Neue Stolpersteine in Kleve

KLEVE. Die Geschichte ist eine Walze. Sie übt den immergleichen Druck aus, aber die Untergründe ändern sich: Manches wird eingeebnet und verschwindet fast spurlos – anderes ist auch durch hohen Druck nicht zu zerstören. Geschichte ist Erinnerung und insofern immer auch davon abhängig, wer sich erinnert.

Nummer 109 bis 115

Seit 2016 werden(nicht nur) in Kleve „Stolpersteine“ verlegt: 108 sind es bisher in der Schwanenstadt. 108 mal entsteht im Boden ein Widerstand, der sich möglichst in den Köpfen fortpflanzen soll. Am kommenden Freitag, 18. Juni, werden nun weitere Stolpersteine verlegt: Nummer 109 bis 115.

Aktiv erinnern

Edmund Verbeet, Mitglied in der „AG Geschichte“: „Bestimmt gibt es Menschen, die jetzt sagen: ‚Schon wieder Stolpersteine.‘ Wenn wir an Geschichte erinnern wollen, dann nicht mit einer einmaligen Aktion, sondern mit fortgesetztem, aktiven Erinnern. Wiederholung ist ein wichtiges Element. Und die Erinnerung soll mitten im Leben und generationsübergreifend stattfinden.“
Die Stolpersteine sind Hindernisse – metaphorisch und im wirklichen Sinn. Sie erinnern an Menschen; sie erinnern an eine Zeit, die nicht vergessen werden soll. Aber Zeit ist ein Abstraktum, das erst durch Menschen und die Erinnerung an sie entsteht und durch Vergessen vergeht.

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Zwei Familien – zwei Schicksale

Diesmal geht es um zwei Klever Familien und ihre Schicksale. „Stolpersteine für Flora Haas. Dr. Gerhard Walter Haas, Rosa und Ernst Wilhelm Haas (Tiergartenstraße 58), sowie Klara, Ludwig und Erich Hertz (Spyckstraße 147). Hinter diesen Namen steckt Geschichte, weil die Namensträger selbst Teil von ihr waren. Dr. Gerhard Walter Haas zum Beispiel war Richter. Ein angesehener Mann – einer mit Amt und Würde. Einer, der 1933 „von jetzt auf gleich“ sein Amt verlor. Seine Familie floh vor den Nazis nach Caracas und blieb dort – bis auf Gerhard Walter Haas. Er kam zurück nach Deutschland: zurück nach Kleve. 1951 war das. 1952 wurde er wieder Richter – am selben Gericht, an dem er vorher beschäftigt war. Seine beiden Brüder – beide im Vorstand des VfB Kleve, hatten – ebenfalls im Jahr 1933, ihre Vorstandsposten im Verein abgeben müssen. Juden passten nicht ins Weltbild, eines Systems, das den Höhepunkt seiner Menschenverachtung längst noch nicht erreicht hatte. Nie vergessen darf man, dass ein „System“ erst durch Menschen möglich ist, die es unterstützen.

Einsam, krank, unglücklich

Als der Richter Haas zurück nach Deutschland und also nach Kleve kam, war das System untergegangen, aber mit Haas kam ein von der Geschichte Gezeichneter zurück und traf nicht nur auf offene Arme. Es gab da einen Geschäftsführer bei Gericht, der Haas weiterhin feindschaftlich entgegentrat – ihn „Jöd“ nannte – ihn wann und wo immer möglich lächerlich machte. Haas: ein einsamer, kranker, unglücklicher Mann, der seinen Weg zurück ins Leben nicht wirklich gefunden hat. Sieben Jahre lebte er im Hotel. Drei Jahre nach seiner Pensionierung starb Haas.

Zeitzeuge

Eine Geschichte von vielen, die zu erzählen sind. Helga Ullrich-Scheyda hat auch diese Geschichte rekonstruiert. Behilflich war ihr ein Zeitzeuge: Hans-Günther Schloesser – seines Zeichens Rechtsanwalt. Als das unselige Regime seinen Aufstieg begann, war Schloesser ein Kind. Aber er hat die Zeit „danach“ bewusst miterlebt. Ullrich-Scheyda: „Herr Schloesser hat uns sehr viel erzählt und einiges davon wird bei der Verlegung der Stolpersteine auch zitiert werden.“ Hans Günther Schloesser selber wird nicht anwesend sein: zu hoch das Alter, zu groß die Strapazen.

Gesamtschule am Forstgarten

Beginnen wird die Verlegung am 18. Juni um 9 Uhr an der Adresse Tiergartenstraße 58. Es wird ein Grußwort des Bürgermeisters geben, die Begrüßung wird Thomas Ruffmann vornehmen – für die Moderation wird Edmund Verbeet zuständig sein.
„Das Wichtige an der Veranstaltung ist für mich, dass es einen Beitrag des Projektkurses der Klasse 9 der Gesamtschule am Forstgarten geben wird. Der Kurs hat eigene Recherchen angestellt. Das Ergebnis kennen wir noch nicht und so bin ich auf die Präsentation der Jugendlichen sehr gespannt.“

Intermezzi

Der zweite Teil der Verlegung findet dann um 9.45 an der Spyckstraße 147 statt. Ullrich-Scheyda: „Es wird übrigens als musikalische Intermezzi Jüdische Tanzmusik aus den 1920-er Jahren gespielt. Das mag zuerst einmal fremd erscheinen, wenn man in diesen Zusammenhängen Tanzmusik einsetzt, aber wir sprechen von Familien, die in Kleve eine Bedeutung hatten und zu deren Leben vor der Machtergreifung eben auch solche Musik gehörte.“
Edmund Verbeet: „Wir laden alle Interessierten herzlich zu den Terminen ein. Dank der niedrigen Inzidenz muss sich niemand anmelden. Masken sollte man dabei haben. Momentan ist es ja möglich, sich draußen mit bis zu 100 Menschen zu treffen. Es wird allerdings nicht wie sonst noch eine Anschlussveranstaltung stattfinden.“