Geteilte Meinungen zu ‚Jugend musiziert‘

KREIS KLEVE. ‚Jugend musiziert‘ ist eine der bekanntesten Talentshows Deutschland. Nein – gecastet wird nicht fürs Fernsehen und die Juroren sind keine Stars oder Starlets. Der Wettbewerb richtet sich an junge Musiker, die in verschiedenen Altersgruppen und verschiedenen Kategorien antreten.

Drei Ebenen

Am Tag X spielen alle Teilnehmer einer Jury vor, die ihrerseits Punkte vergibt, um am Ende des Tages die Sieger der verschiedenen Kategorien und Altersgruppen bekanntzugeben. Der Wettbewerb findet auf drei Ebenen statt: Regionalwettbewerb, Landeswettbewerb, Bundeswettbewerb. Wer auf regionaler Ebene einen ersten Platz mit mindestens 23 Punkten belegt, wird zum Landeswettbewerb zugelassen und kann sich dort zum Bundesfinale ‚vorkämpfen‘. Das ist die Kurzfassung des Reglements, um die es an dieser Stelle allerdings erst einmal nicht geht. Es geht – natürlich – um Corona.

Austragungsort Kleve

Der Regionalwettbewerb ‚Jugend musiziert‘ hätte in diesem Jahr in Kleve stattgefunden. Schon relativ früh war klar: Nichts würde sein wie sonst. Zunächst hatten die Ausrichter noch mit einem Präsenzwettbewerb im Rahmen der Hygienebestimmungen gerechnet, dann aber stand fest: Auch die Präsenzveranstaltung würde der Pandemie zum Opfer fallen. Ausweichlösung: Ein „Video-Wettbewerb“ (die NN berichteten). Teilnehmer sollten ihren jeweiligen Wettbewerbsbeitrag auf Video aufnehmen und dann einschicken. Das Echo auf diese Lösung: äußerst unterschiedlich.

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Ursina Daams

Für Ursina Daams wäre es in diesem Jahr die dritte Teilnahme gewesen. „Eigentlich wäre ich sogar zum vierten Mal dabei gewesen, aber beim ersten Mal bin ich krank gewesen und konnte nicht teilnehmen. Im letzten Jahr bin ich mit zwei anderen Spielerinnen in der Ensemblewertung angetreten.“ Ihr Instrument: Blockflöte. In diesem Jahr wäre sie in der Solowertung angetreten. Daams hat sich entschieden, in diesem Jahr nicht am Wettbewerb teilzunehmen. „Ich finde es nicht so toll, dass der Wettbewerb unter diesen Bedingungen stattfindet. Man muss ja ein Video machen und das dann abschicken. Das ist aber etwas anderes als sonst. Man geht ja sonst zum sogenannten Wertungsspiel und hat genau eine Chance. Da muss dann alles klappen. Wenn ich dann falsche Sachen spielen, dann ist das so. Ein Video kann man ganz oft aufnehmen – so lange, bis das Ergebnis perfekt ist. Also kann am Ende jeder etwas Perfektes einschicken. Ich finde, es wäre echt besser gewesen, den Wettbewerb in diesem Jahr ganz abzusagen. Im nächsten Jahr, würde ich, wenn alles wieder ganz normal wäre, mitmachen.“

Henning Schmeling

Zyniker sagen, man könne ja dann künftig auch bestimmte Sportdisziplinen bei olympischen Spielen per Video austragen: Weitsprung beispielsweise. Jeder filmt seinen besten Sprung und schickt das Video ein.
Das geht in die Richtung, in die auch Henning Schmeling denkt. Er hat zwei Söhne, Jakob und Anton, die beide in diesem Jahr dabei gewesen wären, Jakob in der Duo-Wertung Geige und Klavier, Anton in der Wertung Blockflöte solo. Henning Schmeling: „Momentan kann ich noch nicht sicher sagen, wie wir uns verhalten werden, aber ich bin der Ansicht, dass es bei der Idee von ‚Jugend musiziert‘ auch darum geht, eine bestimmte musikalische Leistung punktgenau abzurufen. Das ist ein Prinzip. Das finde ich wichtig, aber genau das wird ja durch die Video-Regelung ausgehebelt. Wenn Musiker sich mit anderen messen wollen, funktioniert das meiner Meinung nach nur auf der Präsenzebene. Jetzt ist es ja so: Jeder kann theoretisch so viele Versuche machen wie er möchte. Dazu kommen ungleiche Voraussetzungen beim Erstellen der Aufnahmen. Die einen werden das Video mit dem Smartphone und den eingebauten Mikrofonen machen, andere haben eine bessere Ausrüstung. Der entscheidende Punkt für mich ist aber die Sache mit der Präsenz und dem punktgenauen Abliefern einer Leistung.“

