Der Traum von der Freiheit

KLEVE. Manche Worte ändern je nach der Sprache, in der sie sich vorstellen, ihre „emotionale Umgebung“. Freiheit. Freedom. Liberté.
Vom 3. bis zum 10. Mai hat der deutsche Buchhandel die „Woche der Meinungsfreiheit“ ausgerufen. Und wer jetzt denkt, man sollte doch eher an Nord-Korea denken, sollte wissen, dass Deutschland derzeit im weltweiten Ranking den 13. Platz belegt und damit im Vergleich zum Vorjahr um einen Platz nach hinten gerutscht ist. Den Spitzenplatz belegt (zum 5. Mal hintereinander) Norwegen – Schlusslicht ist an 188. Stelle Eritrea.

Sophie Scholl und die Bücherverbrennung

Das Datum zur Woche der Meinungsfreiheit ist nicht beliebig gewählt. Am 3. Mai, dem Starttag, wird der Tag der Pressefreiheit begangen, am 10. Mai 1933 gingen in Deutschland Bücher in Flammen auf und der 9. Mai ist der Geburtstag einer deutschen Ikone des Widerstands und des Kampfes um Meinungsfreiheit: Sophie Scholl.
Die Buchhandlung Hintzen in Kleve hat zur Woche der Meinungsfreiheit eigens ein Schaufenster eingerichtet. Sigrun Hintzen: „Natürlich ist es wichtig, sich an Menschen wie Sophie zu erinnern, aber es ist eben auch wichtig, Meinungsfreiheit ins Heute zu holen und Schnittstellen zu finden. Als kürzlich Klaus Ebbers mit einer Mappe zu uns kam, war irgendwie schnell klar: Da gehen ein paar Dinge gut zusammen. Ich kannte Klaus ja in erster Linie als Galerist und Werkstattleiter im Museum Schloss Moyland.“

Eine der Arbeiten aus “Liberté”. NN-Foto: Rüdiger Dehnen

Liberté

Ebbers‘ Mappe – bestehend aus sieben handkolorierten Linolschnitten – trägt den Titel „Liberté“, und eben hier wird klar, dass ein Wort wie Liberté andere Synapsen aktiviert als Freiheit oder Freedom. Es geht nicht um etwas Qualitatives – es geht um unterschiedliche Fenster, die sich öffnen. Ebbers‘ Arbeiten sind nicht plakativ – und sie sind erst recht nicht gegenständlich. Sie sind eine bildnerische Annäherung an den Traum von Freiheit, der ja in Köpfen beginnen muss. Sie sind an jeder Stelle zart – legen nichts und niemanden fest und sind ihrerseits nicht festzulegen. Man denkt, was man möchte. Es braucht keine Hilfestellung.
„Klaus‘ Arbeiten passen für mich ganz ausgezeichnet in diese Themenwoche“, sagt Sigrun Hintzen, „und aus eben diesem Grunde sind sie ein Teil dessen, was wir in unserem Schaufenster ab sofort zeigen.“
Hintzen verweist auch auf die „Charta der Meinungsfreiheit“ (#mehralsmeinemeinung).

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Die Charta

Im Artikel 1 heißt es: „Meinungsfreiheit ist ein universelles Menschenrecht und als solches nicht verhandelbar. Jeder Mensch hat das Recht, die Meinungsfreiheit für sich in Anspruch zu nehmen.“ Artikel 2: „Die Meinungsfreiheit beinhaltet das Recht auf Information, die Pressefreiheit sowie die Freiheit des Publizierens und der Berichterstattung.“ Artikel 3. „Meinungsfreiheit ist die Grundvoraussetzung für eine freie, vielfältige und demokratische Gesellschaft.“ […] Artikel 5. „Hetze und Hass werden nicht von der Meinungsfreiheit gedeckt.“ 11. Die Zivilgesellschaft trägt die Verantwortung, für die Meinungsfreiheit einzutreten, Einschränkungen kenntlich zu machen und ihnen wirksam entgegenzutreten.“
Nicht immer muss sich das Eintreten für die Meinungsfreiheit in Worten niederschlagen. Ebbers‘ Mappe ‚Liberté‘ ist eine äußerst intime und defensive Spiegelung, die ihren Ursprung allerhöchstens noch im Titel anklingen lässt und dadurch zum Manifest wird.

Augustinus

„Die sieben Linolschnitte sind in der Coronazeit von mir geschnitten und von ‚Vir3‘ gedruckt worden. Alle Blätter sind handkoloriert. Die Mappe Libertè ist Sophie Scholl gewidmet“, heißt es in Ebbers‘ Vorwort, der auch Aurelius Augustinus zitiert: „Wenn du verweilst, dann nur, um dich zu stärken, aber nicht um aufzugeben. Die Zeit kommt aus der Zukunft, die nicht existiert, in die Gegenwart, die keine Dauer hat und geht in die Vergangenheit, die aufgehört hat zu bestehen. Bewahre dir in allen Dingen die Freiheit des Geistes und sieh zu, wohin er dich führt.“
Googelt man den Teil des Zitats, in dem es um die Zeit geht, findet sich folgende Replique: „Lieber Aurelius. Die Zeit existiert nicht. Es gibt nur den gegenwärtigen Moment. Es ist der Verstand, der die Zeit erfindet.“
Die Meinungen stehen nebeneinander. Ein Kampf um Berechtigung ist nicht erforderlich. Während man vor dem Schaufenster steht und die Kombination aus Bildern und Büchern betrachtet, schleicht sich der Gedanke ein, wie schön es wäre, wenn niemand irgendwo über die Freiheit der Meinung reden müsste, weil sie ein Teil des Selbstverständlichen ist. Corona, denkt man, ist eine Art der besonderen Nagelprobe.

Kritik muss immer möglich sein

Artikel 6. „Meinungsfreiheit bedeutet nicht, frei von Kritik zu sein. Kritik ist der Beginn einer inhaltlichen Auseinandersetzung und somit wichtiger Bestandteil des Meinungsbildungsprozesses.“
Wer sich Ebbers‘s Mappe ‚Liberté‘ anschauen möchte, findet alle Arbeiten im Schaufenster der Buchhandlung Hintzen in Kleve. „Liberté“ (Auflage elf Exemplare, Preis: 390 Euro).

Sigrun Hintzen. NN-Foto: Rüdiger Dehnen