GELDERLAND. Früher einmal wollte der Historische Verein (HV) Geldern in einem Film die mittelalterliche Version der Stadt anschaulich darstellen. Die für ein derartiges Projekt mangelnde Quellenlage durchkreuzte diesen Plan allerdings. Anders sah es mit der Festung Geldern um 1750 aus. Dazu ist jetzt nicht nur ein Film erschienen, der ein am Computer nachgebautes Geldern zeigt, in Zukunft möchte der HV Interessenten per „Spieleversion“ auch eine Begehung ermöglichen. „Auf der einen Seite können wir sagen: Das ist das historische Geldern von 1750. Auf der anderen Seite haben wir nicht den Anspruch, dass wir die Wirklichkeit ganz genau abgebildet haben“, erläutert der Vereinsvorsitzende Gerd Halmanns.

Nicht nur ist der Film „Die Festungsstadt Geldern um 1750 in 3D“ mit rund neun Minuten schnell geschaut, sondern auch kurzweilig. Wer ausufernde, trockene Beschreibungen fürchtet, kann schon vor dem Schauen aufatmen, womit selbst Geschichtsmuffel einen Blick riskieren dürfen.

Mit der Eroberung durch die Preußen 1703 schildern ein paar anschauliche Bilder und knappe Infosätze die Ausgangslage. Am Anfang stehen die Belagerung und immense Zerstörung, dann zeigt ein Grundriss von Stadt und Festung den Wiederaufbau. Das geht über in einen Vergleich von heute und damals, dabei werden im Stadtplan von heute die alten Umrisse eingezeichnet. Darüber legt sich dann ein Höhenprofil, das Teile der alten Festung sichtbarer macht. Durch 3D-Technik weicht diese Ansicht schließlich einer Darstellung der Festung von 1750.

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Der folgende Kameraflug zeigt die von Hand am Computer modellierte Festungsanlage, kurze Beschreibungen geben an, wo sich der Zuschauer gerade befindet: Von St. Maria Magdalena über die Gelderstraße bis hin zur Hartstraße. Hier geht die Kamera dann über zu einer Figur. Der Einblick in die Spieleversion beginnt.

Die Figur startet ihre Erkundungstour am Rathaus mit dem kleinen Markt, läuft durch die Straßen und begutachtet die Gebäude; darunter „Et Hoff“, das Verwaltungs- und Justizgebäude, und verschiedene Klöster. Auch die Außenbereiche gehören dazu. Von der Liebe zum Detail zeugen nicht nur Gebäude und Landschaft, sondern auch Kleinigkeiten wie Menschen und Kanonen.

Das Modell aus einer Hand

Für die gesamte Modellierung, die Animationen und den Schnitt zeigt sich der 24-jährige Kevelaerer Luca de Graaf verantwortlich, Absolvent der Hochschule Rhein-Waal. Von November bis Ende Januar dauerte die Arbeit am Modell, der Film entstand bis Ende März.
Schon für seine Bachelorarbeit zur digitalen Modellierung der Stadt arbeitete de Graaf vor zwei Jahren mit dem Historischen Verein Geldern zusammen, woraus das neue Projekt entstand. Mit seiner weiterführenden Teilnahme wollte er vor allem den Prototypen aus seiner Abschlussarbeit mithilfe einer Computerspiel-Engine zu einem zufriedenstellenden Abschluss bringen. „Ihm war keine Arbeit zu mühsam“, lobt Halmanns. Den Input der Berater habe er immer gekonnt umgesetzt. „Ein großes Kompliment.“

Halmanns selbst achtete darauf, dass das Gezeigte mit der historischen Realität der Stadt so gut es geht übereinstimmt. HV-Mitglied Dr. Wilfried Kleiböhmer konzipierte den Film und Dr. Guido von Büren, Leiter des Museums Zitadelle in Jülich, beriet als Experte für Festungsforschung.

Sein Rat war vor allem dann von großer Bedeutung, wenn die Quellenlage Lücken ließ. Denn Authentizität sicherzustellen, brachte Herausforderungen mit sich: Die Höhen einzuschätzen, etwa von Wällen, Inseln und Bollwerken, und Neigungswinkel akkurat darzustellen, war laut van Graaf eine der größten Herausforderungen. Halmanns: „Da konnte uns Herr von Büren oft mit Vergleichsmaterial aus anderen Städten helfen.“ Von Büren ergänzt dazu: „Was uns fehlt, sind Schnittzeichnungen. Für die Rekonstruktionen brauchen sie den Schnitt, wir haben aber nur den Grundriss.“

Oft hat sich das Team für Gebäude entweder an jenen orientiert, die später gebaut wurden, oder es analog zur damaligen Bauweise nachgebaut. „Bei kleineren Wohnhäusern ist auch ein Schuss Fantasie dabei“, sagt Halmanns. Am gelungensten findet er die Festungsanlagen, für diese stünden eine Fülle an Festungsplänen bereit.

Hilfe für Schüler

Die Geschichte in Geldern sichtbarer zu machen, das war laut Kleiböhmer ein Zeil des Projekts. Auch wenn es sich an eine breite Öffentlichkeit richtet, soll vor allem Schülern ermöglicht werden, am Beispiel von Geldern zu verstehen, wie eine bedeutende Festungsstadt ausgesehen hat. Es soll zudem deutlich werden, wie das heutige Stadtbild von der fast 300 Jahre alten Geschichte geprägt ist.

Die Arbeitsergebnisse möchte der Historische Verein Geldern den Schulen kostenfrei anbieten, aber auch allen Interessierten in der Geschäftsstelle. Dafür soll es, wenn es wieder möglich ist, Veranstaltungen geben.

Den Film gibt es unter www.youtube.com/watch?v=cIkONyyg6S4. Finanziert wurde das Projekt durch die Unterstützung der Sparkasse Krefeld, der Heresbach-Stiftung Kalkar, der Stadtwerke Geldern und durch die Beiträge der Mitglieder des HV.