Vorspiel wie sonst, aber vor der Kamera

Und wie wäre es gewesen, wenn man am Austragungsort – also Kleve – verschiedene Räume eingerichtet hätte, in denen dann die Teilnehmer vorgespielt hätten, aber eben nicht vor einer Jury sondern vor einer Kamera? Ein Versuch – mehr nicht. Schmeling: „Das wäre für mich ein machbarer Kompromiss gewesen, aber der wurde ja leider nicht angeboten. Dazu kommt ja, dass mein Sohn Jakob zusammen mit einer Pianistin, Maret Joeken, vorgespielt hätte. Die beiden konnten aber nach den Corona-Bestimmungen gar nicht zusammen proben. Die Instrumentallehrer der beiden haben auch gesagt, dass man eine solche Ensembleprobe nicht als Videokonferenz durchführen kann. Wie soll das laufen? Wir reden von zwei Zwölfjährigen. Ich denke, dass Jakob ganz froh ist, dass die Videoaufnahme nicht stattfindet. Der wäre tatsächlich lieber zum Wettbewerb hingegangen. Bei Anton bin ich mir nicht sicher, aber ich denke, unterm Strich ist er auch nicht so erbaut von der jetzigen Situation.“

Frederik Geene

Frederik Geene unterrichtet Bratsche und Violine an den Musikschulen in Kleve und Moers. „Ich hätte diesmal drei Schüler im Wettbewerb gehabt. Wir reden jetzt von der Duo-Wertung Violine und Klavier.“ Geene ist wichtig, dass er kein Pauschalurteil zum jetzigen Austragungsmodus fällen kann und will. „Ich spreche über die jüngeren Teilnehmer und über die Duo-Wertung.“

Kamera und Publikum – das ist ein großer Unterschied

Eben da sieht Geene gleich mehrere Probleme. „Es ist eine Sache, vor einem Publikum aufzutreten – das lernen die Schüler bei Konzerten. Das Spiel vor einer Kamera ist etwas komplett anderes. Es braucht da eine andere Art der Fokussierung. Das ist – gerade für die jüngeren Teilnehmer sehr schwierig. Ein weiteres Problem – wir reden noch immer von der Duo-Wertung – ist das Unterrichten. Man kann Ensemble-Spiel nicht per Video unterrichten. Beim Zusammenspiel geht um eine – wie soll ich sagen – Geheimsprache. Es ist ja nicht so, dass da zwei Leute dieselben Noten haben, bis drei zählen und zu spielen anfangen. Beim Ensemblespiel geht es um Gesten – es geht um Winzigkeiten der Körpersprache, es geht um das Zusammen-Atmen an wichtigen Stellen. All das lässt sich nicht per Videokonferenz lehren. Lernen kann man es da auch nicht. Wenn Leute schon länger zusammen spielen, ist das etwas anderes, aber jungen Schülern macht das die Sache fast unmöglich.“ Das sieht auch Geenes Kollegin, die Pianistin Anja Speh so. Eine ihrer Klavierschülerinnen hätte zusammen mit Jakob Schmeling, der von Geene unterrichtet wird, in der Duo-Wertung Geige und Klavier teilgenommen.

Raumeinfluss

Geene: „Wir haben jetzt noch nicht darüber gesprochen, dass es natürlich auch Einfluss hat, ob eine Aufnahme in einem Raum mit schlechter Akustik gemacht wird oder mit guten Equipment in einem Vortragssaal.“ Geene hätte es es begrüßt, wenn die Vorspiele wie sonst zu einer bestimmten Zeit in einem bestimmten Raum stattgefunden hätten – nur eben mit dem Unterschied, dass das Vorspiel vor einer Kamera stattgefunden hätte. „Da hätten dann alle dieselben Voraussetzungen gehabt. Das Problem des Unterrichtens wäre aber unverändert geblieben.“
In der Haut der Ausrichter möchte niemand stecken. Wäre es besser gewesen, unter den gegebenen Umständen auf die Ausrichtung des Wettbewerbs zu verzichten oder gilt: besser so als gar nicht. Wer will das sagen. Einig sind sich alle: Im kommenden Jahr ist hoffentlich wieder alles ganz normal. Kein Corona. Keine Filme.