Günther Zins: Raumeroberungen

Der Geburtstag ist schon ein paar Tage her – am 9. April feierte Günther Zins seinen 70. Jetzt: die Ausstellung. Das Geschenk ist fulminant. Es liegt am Inhalt: Zins.

Einer, der man zu kennen glaubte

„Präzision und Leichtigkeit“ heißt die Hommage an einen, den man zu kennen glaubte. Zins – denkt man – ist ein irgendwie Allgegenwärtiger. Es mag auch viele geben, die seine Werke kennen und den Namen des Künstlers nicht nennen könnten. Das liegt dann an der Selbstverständlichkeit der Anwesenheiten im öffentlichen Raum.

Wundertüte

Die Ausstellung im Kurhaus ist eine echte Wundertüte, denn sie nimmt sich die Zeit, dem Werk eines Künstlers auf den Grund zu gehen. Zins, das zeigt sich rasch, ist mehr als das, was man zu kennen glaubte.
Am Beginn der Schau eine Handlungsanweisung: Bitte oben anfangen, denn oben sind die Anfänge zu sehen. Von oben lässt sich ermessen, wie einer aus der Fläche den Raum eroberte. Zins – der Mann, der aus der Fläche kam. Wer den Zins von heute kennt, reibt sich die Augen. Die Ausstellung: Kompassnadel an einem Werk– das in viele Richtungen ausschlägt. Trotzdem glaubt man, die Zielregion schon am Anfang lesen zu können. Da experimentiert einer mit den Möglichkeiten – kratzt schon im Zweidimensionalen die nächste Ebene an. Das Sehen als Baukastenstelle. Immer lauert die Frage: Was geht? Immer findet da einer neue Antworten und scheint sich selbst zu infizieren mit der Lust am Experiment.

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NN-Foto: Rüdiger Dehnen

Erfahrbarer Vorwärtsdrang

Die Ausstellung zeichnet in einem bemerkenswert gut gewählten Rhythmus einen (Lebens)Weg nach. Manchen der Arbeiten spürt man ihr Alter an – sie scheinen Boten aus einer anderen Zeit: die Farben, die Formen. Aber alle sind vereint durch einen fast physisch erfahrbaren Vorwärtsdrang. Und dann sind da Arbeiten, denen man glauben würde, dass sie frisch entstanden sind. Man möchte ja nicht schreiben ‚von gestern‘, weil das zu Missverständnissen führt.
Man denkt: Endlich hat einer den Raum bekommen, den er verdient. Zins auf 20 Quadratmetern: Das würde nicht gehen – unabhängig von der Dimension.
Im Erdgeschoss dann der finale Vollzug: Zins und Beuys – nur durch eine Wand getrennt. Wer sich von oben hierhin vorgearbeitet hat, begreift, dass Zins weit mehr ist als ein Spiel mit der Perspektive. Eine Teilbotschaft aber bleibt: Traut euren Augen nicht! Wer sich von Zins‘ Anfängen hinunterarbeitet ins Erdgeschoss, erlebt – versprochen – keinen Abstieg, sondern wird quasi zum Zeugen eines wunderbaren Paradoxons der Reduktion auf das Unendliche. Alles beginnt – alles endet in der Fläche: Sie muss nur anders gedacht, gesehen, empfunden werden. Da lehnt sich einer auf, aber er lehnt sich eben auch an. Zins ist –anders vielleicht als der Mann auf der anderen Seite der Wand – nicht missionarisch unterwegs. Oder etwa doch? Ist nur die Mission mehr nach innen gerichtet? Niemand muss das beantworten.

Andersherum

Und was, wenn man nun unten beginnt und sich zu den Anfängen hocharbeitet? Auch gut. Ein Rhythmus entsteht immer. Das eben macht ein überzeugendes Gesamtwerk aus: Immer verweist das Eine auf das Andere, ohne dass ein Vorher oder Nachher gedacht werden muss. Gute Kunst verwischt Datumsstempel. Würde man den Endpunkt an den Anfang wickeln – alles würde dieselbe Stringenz atmen. Zeit ist nur eine Hilfskonstruktion. Kaum jemand kann das so erklären wie Zins. Er erklärt es ohne Worte – er wäre ja sonst Schriftsteller geworden. Zins aber ist Bildsteller, Skulpturensteller und: ein Magier des Räumlichen. Er kann Räume zusammenfalten – sie zum Strich werden lassen. Er kann Striche zu Galaxien auseinanderfalten, und „Präzision & Leichtigkeit“ gewährt wunderbare Einblicke in die Unantastbarkeit der künstlerischen Entfaltung. Beispiel gefällig: Es gibt eine Fotoserie, in der zu sehen ist, dass da einer Klippen anmalt oder steinige Hänge. Das Monumentale wirkt trotzdem zerbrechlich, denn es ist nur durch Abstand erfassbar. Wieder eine dieser Zins‘schen Paradoxien. Selbst wenn er Klippen bemalt, würde man nicht an einen Großkotz denken – da ist ein Spurenleger am Werk. Manches erinnert an Höhlenmalereien – immer wieder ein Kreis geschlossen. Immer dreht sich alles um die Einsicht, die Aussicht, die Umsicht.

Unmöglichkeiten

Die Zeichnungen: Konstruktionsskizzen für Unmöglichkeiten einerseits und unglaublich nach innen gekehrte Verwundbarkeiten andererseits. Immer wieder staunt man die Zerbrechlichkeiten an. Skulpturen, von denen man glaubt, dass sie nur durch Wünsche zusammengehalten werden. Die Ausstellung protokolliert im eigentlichen und übertragenen Sinn, wie einer den Raum erobert.
Die gute Nachricht: Wer‘s sehen möchte, kann hingehen und wer‘s nicht tut …

P.S. Die Ausstellung ist ab morgen, Freitag, 21. Mai, zu sehen.

NN-Foto: Rüdiger Dehnen