HF negativ

GOCH. Good news first – das Positive zuerst: Ich bin negativ. Als ob ich es nicht immer gewusst hätte. Spannend war‘s trotzdem, obwohl doch meine Corona-App auch seit Wochen geschwiegen hatte: Keine Risiko-Begegnungen.

Haus am Heiligenweg

Seit dem 12. November wird im „Haus am Heiligenweg“ in Goch getestet. Das Haus ist ein Betreuungszentrum. Rund 80 Bewohner, rund 60 Mitarbeiter – 30 von ihnen Pflegefachkräfte (mit Staatsexamen). Plus X. Das X steht für Angestellte im Nichtpflegebereich. Der Chef, Frank Günzel, begleitet mich ins Besucherzelt. Im Zelt empfängt mich Denis Wevelsiep. Ein bisschen sieht er aus wie ein Spurensicherer am Tatort. Punkt Eins: Körpertemperatur. 36,6 Grad. Na wunderbar. Passt. Dann die Datenerfassung „Kurzscreening für Besucher von vollstationären Einrichtungen der Pflege und besonderen Wohnformen der Eingliederungshilfe sowie ähnlichen Einrichtungen während der COVID-19-Pandemie“.

Ja/Nein

Name, Adresse, Telefonnummer, Datum, Uhrzeit und Dauer des Besuchs. Dann Ja/Nein-Abfragen: Fieber? Halsschmerzen und oder Schluckbeschwerden? Husten? Atemnot? Geschmacks- oder Geruchsverlust? Allgemeine Abgeschlagenheit und oder Leistungsverlust? Starker Schnupfen? Haben Sie in den letzten 14 Tagen Kontakt mit einem SARS-COV-2 positiven Menschen gehabt? Nein, nein – alles nein.
Jetzt wird‘s unangenehm. Denis Wevelsiep bittet mich, den Mund weit zu öffnen. Gottseidank, denke ich: Es ist nicht der Zahnarzt. „Könnte sein, dass Sie jetzt einen Würgereiz verspüren“, warnt mich Wevelsiep. Tatsächlich. Angenehm ist das nicht. Wevelsiep beträufelt das Wattestäbchen mit einer Flüssigkeit. Das dient dazu, den entnommenen Speichel „zu vermehren“. Und dann liegt da der Test auf dem Tisch.

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Denis Wevelsiep bei der Arbeit.

15 Minuten

Fünfzehn Minuten wird es dauern bis zum Ergebnis. Ein Strich zeichnet sich im Sichtfenster ab. „Problematisch wird es erst dann, wenn Sie am Ende zwei Striche sehen“, sagt Wevelsiep. Die Wartezeit verkürze ich mit Fotografieren: Frank Mergens, Pflegedienstleiter und Chefvertreter wird getestet. Es geht ihm wie allen Mitarbeitern und Bewohnern: Einmal pro Woche werden sie gestestet. Frank Günzel erklärt: „Bei allen Mitarbeitern und Bewohnern führen wir zudem täglich ein Screening durch.“ (Die Ja/Nein-Abfrage.) Taucht ein ‚Ja‘ auf, wird sofort der Schnelltest durchgeführt. „Ein Test kostet 7 Euro und wird zu 100 Prozent refinanziert“, erklärt mir Günzel. Auf dem Tisch: mein Schnelltest. Beschriftet ist er mit HF. Es wird bei einem Streifen bleiben. Negativ.

Selbstschutz ist unbequem

„Dann gehen wir jetzt in mein Büro“, sagt Günzel. Ich muss die Maske wechseln. Ich habe einen von den weißblauleichten. „Hier bei uns brauchen Sie diese Maske. Mit der blauen schützen Sie die anderen – mit dieser hier die anderen und sich selbst.“ Die neue Maske: weiß. KN95 steht darauf. Selbstschutz ist unbequem, denke ich.
Im Büro erklärt mir Frank Günzel, dass er Denis Wevelsiep eigens als „Betreuungskraft Corona“ eingestellt hat. Volle Stelle. Voll refinanziert. Reicht denn einer aus, der Schnelltests macht? Günzel: „Nein. Wir haben zehn unserer Fachpflegekräfte zu diesem Zweck geschult.“ Der Test, lerne ich, darf nur von eigens Geschulten ausgeführt werden. „So ein Test“, sagt Frank Günzel, „ist ja streng genommen ein ärztlicher Eingriff. Daher müssen diejenigen, die den Schnelltest durchführen, entweder von einem Arzt oder aber von Fachpersonal des Gesundheitsamtes geschult werden.“ Die Schulung dauert circa 30 Minuten.

