Phasenmodell
Der Trauerprozess verläuft nicht immer nach einem bestimmten Schema. Jeder erlebt ihn anders. Foto: Adobe Stock

NIEDERRHEIN. Oft wird der Trauerprozess in Form eines Phasenmodells verstanden. Das vielleicht bekannteste ist das der Psychologin Verena Kast. Auch wenn sie es keinesfalls für Unfug halten, sehen Conny Barlag und Margit Keunecke von Bestattungen Spolders-Keunecke in Geldern einige Probleme bei der Verwendung dieses oder ähnlicher Modelle. Vor allem kritisieren sie die gerne daran geknüpften, oft starken Erwartungshaltungen an die Trauerentwicklung.

Das Modell nach Verena Kast beginnt mit dem „Schock“ oder der „Erstarrung“, entweder bei der Todesnachricht oder beim Beisein im Todesfall. Es folgt das „Aufbrechen der Emotionen“, bei dem geraume Zeit später starke Gefühle wie Trauer oder Wut auftreten. Danach kommt das „Suchen und Sich-Trennen“, bei dem man im Alltag das Fehlen des Verstorbenen realisiert und einen neuen Realitätsbezug sucht. Zu guter Letzt folgt die – selbsterklärende – Akzeptanz.

Eigentlich eine grobe Landkarte

„Eigentlich sollte es nur eine grobe Landkarte sein“, erklärt Barlag die Absichten Kasts, mit der sie diesbezüglich einmal in Kontakt stand. Sie und Keunecke sehen in dem Phasenmodell an sich kein Problem, im Gegenteil: Es helfe dabei, grob zu verstehen, was in der Trauer passiere. Solche Trauertheorien zu kennen, gerade als Branchen-Handwerkszeug, etwa in der Ausbildung, sei durchaus hilfreich, um sich auf Eventualitäten einstellen zu können.
Ein Problem sehen die beiden jedoch darin, wenn daraus ein starrer Leitfaden wird und in der immer wieder auftretenden Interpretation durch Dritte, über die ursprüngliche Intention hinaus.

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Denn: „Die Trauer verläuft nicht starr nach Phasen und auch nicht jede ‚Phase‘ tritt bei jedem auf“, sagt Barlag und ergänzt: „Es ist gut gedacht, aber nichts, was man Trauernden als verbindlichen Wegweiser an die Hand geben sollte.“ Auch nach ihren eigenen Erfahrungen haben sich die beiden nicht im Modell wiedergefunden. Es ist der individuelle Trauerprozess, den sie betonen möchten. Bei jedem verläuft er anders, jeder hat eine eigene Art.

„Die moderne Trauerforschung sagt, dass Trauer spiralförmig verläuft. Es kann immer einen Auslöser geben. Man ist wieder woanders, aber deshalb fällt man nicht zurück oder trauert krankhaft“, sagt Barlag.

Demnach sollte man also keinen bestimmten, festen Trauerprozess erwarten oder sich diesen gar einreden lassen. So etwas könne zu Problemen wie Verunsicherung führen, wie Keunecke denkt: „Die Leute glauben dann vielleicht, mit Ihnen stimmt etwas nicht.“ Und solche Gedanken seien meist unbegründet. Noch kritischer sehen die beiden sogenannte Traueraufgaben im Rahmen der Verlustbewältigung. „Das kann ein Gefühl von richtiger und falscher Trauer vermitteln.“

Auf die innere Stimme hören

Statt sich also in ein Phasen-Korsett stecken und infolgedessen sogar von anderen einreden zu lassen, man müsse zum Beispiel wieder unter Menschen gehen oder über die Trauer sprechen, findet Keunecke es wichtig, dass die Menschen vor allem auf ihre eigenen Gefühle hören. Aus dieser Sichtweise folgt ebenso, dass auch Nicht-Betroffene im Umgang mit Trauernden ohne Erwartungen mit diesen ins Gespräch kommen sollten.

Hört man auf, das Phasenmodell strenger anzuwenden, macht das Fehlen eines klaren Leitfadens die Angelegenheit zwar etwas schwieriger, weil sie weniger klar zu greifen und zu kategorisieren ist. Aber bei aller Ungewissheit, die durchaus Sorgen bereiten kann, sollte man bedenken: „Die meisten Trauernden brauchen keinen Profi“, sagt Barlag und heftige Reaktionen seien völlig normal.

Trauer hält an, wird aber schwächer

Das heißt nicht, dass es keine krankhafte Trauer gibt, aber Vorsicht mit voreiligen Schlüssen: Wie Barlag und Keunecke erläutern, gebe es über eine längere Zeit immer wieder wellenförmig Tiefs und Hochs, die jedoch stetig flacher würden.

Wenn nach Monaten die Trauer immer noch die gleiche Stärke hat wie zu Anfang, dann kann professionelle Hilfe hingegen ratsam sein. Wer dann selbst nicht die richtigen Kontakte findet oder unsicher ist, kann sich vor Ort bei Bestattern erkundigen, die berufsbedingt mit helfenden Institutionen gut vernetzt sind.