Ungebremst

KREIS KLEVE. Ein Happy End würde es nicht geben. Man wusste das. Von Anfang an. Auch Berichten ist Richten. Gibt es Gerechtigkeit? Vielleicht nein.
Ein Vater missbraucht seine Tochter. Sie ist die Erstgeborene. Sie ist die Prinzessin. Sie ist seine große Liebe. Ein schönes Wort: Liebe. Jetzt ist es ausgekugelt. Verrenkt liegt es da. Die Prinzessin bleibt nicht allein. Zwei weitere Kinder folgen: ein Sohn, eine Tochter. Auch die zweite Tochter wird der Vater in Anspruch nehmen.

Verrückt

Am Ende wird sie ihn – eigentlich hat sie das nicht gewollt – verraten: an die Mutter. Die hatte immer ein schlechtes Gefühl. Nachzuweisen war nie etwas. „Irgendwann glaubst du, dass du verrückt bist.” Eines Tages steht die Jüngste im Bad. Sie schaut ihren nackten Bruder in der Wanne an. Dann der Satz, der die Welt aus den Angeln hebt. „Der von Papa ist aber größer”, sagt das Kind und in der Mutter bestätigen sich alle Ängste. Sie spinnt nicht. Ist nicht verrückt. Alles, was sie insgeheim befürchtete, wird Gewissheit. Nimmt Gestalt an. Es ist die Gestalt des Vaters. Sie ruft die Polizei. Ihr Mann wird abgeführt. Am nächsten Tag lassen sie ihn frei.

Abhanden gekommen

Da sitzt eine Frau auf dem Zeugenstuhl, für die nichts mehr ist, wie es einmal war. Man denkt an Mahler. Die Rückert-Lieder als innerer Soundtrack: Ich bin der Welt abhanden gekommen. Mit der Geburt der Kinder fand kaum noch statt, was man „Vollzug der Ehe” nennt. Es wächst ein Keil zwischen Mutter und Tochter. Da ist ein Sohn, der vom Vater geachtet werden möchte und irgendwie nicht stattfindet in dessen Leben. Ja – der Vater hat sich um die Familie gekümmert. Irgendwie hat es an nichts gefehlt. Aber wenn einer keine Liebe hat, erfriert die Welt. Plötzlich haben die Kinder keinen Vater mehr. „Kann der sich nicht einfach entschuldigen und alles ist wieder gut?”, fragte die Kleinste. Justiz funktioniert so nicht.

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Alles muss raus

Da sitzt eine Frau auf dem Zeugenstuhl und sagt: „Niemals hat ihn jemand so geliebt wie ich.” Aber es ist alles zerstört. Nein – da sitzt kein Rache-Engel. Da sitzt eine, die ihre Kinder wirklich liebt; jedes Opfer bringt. Sie beschreibt eine graue Welt. Man spürt trotzdem keine Härte an ihr. Sie ist gekommen, um etwas zu Ende zu bringen. Eine Geschichte zu erzählen. Alles muss raus. Zuvor hat ihre älteste Tochter ausgesagt. Man ist freiwillig aus dem Saal gegangen.
Der Vorsitzende fasst anschließend zusammen, was das Kind ausgesagt hat. Der Angeklagte – er ist zurück im Saal – sagt: „Ich nehme alles an.”

Implosionen

Die Mutter: Sie flickt die Welt zusammen – rettet, was sich retten lässt. Die Kinder brauchen Therapie. Alle. Wenn die Zeit reif ist. Taten wie diese sind Implosionen ohne Knall. Leises Verlöschen. Gut, dass da eine sitzt, die Worte findet, zu beschreiben, was geschehen ist. Es gibt kein Happy End. Es bleibt ein Krater. Niemand kann auf den Grund sehen. Am Ende spricht der Angeklagte in Richtung der Frau, die er nur Kindsmutter nennt: „Gott schütze dich und die Kinder”, sagt er und man selber implodiert in Sprachlosigkeit.

Traurig übertönt

Der Gutachter stellt fest: Das Leben dessen, den er begutachtet hat, ist „traurig übertönt”. Die Sexualanamnese: schwierig. Einsicht- und Steuerungsfähigkeiten des Angeklagten waren nicht eingeschränkt. Da wusste einer, was er tut. Pädophilie? Ja. Da sitzt einer, der die Schuld externalisiert: Es sind die anderen; es sind die Umstände; es ist die Vergangenheit. Das hat man oft erlebt. Wer Schuld nur außerhalb der eigenen Existenz sucht, kann kaum zu sich finden. Wieder denkt man, dass auch das Leben des Angeklagten irgendwann implodiert sein muss. Er wollte nicht das Muster wiederholen, das ihn zerstört hat. Er hat ein anderes erschaffen. Vielleicht hat er es für Liebe gehalten. Er hätte wissen müssen, dass man nicht tut, was er getan hat. Er hat nicht angehalten in seinem Tun. Hat keine Bremse gefunden. Kaum jemand kann anhalten, wenn er längst verfallen ist. Es geht sehenden Auges dem Abgrund entgegen. Das Urteil: Sechs Jahre.

Am Ende

Wohin kann einer gelangen in sechs Jahren? Wenn die im Knast ihn als Vater entlarven, der seine Kinder missbraucht hat, ist die unterste aller denkbaren Stufen vorbehalten. Er wird niemanden finden, auf den er noch herabschauen könnte. Unter ihm: ein Nichts. Über ihm: andere Täter – höher in der Hierarchie. Am Ende wird einer den Knast verlassen, der kaum jemanden mehr hat in seinem Leben. Er wird seine Schuld abgebüßt haben. Er wird einen Weg finden. Vielleicht. Niemand weiß, was aus den Wunden derer wird, die seine Familie waren. Sie können ihr Leben nicht verlassen. Es gibt kein Happy End. Das Gericht hat seine Arbeit getan. Gerechtigkeit wohnt an einem anderen Ort.