Gegner Mahnwachen abhielten. Mit dem Austritt aus dem EU-Binnenmarkt und der Zollunion Anfang diesen Jahres war der Brexit endgültig vollzogen. Premierminister Boris Johnson sprach von einem „großartigen Moment“. Andere zeigten sich weniger begeistert.

Gefühlter Anfang vom Ende

Für Lars Koerdt war es der gefühlte Anfang vom Ende. „Boris Johnson und seine konservative Partei können machen, was sie wollen und brauchen dafür noch nicht einmal Mehrheiten“, zweifelt Koerdt am Demokratieverständnis – und dem Wahlsystem – der Briten. Hier gilt: the winner takes it all. Die Stimmen der Unterlegenen „verfallen“. Politische Vielfalt? Fehlanzeige. Die größte Partei kann mit einer relativen Stimmenmehrheit in den meisten Fällen eine absolute Mandatsmehrheit im Unterhaus erreichen – Koalitionen sind nicht notwendig. Das führt letztlich auch dazu, dass Konflikte zunehmen. Fast täglich sei der Streit zwischen der EU und Großbritannien über die Ausgestaltung von Brexit-Regelungen für Nordirland ein Thema in der Presse. Und nach dem klaren Erfolg bei der Parlamentswahl in Schottland drängen die Nationalisten auf eine neue Volksabstimmung – und Unabhängigkeit von Großbritannien. Auch in Wales mehren sich die Stimmen nach Separation.

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„Dabei möchte ich eigentlich gar nicht weg“, sagt Lars Koerdt. Schließlich hat er sich in Leeds als selbstständiger Kaminbauer einen Namen gemacht. Seine drei Kinder sind hier geboren. Es war Glück im Unglück, das ihn seiner niederrheinischen Heimat den Rücken kehren ließ. Anfang der 1990er Jahre machte er Urlaub in England, hatte einen Unfall, lag im Krankenhaus – und verliebte sich in die Krankenschwester. „Erst gepflegt, dann geheiratet“, ist Koerdt dem Schicksal letztendlich sehr dankbar. 1994 zog er in die nordenglische Grafschaft Yorkshire, blieb aber stets in Kontakt mit den Daheimgebliebenen. „Meine Mutter lebt in Issum und ich habe auch noch Kontakt zu Freunden“, sagt Koerdt. In England selbst habe er wenig Kontakt zu anderen Deutschen. „Man bleibt hier als Ausländer nicht unter sich“, sagt er. Man möchte sich integrieren, schnell heimisch werden. Dazu gehört auch, die britische Mentalität zu akzeptieren. „Man fühlt sich durchaus anderen Nationen überlegen und zeigt das auch“, sagt Koerdt und verweist auf die Militärparaden und das generelle Selbstverständnis der Briten, Dreh- und Angelpunkt des großen „Empire“ zu sein. Das Verhältnis zu den Deutschen beschreibt Koerdt als „kompliziert“. „Die Engländer bewundern Deutschland für viele Dinge“, weiß er, „aber wenn man mit ihnen diskutiert, läuft es am Ende meist doch nur auf ein „Aber-wir-haben-den-Krieg-gewonnen“ hinaus.“

Lars Koerdt
sieht sich als Europäer

Dabei sieht sich Lars Koerdt gar nicht als Deutscher. Auch nicht als Brite. Sondern schlicht und einfach als Europäer. „Mir gefällt das Prinzip der offenen Grenzen“, sagt er. Deswegen sei es für ihn auch nie eine Frage gewesen, seinen deutschen Pass abzugeben. „Warum sollte man sich rückwärts bewegen“, hielt er das stets für unnötig. Heute ist er froh, dass seine Frau aus Nordirland stammt und damit auch die Kinder Anrecht auf einen „europäischen“ Pass hätten – sollte man sich irgendwann gezwungen sehen, England zu verlassen. Lars Koerdt hat aktuell einen „settled status“. Allerdings nur online. „Ein Dokument – und damit mehr Sicherheit – gibt es für die in Großbritannien lebenden EU-Bürger nicht“, bedauert er. Theresa May hätte seinesgleichen als „citizens of nowhere“ beschrieben, Boris Johnson ließ verlauten, es sei „an der Zeit, dass sich EU-Bürger hier nicht mehr zu Hause fühlen“. „Vor dem Brexit habe ich mich nie als Ausländer gefühlt“, sagt Koerdt. Das sei heute anders. Fassungslos habe er den Wahlkampf beobachtet. „Da wurde mit Jetzt reicht‘s!-Slogan und Bildern von syrischen Flüchtlingen billig Stimmung gemacht“, sagt er. Im Gespräch sei aktuell, ob man künftig als Ausländer mehr Geld in die Krankenkasse einzahlen muss. Gerade erst vom Tisch sei die Debatte über die Aberkennung der Rentenansprüche, wenn man Großbritannien verlassen sollte – auch wenn man jahrzehntelang eingezahlt hat. „Man weiß nie, was als Nächstes kommt“, ist Lars Koerdt davon überzeugt, dass der Brexit weitere Konsequenzen haben wird. Korruption in höchsten Politiker-Kreisen sei mittlerweile kaum noch eine Schlagzeile wert. „Man fühlt sich fast an Donald Trump erinnert“, ärgert er sich.

„Viele EU-Bürger
verlassen das Land“

Was er eigentlich stets als Vorteil gesehen habe, sei die unkomplizierte Art der britischen Behörden gewesen. „Ein Einwohnermeldeamt gibt es hier nicht. Man tätigt einen Anruf, bekommt eine national insurance card – und ist drin im Sozialsystem“, sagt Koerdt. Offizielle Qualifikationen werden kaum benötigt. „Wer ein Geschäft aufmachen möchte, gibt eben Bescheid und zahlt seine Steuern – das ist hier kein großes Ding.“ Auch als er mal Fahrzeugschein und -brief verloren hatte, war das Ausstellen neuer Papiere eine Sache von ein paar Minuten. „Der Mann hat sich aus dem Fenster heraus mein Auto zeigen lassen und ein paar Pfund kassiert – fertig.“ Eben dieser lockere Umgang mit der Bürokratie bereitet dem 52-Jährigen heute Sorgen: „Du darfst machen, was du willst. Blöd ist nur, dass auch alle anderen machen, was sie wollen.“ In Verbindung mit einer politischen Ausrichtung, die immer tiefer ins rechte Lager rückt und einer Opposition, die kaum etwas zu melden hat, fühlt er sich der Willkür überlassen. „Viele EU-Bürger verlassen das Land“, weiß er. Würde er nicht schon seit 25 Jahren hier leben, käme er wohl auch in Versuchung. „Im Moment steht das zwar noch nicht zur Debatte – aber vielleicht ist man irgendwann doch dazu gezwungen.“