NIEDERRHEIN. Weil angekündigte Impfstoffdosen nicht geliefert werden, herrscht Frust in den Arztpraxen und Impfzentren. Termine müssen abgesagt oder verschoben, verärgerte Patienten vertröstet werden. „Eine verlässliche Terminplanung ist momentan so gut wie unmöglich“, sagt Dr. Frank Bergmann, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Nordrhein und verweist auf die bekannten Lieferengpässe. So sollten in dieser Woche bundesweit 3,3 Millionen Dosen zur Verfügung stehen – tatsächlich waren es aber nur 2,2 Millionen. Trotz des zunehmenden Unmuts der Impfwilligen, nehmen die Ärzte Ärger und Mehraufwand in Kauf und impfen grundsätzlich weiter – sofern Impfstoff zur Verfügung steht.

Nordrhein-Westfalen liegt mit einer Erstimpfungs-Quote von 45,6 Prozent weiterhin auf Platz 2 im bundesweiten Vergleich. 8.200.000 Menschen haben hier ihre erste Impfung erhalten. Der Einstieg in die Zweitimpfungen bewirkt – wegen des Mangels an Impfstoff – ein langsameres Tempo bei den Erstimpfungen. „Die Erwartungshaltung der noch nicht Geimpften vor der Aufhebung der Priorisierung am kommenden Montag sollte der Realität angepasst werden. Zurzeit ist noch nicht genug Impfstoff vorhanden, um allen impfbereiten Erwachsenen in Nordrhein umgehend ein Impfangebot machen zu können“, sagt Bergmann. Sein Appell: „Mehr Geduld.“ Und den Frust nicht an den Ärzten auslassen, die an den Gegebenheiten nichts ändern können.

Bergmann hofft, dass bis spätestens Ende Juni mehr Impfstoff ankommt. Gedulden müssen sich auch Impfbereite, die keinen Hausarzt haben. Das von der KV Nordrhein angekündigte Online-Register mit Kontaktdaten zu Ärzten, die noch Kapazitäten frei haben, steht noch nicht zur Verfügung. Bergmann: „Viele Praxen tun sich zurzeit noch schwer damit, weil sie erst ihre eigenen Patienten impfen möchten.“

-Anzeige-

Kinderimpfungen

Ab Montag entfällt die Priorisierung. Zeitgleich soll in den Kinderarztpraxen mit der Impfung der Zwölf- bis 15-Jährigen begonnen werden. Die KV Nordrhein hat die Leistungsfähigkeit der Kinderarztpraxen berechnet und ist zu dem Ergebnis gekommen: Die Kapazitäten im ambulanten System reichen aus. Würde die Hälfte der rund 350.000 Kinder und Jugendlichen im Gebiet der KV Nordrhein eine Impfung wollen und sich 80 Prozent der Kinderarztpraxen (insgesamt sind es 486) beteiligen, dann wären, würde jede Praxis 45 Impfungen in der Woche durchführen, in zehn Wochen diese 175.620 Kinder und Jugendlichen geimpft. „Das hängt aber von den Impfstofflieferungen ab. Außerdem lässt sich schwer einschätzen, wie groß die Bereitschaft der Eltern ist“, sagt Bergmann.

Er selbst könne fachlich nicht beurteilen, wie sinnvoll es sei, Kinder und Jugendliche zu impfen. Grundsätzlich befürworte die KV Nordrhein aber sowohl den Wegfall der Priorisierung als auch die Impfung von Kindern und Jugendlichen. Allerdings habe Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zuletzt auch deutlich gemacht, dass dafür kein Vakzin extra bereitgestellt wird. Der vorhandene Impfstoff soll stattdessen so umverteilt werden, dass Kinder der entsprechenden Altersklasse ebenfalls geimpft werden könn(t)en.

Digitaler Impfpass

Bis Ende Juni wird in allen EU-Mitgliedsstaaten das digitale Covid-Zertifikat eingeführt. Dadurch soll das Reisen – für Geimpfte und Genesene – innerhalb der EU deutlich vereinfacht werden. Bei der Einführung des digitalen Impfpasses will die KV Nordrhein eine wichtige Rolle übernehmen. Der Geschäftsführer des Bereichs Innere Verwaltung, Dr. Stefan Böcking: „Seit vergangener Woche erproben wir mit der Firma IBM die QR-Code-Erzeugung für die Impfzentren. Seit Dienstag sind die 28 Impfzentren in Nordrhein technisch in der Lage, digitale Impfpässe mit QR-Code auszudrucken – sie müssen nur noch dafür freigeschaltet werden.“ Das geschehe in enger Abstimmung mit dem NRW Gesundheitsministerium.

Die Vorgaben für den Impfpass würden durch die neue Impf-Verordnung gesetzlich fixiert, die für Anfang kommender Woche erwartet wird. Vor dem Start müssten außerdem die entsprechenden Apps wie CovPass, CovPassCheck oder die erweiterte Corona-Warn-App fertiggestellt und verfügbar sein. Aber auch die Arztpraxen und Apotheken in Nordrhein müssten bis dahin an den Impfzertifikatsservice des RKI angebunden sein. Aktuell wird ein Impfzertifikatsmodul getestet, das Arbeitsabläufe vereinfachen soll.

Schon vollständig Geimpfte (in den Impfzentren) würden nach jetziger Planung ihren digitalen Impfpass per Post erhalten. Die KV prüft auch, ob das Zertifikat direkt im Onlinekonto bereitgestellt werden kann – wenn online ein Termin gebucht wurde.