Wir möchten etwas zurück geben

KLEVE. Raim und Samuel tragen das gleiche T-Shirt: „Right Time – Right Place“ steht darauf: Richtige Zeit – richtiger Ort. Passt!
Die beiden Jungs stehen zusammen mit ihrer Schwester Sara und ihren Eltern, Marta und Faik Selimi, an der Essensausgabe der Klosterpforte in Kleve. „Wir haben, als wir nach Deutschland kamen, viel Hilfe bekommen“, sagt Marta und ihr Mann Faik fügt hinzu: „Wir möchten gern etwas davon zurückgeben.“

NN-Foto: HF

Ankommen

Rückblende: Manche NN-Lesern dürften sich an Faik Selimi erinnern. Im Rahmen der Serie „Ankommen“ war bereits 2019 von ihm und seiner Familie die Rede. Hier ein kurzer Ausschnitt aus dem Text von damals: Seine Frau stammt aus Polen. Kennengelernt haben sie sich durch Zufall. „Ich habe sie damals beim Shoppen gesehen und es hat sofort gefunkt.“ Mittlerweile haben die beiden drei Kinder: „Sara ist 13, Samuel ist neun und Raim ist drei Jahre alt.“ Raim heißt übrigens Selimis Vater. „Amtssprache“ bei den Selimis: Deutsch. „Wir sprechen zu mehr als 90 Prozent Deutsch.“ Die beiden Älteren sprechen auch Papas Sprache. „Polnisch wird eigentlich nicht gesprochen.“ Selimis Frau hat die Sprache des Mannes gelernt und auch seine Religion angenommen – ist Muslima geworden. „Der Glaube spielt eine wichtige Rolle“, sagt Selimi.
Die Muslime befinden sich gerade im Fastenmonat. Von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang wird gefastet: Keine Nahrung, keine Getränke. Marta Selimi: „Unser Junior würde auch gern mitmachen, aber er ist noch zu jung.“

Zakat

Eine wichtige Säule im Islam ist Zakat. Zakat, eine der fünf Säulen des Islams, ist das Gebot des Teilens.
[Wikipdia: Die Zakat (Reinheit) ist ein Almosen und verpflichtend für alle Muslime. Jeder Muslim, der wohlhabend genug ist, soll einmal im Jahr einen Teil seines Vermögens an bedürftige Menschen spenden.] Die Selimis hatten eigentlich einen anderen Plan: „Wir wollten Essen kochen und es dann an Bedürftige ausgeben“, sagt Faik, „aber dann kam Corona. Das macht alles ziemlich kompliziert.“ So entstand die Idee, sich an die Klosterpforte zu wenden. Leiterin Bärbel Vick: „Das ist natürlich eine tolle Idee. Herr Selimi hat Kontakt zu uns aufgenommen und wir haben dann die Planung übernommen.“ Rund 50 Gäste kommen zur Essensausgabe an die Klosterpforte. Michael Rübo: „Wer hier ein Essen bekommt, zahlt entweder einen Euro oder aber hilft uns. Das kann beispielsweise darin bestehen, dass der Platz hier gefegt wird.“
Wäre die Klosterpforte ein Restaurant, würde man ein Schild mit der Aufschrift „Internationale Küche“ finden. Bärbel Vick: „Die Menschen, die uns hier unterstützen, kommen aus den unterschiedlichsten Ländern und das spiegelt sich dann natürlich auch im Speiseplan.“ Polnisch, syrisch, deutsch, niederländisch. Und heute? Hühnchen mit Gemüse. Faik Selimi: „Wir haben Frau Vick bei der Zusammenstellung des Menus darum gebeten, dass alle Speisen ‚halal‘ sein sollen.“ Schweinefleisch beispielsweise ist für Muslime verboten. Bärbel Vick: „Es war aber kein Problem, das umzusetzen.“

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Erinnerungsfoto im Corona-Modus

Jetzt stehen Faik Selimi, seine Frau und die drei Kinder auf dem Platz an der Klosterpforte und freuen sich, dass ihr Plan umgesetzt ist. „Natürlich hätten wir das Essen auch sehr gern selbst ausgegeben, aber wie gesagt: in Zeiten von Corona ist das leider nicht möglich.“ Immerhin: Es reicht für ein Erinnerungsfoto im Corona-Modus: Alle tragen Masken – auch Rüdiger: er ist schon seit langem Besucher der Klosterpforte und stellt sich gern zum Foto dazu. Die Selimis müssen mit ihrem Essen bis zum Sonnenuntergang warten: dann beginnt das Fastenbrechen.
Über den Umgang mit der guten Tat gibt es unter den gläubigen Muslimen verschiedene Lesarten. Die einen sagen, über die gute Tat solle man nur flüstern, andere sagen, man solle laut darüber sprechen, damit andere dem Beispiel folgen.
Zurück ins Jahr 2019: „Dass alles läuft wie es läuft, hat auch mit dem Ausländerinitiativkreis (AIK) in Bedburg-Hau zu tun. Die haben uns sehr unterstützt“, sagt Selimi damals.

Bei der Essensausgabe. NN-Foto: HF

Heute sagt er: „Wir haben diesen Weg ausgewählt, um Dankbarkeit zu zeigen und etwas von dem zurückzugeben, was wir damals von uns unbekannten Menschen erfahren haben: Hilfsbereitschaft. “
Helfen ist etwas Zentrales. Es geht um das Herz – nicht im biologischen Sinn. Es geht um das Herz, das einer haben muss, um auch anderen zu helfen. „Meine Frau und ich haben ein großes Herz“, sagt Selimi. „Wir versuchen, anderen zu helfen, wo es geht.“ Die T-Shirts der beiden Jungs sind eine Art Bekenntnis zum Vorbild der Eltern: Right Time. Right Place. „Ich hatte immer Ziele. Du erreichst nichts, wenn du keine Ziele hast.“ Die Philosophie: Ohne Ziel kein Weg.
Heiner Frost