NIEDERRHEIN. Bis zum Corona-Ausbruch zählten die Deutschen als Reiseweltmeister. Doch seitdem ist man hin- und hergerissen zwischen Fernweh und der Angst vor der Quarantäne. Mit Blick auf die Sommerferien scheint der Urlaub im eigenen Land für viele Reisewillige eine halbwegs sichere Alternative darzustellen. Ost- und Nordsee, aber auch die Berge, werden verstärkt nachgefragt – doch noch ist offen, ob und in welcher Form Reisen dann wirklich möglich ist.

Vulkanausbruch auf Island, die Terroranschläge am 11. September, Pleiten von großen Reiseveranstaltern und Fluglinien – Ereignisse, die den Reisemarkt erschüttert haben. „Aber was jetzt gerade passiert, habe ich noch nie erlebt“, sagt Nadine Spronk-Jaensch. Seit 22 Jahren arbeitet die Tourismuskauffrau in dem von ihrer Mutter in Kleve gegründeten Reisebüro. Mittlerweile ist sie Mitinhaberin. „Der Januar und Februar sind eigentlich die beiden Monate, in denen wir am meisten zu tun haben“, weiß Spronk-Jaensch. Die Urlaubstage stehen fest und man ist in den Startlöchern für die Osterferien. Doch in diesem Jahr ist alles anders. Dabei haben sich die meisten Reiseanbieter auf die neue Situation eingestellt und bieten kostenfreie Stornierungsmöglichkeiten an, in der Regel bis 14 Tage vor Reiseantritt. „Es gibt gute Konzepte, die auch funktionieren“, sagt Nadine Spronk-Jaensch und verweist auf die Bewertung des Robert-Koch-Instituts, dass die Reisebranche nicht zu den Treibern der Pandemie zählt.

Hotels und ganze Regionen
stehen kurz vor dem Aus

In den Hotels gibt es seit Monaten verschärfte Sicherheits- und Hygieneregeln, Fluglinien und Reedereien verlangen negative PCR-Tests, bevor sie überhaupt jemanden an Bord lassen. Die Türen des Reisebüros sind zwar seit Wochen geschlossen – zu tun hat Nadine Spronk-Jaensch trotzdem so einiges. „Wir sind für unsere Kunden da – telefonisch und per Mail“, erklärt sie. Im Moment sei sie allerdings hauptsächlich mit Umbuchungen beschäftigt, hinzu kämen Anfragen für den Sommerurlaub. Die Liste der Länder, die für die Osterferien überhaupt in Frage kämen, ist überschaubar. „Das einzige touristische Ziel, in das man zur Zeit ohne Reisewarnung reisen kann, ist Kuba“, sagt die Tourismuskauffrau, die sich große Sorgen um die gesamte Branche macht. „Man rechnet damit, dass ein Drittel bis die Hälfte der Reisebüros pleite gehen wird. Hotels und ganze Regionen stehen kurz vor dem Aus.“
Doch solange aus den Reisewarnungen keine Reiseverbote werden, gibt es noch Hoffnung. „Einige unserer Kunden reisen bald auf die Kanaren und auch Griechenland könnte ab April wieder anlaufen“, ist Spronk-Jaensch verhalten zuversichtlich. Auch die Niederlande würden zur Zeit gebucht, „aber man weiß natürlich nicht, ob das schon in den Osterferien klappt“, weiß die Tourismus-Fachfrau, dass alles davon abhängt, wie sich die Pandemie weiter entwickelt und wie die Quarantäne-Regelungen zum Zeitpunkt der Reise aussehen.

