WESEL. Der 1. Mai ist als „Tag der Arbeit“ seit weit mehr als 100 Jahren von historischer Bedeutung für die Rechte der Arbeitnehmer. Seit 2010 lädt die Stadtverwaltung Wesel daher zusammen mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) zum Arbeitnehmerempfang ins Rathaus ein. Schon letztes Jahr hat Corona der Tradition einen Tritt verpasst, und auch 2021 gibt es keine Rückkehr ins Gewohnte. Aber eine Absage ist auch keine Option, daher setzen die Organisatoren vor allem auf eine digitale Ausrichtung.

Für dieses Jahr hat sich der DGB das Motto „Solidarität ist Zukunft“ auf die Fahnen geschrieben. Dabei geht es um die Frage: Was macht solidarisches Handeln heute aus, vor allem jetzt, in der größten Krise nach dem Zweiten Weltkrieg?

Am Samstag, 1. Mai, streamt der DGB auf allen seinen Kanälen bundesweit live. Bilder aus verschiedenen Kommunen und Statements von vielen Beschäftigten sollen ein „Netz der Solidarität“ knüpfen. Im Fokus: Forderungen der Gewerkschaften an die Politik für die kommende Bundestagswahl. Grundlegend dafür ist die Botschaft, dass die Krise nur gemeinsam zu lösen ist.

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90 Minuten soll der Stream dauern und von bekannten Künstlern abgerundet werden. Ein Highlight ist zudem der „größte Chor Deutschlands“. Jeder kann mitmachen und seine Gesangs-Version von „Bella Ciao“ auf der Homepage des DGB hochladen. Daraus entsteht am Ende eine einheitliche Chorversion.

Um 11 Uhr übertragt zudem „Studio47“ eine geordnete Kundgebung der Gewerkschaften in Duisburg. Hier wird auch der Verdi-Bundesvorsitzende Frank Werneke sprechen.

Gehört werden

Für Angelika Wagner, Regionsgeschäftsführerin des DGB Niederrhein, ist es wichtig, dass der DGB trotz Corona gesehen und gehört wird. Es sei von großer Bedeutung, öffentliche Plätze und das Recht auf Demonstrationsfreiheit nicht den Verschwörungstheoretikern und Demokratiegegnern zu überlassen. Die Gewerkschaften würden sich für Demokratie einsetzen wollen, und zwar verantwortungsbewusst und vorbildlich.

Auch wenn die Lage der Arbeiter in der Vergangenheit schlechter gewesen sei als jetzt, müsse laut Wagner auch heute noch viel getan werden. „Wichtig ist, dass es auch jetzt nicht überall leicht für Beschäftigte ist, ihre erkämpften Rechte zu erhalten.“ Sie verweist etwa auf Versuche, die Gründung von Betriebsräten zu verhindern.

Auch die Coronalage hat einiges verändert, auf das der DGB reagieren möchte. Dazu spricht Wagner das Homeoffice und Arbeitszeiten an. „Es ist gut, dass es solche Möglichkeiten und die rechtlichen Regelungen gibt, aber es gilt auch, wachsam zu sein, dass die Regelungen eingehalten werden. Für viele Menschen bedeutet es eine Entgrenzung von Arbeitszeiten.“
Wagner untermauert den Erfolg der Gewerkschaften mit Zahlen. „Es hat sich gezeigt, dass Länder mit einer guten Mitbestimmung und starken Arbeitnehmer-Vertretungsstrukturen besser durch Krisen kommen.“ Gewerkschaften hätten dabei geholfen, die Kurzarbeit als Instrument zu erhöhen und zu verlängern.

„Mit politischer Unterstützung“ habe man die 60 Prozent des Nettogehalts ab dem 4. Monat auf 70 und ab dem 8. Monat auf 80 Prozent steigern können „Aber für Menschen mit niedrigen Einkommen ist es immer noch sehr schwierig.“ Die Arbeitslosigkeit sei dennoch gestiegen. Neben solchen Sorgen beschäftigt sich der DGB auch mit der Rolle der Frauen, die sich oft in besonders belastenden Situationen befänden.

Geschichtlicher Hintergrund

Die Idee des 1. Mai als Tag der Arbeit stammt aus den USA. Nach Ende des Bürgerkriegs 1865 forderten die Gewerkschaften angesichts der üblichen 11 bis 13 Stunden-Tage eine Reduzierung auf acht. Das Vorgehen scheiterte, 20 Jahre später folgte der nächste Versuch, diesmal mit mehr Druck: Am 1. Mai 1886 fand ein mehrtägiger Generalstreik statt. Dass er auf dieses Datum fiel, hatte allerdings einen eher banalen Grund. Der 1. Mai gilt dort als Stichtag für den Abschluss und Kündigungen von Verträgen, ähnlich wie der 30. November in Deutschland zentral ist für Vertragswechsel.

Der 400.000 Köpfe starke Streik entgleiste, als eine Bombe in Chicago sieben Polizisten tötete. Trotz der folgenden juristischen Querelen sollte 1890 eine neue Streikwelle folgen. Auf einem internationalen Kongress 1889 in Paris entschieden die Delegierten, sich der Forderung nach einem acht Stunden-Tag anzuschließen und den 1. Mai als Tag der internationalen Kundgebungen zu etablieren. So gelang der Gedanke auch nach Deutschland.

Auch wenn die Etablierung als Feiertag in Deutschland ein langer Prozess war, ist die Annahme falsch, dass die Nationalsozialisten ihn eingeführt hätten. Bereits 1918 hatten SPD und USPD den Feiertag beschlossen, der jedoch nur 1919 Bestand hatte. Die Etablierung wurde durch, teils blutige, politische Meinungsverschiedenheiten verhindert.

Auch wenn die Nationalsozialisten den „Feiertag der nationalen Arbeit“ einführten, zerschlugen sie im Zuge dessen die Gewerkschaften und verprügelten und verhafteten Funktionäre. Der Feiertag wurde in der Folgezeit ein Instrument für Propaganda.

Mehr Infos zum diesjährigen Tag der Arbeit unter niederrhein.dgb.de.