Pflegekinderdienst
Stellten den Kinderpflegedienst der Stadt Kleve vor: Jan Traeder, Sabine Jenneskens-Bartjes, Elke Laukens, Melanie Müller-Memmer, Katja Borowski und Daniela Weyers. Es fehlte Silvia Brüker. NN-Foto: SP

KLEVE. Wer als Immobilienmakler tätig sein möchte, braucht eine Zulassung. Wer aber Pflegekinder vermitteln möchte, braucht im Gegensatz dazu keine Betriebserlaubnis und muss auch keinerlei Standards erfüllen. „Für uns ergeben sich daraus große Probleme“, sagt Jan Traeder, Leiter des Fachbereichs Jugend und Familie der Stadt Kleve, „um interessante und geeignete Familien hat sich ein Markt entwickelt, der es uns erschwert als Fachbehörde in Kontakt mit möglichen Pflegefamilien zu kommen.“ Die Stadt Kleve möchte deshalb den eigenen Pflegekinderdienst in den Mittelpunkt rücken. Denn: „Jedes Kind braucht eine Familie, – die ihm Schutz und Geborgenheit gibt.“

Auch viele Firmen werden mit diesem Leitsatz. „Das finanzielle Eigeninteresse der Dritten führt aber manchmal zu sehr zweifelhaften Konstrukten, mit denen wir als öffentlicher Träger schließlich umzugehen haben. Es existieren allerlei Missverständnisse um die tatsächlichen Kompetenzen dieser Firmen, mit denen wir mühevoll immer und immer wieder aufräumen müssen“, schildert Traeder. 

Das fünfköpfige Team des Pflegekinderdienstes der Stadt Kleve betreue aktuell 95 Pflegekinder. „Der Bedarf an Pflegeeltern ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen“, sagt Katja Borowski vom Pflegekinderdienst der Stadt Kleve. Durch die Coronavirus-Pandemie habe es in den vergangenen Monaten allerdings weniger Möglichkeiten gegeben, mit interessierten Pflegefamilien in Kontakt zu kommen. Dabei seien diese sehr wichtig. „Je größer der Bewerberpool an Pflegefamilien, je passgenauer kann vermittelt werden“, erläutert Borowski.

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Unverzichtbarer Teil

„Pflegefamilien sind ein unverzichtbarer Bestandteil der Jugendhilfe. Sie tragen dazu bei, dass wir für möglichst viele Kinder geeignete Familien finden können“, fügt Melanie Müller-Memmer hinzu. Denn Pflegefamilien würden einem Kind Liebe, Zuwendung, Sicherheit und Geborgenheit geben sowie seine Bedürfnisse sehen und verstehen. Da Pflegekinder häufig physisch und psychisch vernachlässigt worden seien und Not oder Gewalt erfahren hätten, müssten Pflegefamilien offen, tolerant und belastbar im Umgang mit meistens verhaltensauffälligen Kindern sein.

Um diese Aufgabe zu bewältigen, steht den Pflegefamilien der Pflegekinderdienst der Stadt Kleve zur Seite. In vielen Gesprächen suchen die Mitarbeiterinnen auf Anfrage des Allgemeinen Sozialen Dienstes zunächst die geeignete Pflegefamilie für das Pflegekind aus. „Für das eine Pflegekind ist es gut, wenn ein Geschwisterkind schon da ist; das andere Pflegekind braucht eher die volle Aufmerksamkeit der Pflegeeltern. Da wäre eine Geschwisterkind eher schlecht“, sagt Sabine Jenneskens-Bartjes. Als Pflegefamilie seien aber nicht nur verheiratete Paare geeignet. „Es sind viele mögliche Konstellationen denkbar. Ein neues Zuhause können Kinder zum Beispiel bei verheirateten und unverheirateten Paaren, bei Paaren mit und ohne leiblichen Kindern, bei alleinstehenden und alleinerziehenden Müttern und Vätern oder bei gleichgeschlechtlichen Paaren finden“, sagt Jenneskens-Barjes. 

Wenn die passende Pflegefamilie gefunden sei, höre die Arbeit des Pflegekinderdienstes aber nicht auf. Die Pflegeeltern halten weiterhin einen engen Kontakt mit den Mitarbeiterinnen und pflegen einen engen Austausch, um Problemen vorzubeugen oder zu beheben. Dazu gehören Gesprächsabende, begleitete Besuchskontakte, Biographieplanung, ein jährlicher gemeinsamer Ausflug in einen Freizeitpark, eine Krabbelgruppe für Pflegekinder und Schulungs- sowie Qualifizierungsabende von Pflegeeltern. Denn wer ein Pflegekind bei sich aufnehmen möchte, muss unter anderem neben einem ärztlichen Untersuchungsbogen und einem erweiterten, polizeilichen Führungszeugnis auch an vier Schulungsabenden zu den Themen Bindung und Beziehung, Traumata, rechtliche Grundlagen und Biografiearbeit teilnehmen.

Was angehende Pflegeeltern zudem berücksichtigen sollten, sei, dass ein Pflegekind selten allein komme. „Es bringt eventuell die Herkunftsfamilie, leibliche Geschwister, die Kita oder Schule, einen Vormund, ein Familiengericht oder begleitete Besuchskontakte mit“, sagt Borowski. Außerdem gebe es verschiedene Formen der Vollzeitpflege. Bei der familiären Bereitschaftspflege gehe es erstmal um die Unterbringung in einer Krisensituation. Sie diene der Stabilisierung und Perspektivklärung des Kindes. Bereitschaftspflegefamilien könnten Kinder bei Bedarf zeitnah in ihren Haushalt aufnehmen und Betreuung, Schutz und Versorgung bieten. 

Aufbau einer Bindung

Die Dauerpflegefamilie habe dagegen eine familienersetzende Funktion. „Der Schwerpunkt hier liegt im Aufbau einer sicheren, dauerhaften Bindung des Kindes an seine Ersatzeltern, die ihrerseits die soziale Elternschaft und die langfristige Erziehungsverantwortung übernehmen“, erläutert Jenneskens-Bartjes. Erziehungsstätten verbänden zudem die Qualitäten der stationären Erziehungshilfe mit Vorteilen der Unterbringung von Kindern in Pflegefamilien. Sie brächten meistens einen fachpädagogischen Hintergrund mit. „Die Integration ins privatfamiliäre Umfeld ist besonders für Kinder geeignet, die aufgrund ihrer bisherigen Lebenssituation eine intensive Betreuung benötigen“, sagt Jenneskens-Bartjes. Pflegeeltern hätten darüber hinaus zwar ein Anrecht auf Pflegegeld und Elternzeit, jedoch sollte dies nicht im Vordergrund stehen, wenn sie ein Pflegekind aufnehmen möchten, wie die Mitarbeiterinnen des Pflegekinderdienstes betonen. 

Weitere Informationen erteilen Sabine Jenneskens-Bartjes, Telefon 02821/84643, oder Melanie Müller-Memmer, Telefon 02821/84636.