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Luftverkehrswirtschaft setzt aktuell
hauptsächlich auf konsequentes Testen

Die Nachricht, dass der große deutsche Reiseveranstalter Alltours ab November nur noch geimpfte Gäste in seine eigenen Allsun-Hotels lassen will, kam für sie nicht überraschend. Sie rechnet damit, dass weitere Hotels nachziehen werden. Zwar setzt die Luftverkehrswirtschaft aktuell hauptsächlich auf konsequentes Testen, doch auch hier sind „Privilegien“ für Reisende im Gespräch. Die australische Fluglinie Qantas hat bereits angekündigt, bald nur noch Passagiere mit Impfnachweis an Bord zu lassen. „Emirates und andere Golf-Carrier testen gerade die von der IATA entwickelte App Travel Pass“, weiß Nadine Spronk-Jaensch. Hiermit sollen Tests und Impfungen mit Behörden und Airlines geteilt werden, sodass der Reiseablauf vereinfacht wird. „Ich denke, dass wird dann ein richtig großes Thema sein, wenn die Impfungen für alle zugänglich sind“, sagt sie. Noch nicht spruchreif sei hingegen der Impftourismus, den der deutsche Reiseanbieter FIT Reisen zurzeit prüft. „Das werden dann mehrwöchige Reisen sein, die die erste und zweite Impfung beinhalten“, erklärt Spronk-Jaensch das Konzept. Doch noch habe man keine konkreten Reiseziele gefunden, weil das erst in Frage käme, wenn die Menschen vor Ort weitestgehend geimpft seien. Israel hat den Impfreisen bereits eine Absage erteilt – Länder wie Ägypten oder die Vereinigten Arabischen Emirate sind aber noch im Gespräch. „Dafür müssten die Impfstoffe frei verkäuflich und vor allem auch ausreichend vorhanden sein“, sagt sie, dass der Veranstalter durchaus als seriös einzustufen sei.

Pauschalreise buchen

„Wer in absehbarer Zeit verreisen will, sollte in jedem Fall eine Pauschalreise buchen“, empfiehlt die Fachfrau generell für die Reiseplanungen in diesem Jahr. Denn nur hier haben die Kunden die Sicherheiten des Pauschalreiserechtes und sind flexibel und gut durch den Reiseveranstalter abgesichert. „Mittlerweile gibt es spezielle Reiserücktrittversicherungen, die ausdrücklich auch Covid-19 abdecken“, rät sie, auf Nummer Sicher zu gehen. Das gelte auch für Reisekrankenversicherungen, die nicht automatisch eine Corona-Erkrankung abdecken. Hier sollte man vorab prüfen, ob man ausreichend versichert ist.

In den Reisebüros vor Ort
wird weiter gearbeitet

Bis zum 7. März gilt ein genrelles Beherbergungsverbot für Privatreisen in Deutschland. Am 3. März wird auch darüber neu verhandelt. „Die gesamte Branche ist gespannt, wie es weitergeht“, weiß Nadine Spronk-Jaensch. Fest steht bereits: Reisen wird teurer werden. „Viele Fluglinien haben Maschinen stillgelegt oder kämpfen gerade gegen eine Insolvenz und auch die Hotels sind arg gebeutelt von den letzten Monaten“, vermutet sie, dass überall mit Preissteigerungen zu rechnen ist. Wer schon ein konkretes Ziel vor Augen hat, sollte zudem berücksichtigen, dass die Frühbucherrabatte im März ablaufen. „Danach wird es ohnehin teurer“, sagt die Expertin. Mit bunten Prospekten für den Sommerurlaub kann sie aktuell zwar nicht wirklich dienen („da ist noch nicht viel angekommen in diesem Jahr“), dafür aber mit Fachwissen und einem guten Überblick. „In den Reisebüros vor Ort wird weiter gearbeitet und wir sind gern für unsere Kunden da“, stellt sie klar. Gerade mit Blick auf die Vorschriften, auszufüllende Formulare, landesspezifische Regelungen, aber auch bei Fragen zu Umbuchungen oder Kostenerstattung seien die Reisefachleute in der Regel gut informiert. „Unsere Kunden hatten bisher noch keine größeren Probleme“, ist sie optimistisch, dass das auch weiterhin so sein wird.