Wir machen auf_merksam
Die Klever Innenstadt in Zeiten des Lockdowns. Das insolvente Modehaus Mensing konnte dennoch durch die Übernahme der Sinn GmbH gerettet werden. NN-Foto: SP

KREIS KLEVE. (SP/MB) Der Einzelhandel kämpft gegen die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise. Seit Mitte Dezember sind bundesweit alle Geschäfte in den Innenstädten wieder geschlossen – der zweite Lockdown zur Eindämmung des Coronavirus-Pandemie trifft den Einzelhandel hart. „Im März wussten viele Geschäftsleute schon nicht, wie sie die vorübergehende Schließung finanziell überstehen sollen. Danach haben sie sich im vergangenen Jahr versucht, wieder aufzuraffen. Der aktuelle Lockdown, der im November und Dezember – also in den Monaten, die erfahrungsgemäß am umsatzstärksten sind – begann, bereitet ihnen große Sorgen“, sagt Kleves Wirtschaftsförderer Dr. Joachim Rasch. Bundesweit haben Einzelhändler am vergangenen Montag daher die Initiative „Wir machen auf_merksam“ unterstützt.

In Kleve beteiligte sich das Klever Lederwarenwarengeschäft Kiesow an der Aktion. „Wir Händler müssen lauter werden“, sagt Geschäftsführerin Nina Kiesow. Denn für Einzelhändler sei die aktuelle Situation existenzgefährdend. „Wir müssen unsere Ware immer ein halbes Jahr vorher ordern. Normalerweise kaufen wir zum jetzigen Zeitpunkt die Herbst-/Winter-Kollektion ein. Um neue Ware finanzieren zu können, müssen wir aber ältere Ware abverkaufen. Die Möglichkeit, mit unserer jetzigen Winterware in den Sale zu gehen, haben wir zurzeit nicht – und es fehlt uns auch die Perspektive“, sagt Kiesow. 

Unzureichende Hilfen

Nina Kiesow vor dem Schaufenster des gleichnamigen Lederwarengeschäfts in der Klever Innenstadt. Mit einem Plakat möchte sie auf die Folgen des Lockdowns für den EInzelhandel aufmerksam machen. Foto: privat

Sie könne die Politik zwar verstehen, dass sie in der jetzigen Zeit nicht absehen könne, wann die Infektionszahlen eine Rückkehr zur Normalität zulassen, dennoch wünsche sie sich mehr Hilfestellungen. „Die Hilfen, die es zurzeit gibt, kompensieren unsere Verluste nicht“, sagt Kiesow. Daher unterstütze sie die Forderungen der Initiative „Wir machen auf_merksam“, die sich für eine Wiedereröffnung des derzeit geschlossenen lokalen Einzelhandels und eine Gleichbehandlung mit der Gastronomie in puncto Corona-Soforthilfen oder anderweitige angemessene Entschädigungen stark macht.

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Kleves Wirtschaftsförderer Dr. Joachim Rasch steht mit vielen Geschäftsinhabern in engem Kontakt und sieht eine Heterogenität in der Unternehmerschaft. „Die Händler, die eigene Immobilien haben, haben es zurzeit mitunter etwas leichter, weil sie geringere Fixkosten haben. Aber auch sie haben Fixkosten etwa in Form von Heizkosten und Strom, die ohne Einnahmen nur schwer zu stemmen sind“, sagt Rasch. Inwieweit Klever Einzelhändler bereits in ihrer Existenz bedroht seien, könne man zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. „Das ist von Fall zu Fall zurzeit sehr unterschiedlich. Wir haben aber bereits großes Glück gehabt, dass der Kelch Mensing (das insolvente Modeunternehmen wurde Ende vergangenen Jahres von der Sinn GmbH übernommen; Anm. d. Red.) an uns vorübergegangen ist und uns somit zwei große Modehäuser erhalten bleiben“, sagt Rasch.

Barbara Valkysers hat von der Aktion „Wir machen auf_merksam“ durch eine E-Mail erfahren. Diese hat sie allerdings erst am frühen Montagmorgen um 6.22 Uhr erreicht. Zu wenig Zeit, noch alles vorzubereiten. „Grundsätzlich finde ich die Idee, auf die Situation des Einzelhandels aufmerksam zu machen, aber gut“, betont die Inhaberin eines Geschäftes für Damenmode in Geldern. Denn: „Der Einzelhandel wird bei der Diskussion um eine Unterstützung nicht genug berücksichtigt.“ Denn während die Gastronomie beispielsweise bis zu 75 Prozent des Umsatzes eines Vorjahres-Monats als Hilfe beantragen kann, „sind bei uns gerade einmal 50 Prozent der Fixkosten angedacht“, berichtet Valkysers. Und selbst hier gebe es Probleme; zuletzt war die für die November-Anträge eingerichtete Online-Plattform noch nicht freigeschaltet.

Verderbliche Ware

Was Barbara Valkysers ebenfalls zu wenig Beachtung findet, ist die Art der Ware, die sie und ihre Mitbewerber im Modegeschäft verkaufen. „Es wird immer von verderblicher Ware gesprochen“, sagt Valkysers. „Aber auch die Mode, die ich anbiete, kann ich irgendwann nur noch zum Einkaufspreis verkaufen, um sie überhaupt loszuwerden.“ Insofern seien auch Hosen, Hemden, Pullover und Jacken eine Form von „verderblicher“ Ware. Dass sie die Order für die nächsten Kollektionen immer mindestens ein halbes Jahr im Voraus aufgeben müsse, mache die Sache nicht einfacher. „Aber von diesem ganzen Prozedere hat die Politik keine Ahnung“, sagt Valkysers.

Entsprechend wenig hält sie auch von der Schließung des Einzelhandels und der Gastronomie im Zuge des zweiten Lockdowns – wie auch Anja Laumann, Geschäftsführerin des gleichnamigen Spielwarengeschäftes in Geldern. „Ich glaube nicht, dass man sich bei einem Restaurantbesuch anstecken würde“, sagt Laumann. Das Problem seien Treffen im privaten Bereich und der ÖPNV. Laumann rechnet vor: „Im Privaten trifft man sich für mehrere Stunden, in einem Geschäft halte ich mich dagegen nur fünf bis zehn Minuten auf – mit Maske, Abstand und Hygienevorschriften.“ Entsprechend zweifelt sie die Sinnhaftigkeit des erneuten Lockdowns an und verweist auf den Verlauf der vom RKI veröffentlichten Infektionszahlen: „Erst wird die Gastronomie geschlossen – und die Zahlen steigern weiter. Dann wird der Einzelhandel dicht gemacht – und die Zahlen steigen weiter. Das zeigt doch: Es liegt nicht an uns.“

„Call & Collect“

Barbara Valkysers und Anja Laumann sind froh, dass sie zumindest noch die Möglichkeit des „Call and Collect“ haben. Ihre Kunden rufen bei ihnen an, bestellen Artikel und holen diese dann ab – sicher und kontaktlos. „Wir können nicht viel mehr tun, als weiter darauf aufmerksam zu machen, was wir weiterhin leisten können“, sagt Laumann und schließt mit einem Satz, der Mut machen soll, aber auch die aktuelle Situation widerspiegelt: „Wir kämpfen uns da durch.“

Mehr Infos gibt es online unter www.freundschaftsdienst.eu.