Testkonzept

„Bevor wir mit dem Test beginnen durften, mussten wir unser ‚Testkonzept‘ auf einer Seite des Gesundheitsamtes hochladen.“ Die Regel: Wenn es keine Einwände gibt, kann mit dem Testen begonnen werden.
Günzel hat im Garten des Hauses am Heiligenweg ein Zelt aufbauen lassen. „Darum haben sich Event-Firmen aus Goch und Hasselt gekümmert. Günzel: „Montags habe ich angerufen – donnerstags stand das Zelt.“ Leichter gesagt als getan. „Das Zelt muss ja sturmfest verankert sein. Dazu gibt es einen Boden und Heizstrahler, damit es für die Menschen, die 15 Minuten auf das Ergebnis warten, nicht zu kalt wird.“ Kosten für das Zelt: Refinanziert. Jeder Pflegeeinrichtung stehen pro Bewohner und Monat 20 Tests zur Verfügung. (Alle werden refinanziert.) Günzel: „Das ist jetzt aber nicht so zu verstehen, dass wir Herrn X. oder Frau Y. 20 Mal pro Monat testen. Die Tests müssen auch für Personal und Besucher reichen.“ Bisher reichts. 80 Bewohner mal 20 Tests: Das ergibt 1.600 Tests. Jeder durchgeführte Test wird zudem mit 9 Euro bezuschusst.

Einmal positiv

„Seit Beginn der Testungen am 12. November haben wir – ich hatte Ihre Frage natürlich erwartet – 300 Tests durchgeführt“, sagt Günzel am 24. November – zwölf Tage nach dem Start.
Darf man über Ergebnisse sprechen? „Wir hatten ein positives Ergebnis“, sagt Günzel. „Dabei handelte es sich um einen unserer Mitarbeiter aus dem Nicht-Pflege-Bereich.“ Die Folge: PCR-Test – die ausführliche Version des Tests. Günzel: „Den können wir hier nicht durchführen. Das geht entweder beim Arzt oder in der vom Kreis eingerichteten Teststation am Weezer Flughafen.“ Das Ergebnis: Der Miatarbeiter war „positiv“ und Mitarbeiter musste für zehn Tage in Quarantäne. Günzel: „Es gibt entweder eine zehn- oder eine vierzehntägige Quarantäne. Das hängt mit der Art des Kontaktes zusammen, die der Getestete vorher hatte.“

48 Stunden

Günzels Mitarbeiter bekam die Zehn-Tage-Version. „Zunächst gab es die Vorschrift, dass jemand, dessen Quarantäne beendet war, einen erneuten PCR-Test machen lassen musste. Erst nach dem zweiten Ergebnis durften die Leute, wenn es negativ ausfiel, zurück an den Arbeitsplatz. Das ist jetzt geändert worden. Menschen, die in Quarantäne waren, müssen 48 Stunden vor Ablauf der Frist symptomfrei sein – dann können sie zurück.“ Günzel ließ den Mitarbeiter, der keinerlei Symptome zeigte, auf eigene Initiative ein zweites Mal testen und siehe da: Der Mann war noch immer positiv. „Das lässt natürlich das Entfallen des Tests im Anschluss an die Quarantäne zumindest fragwürdig erscheinen.“ Günzel sieht es so: „Wir haben Glück gehabt, dass wir unseren Mitarbeiter nochmals haben testen lassen. Ich denke, der zweite Test ist sinnvoll, um Ansteckungen zu vermeiden.“
Hat der Mitarbeiter während der Quarantänezeit weiterhin Gehalt bekommen? Günzel: „Ja. Zu 100 Prozent.“ Auch das wird – zumindest für Mitarbeiter von Pflegeeinrichtungen – refinanziert. „Fragen Sie mich jetzt nicht, wie das beispielsweise bei einem Tischler laufen würde.“

„Mir geht das zu schnell.“

Nach wie vor müssen sich Besucher für das Haus am Heiligenweg vorher anmelden. Günzel: „Wenn wir beispielsweise einen Angehörigen haben, der drei Mal pro Woche zu Besuch kommt, wird nur beim ersten Besuch der jeweiligen Woche getestet. Kommt ein Angehöriger nur einmal pro Woche, wird er jedes Mal getestet.“
Mittlerweile ist ja ein demnächst kommender Impfstoff in aller Munde. Fest steht, wie man hört, dass alte Menschen in Pflegeeinrichtungen zur „ersten Charge“ gehören werden. Frank Günzel blickt mit Skepsis auf die Impfstoffe. „Das geht mir alles zu schnell“, sagt er. „Normalerweise dauern ja Zulassungsverfahren viel länger. Lassen Sie uns über die Impfungen sprechen, wenn es so weit ist. Seit dem ersten Lockdown sind acht Monate vergangen und glauben Sie mir: In dieser Zeit habe ich stapelweise Gesetze studiert und Änderungen abgearbeitet. Wichtig für uns als Pflegeeinrichtung ist in erster Linie die Sicherheit der Bewohner und Mitarbeiter.“
Wie sieht es mit der Einsamkeit aus? Günzel lächelt: „Wenn Sie in einer Einrichtung mit 80 Bewohnern und 60 Pflegekräften leben, ist Einsamkeit das kleinste Problem.“ Das Besucherzelt für die Schnelltests hat Günzel übrigens vorsorglich bis Ende März 2021 gemietet. Als ich gehe, bekomme ich das Ergebnis des Schnelltests ausgedruckt. Negativ. Na denn: Tschüss.