NIEDERRHEIN/STRAELEN. Es ist immer ein besonderer Moment, wenn Engagement durch eine Auszeichnung anerkannt wird, vor allem, wenn sie von so weit oben kommt. So auch für die Landwirtschafts-kammer Nordrhein-Westfalen, die 2018 das Leader-Projekt „Steigerung der Biodiversitätsmaßnamen auf landwirtschaftlichen Flächen am Niederrhein“ gestartet hat. Das Bundesamt für Naturschutz hat das Projekt nun als UN-Dekade-Projekt Biologische Vielfalt ausgezeichnet. Stellvertretend überreichte NRW-Landwirtschafts- und Umweltministerin Ursula Heinen-Esser die Urkunde und den „Baum der Biodiversität“ im Versuchszentrum Gartenbau der Landwirtschaftskammer in Straelen.

UN-Dekade-Projekte sind Auszeichnungen für solche Projekte, die über ein gewöhnliches Maß hinausgehen. Anders als in anderen Biodiversitätsprojekten steht in dem der Landwirtschaftskammer neben der Beratungstätigkeit auch eine Kommunikationsverbesserung zwischen Naturschutz und Landwirtschaft im Fokus, wie Elizabeth Verhaag, Teamleitung Biodiversität der Landwirtschaftskammer NRW, erklärt. Neben den Biodiversitätsberatern sind auch die unteren Naturschutzbehörden und Biologischen Stationen vor Ort einbezogen. Verhaag zufolge seien nicht wenige anfangs etwas kritisch gegenüber dem Vorgehen der Landwirtschaftskammer gewesen.

Bezüglich der authentischen Zusammenarbeit hebt Verhaag vor allem den Biodiversitätsberater Peter Gräßler lobend hervor, der alle Seiten ernst- und dabei mitnehme. Er ist einer von sieben Beratern in NRW. Das von ihm betreute Projekt umfasst Geldern, Kevelaer, Nettetal und Straelen. Die Berater beraten die Landwirte nicht nur, sondern helfen auch dabei, Maßnahmen zu beantragen und umzusetzen.

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Karl Werring, Präsident der Landwirtschaftskammer, betont wie Verhaag Gräßlers Expertise. Es sei ein Experte unterwegs, „der die Sprache der Landwirte spricht und für den das Thema Natur- und Artenschutz auch ein persönliches Anliegen ist. Hierdurch fühlen sich die Landwirte ernst genommen und öffnen sich für Überlegungen zur Umsetzung von Maßnahmen im eigenen Betrieb.“

Viele Maßnahmen möglich

Gräßler spricht von einem „großen Blumenstrauß aus Maßnahmen“, der zur Verfügung stehe. Egal ob ein- oder mehrjährige Maßnahmen, freiwillige oder geförderte. Hauptsächlich gehe es in der Region um Blühflächen und -streifen aller Art, aber auch um Uferrandstreifen und Grünlandmaßnahmen (extensive Nutzung von Grünlandflächen).

Die Kammer konnte laut Werring mit den Beratungsprojekten in NRW die einzelbetriebliche Beratung stetig ausbauen, auch mithilfe von verschiedenen Fördertöpfen. Um den Erfolg zu untermauern, nennt er einige Zahlen: „In den letzten Jahren konnten wir jährlich rund 400 Landwirte beraten, mit denen wir über 1.000 Hektar neue Flächen für die Biodiversität pro Jahr gesprochen haben. Erfahrungsgemäß sind davon 80 Prozent realisiert worden.“ Allein Gräßling habe 93 Betriebe beraten, „die in Folge auf rund 165 Hektar Maßnahmen für die Stärkung der Biodiversität und des Artenschutzes ergriffen haben.“ Der Anteil an Vertragsnaturschutzmaßnahmen am Niederrhein betrage bei den Beratungsbetrieben rund 50 Prozent.

All das hilft dabei, die Populationen gefährdeter Arten zu stärken, wie Kiebitz, Feldhase und Rebhuhn. Werring weiß, dass die Beantragung und Umsetzung von Maßnahmen für einen Betrieb nicht einfach sowie praxisbezogen Risiken bestünden. Aus dem großen Maßnahmenschatz, betont er, gelte es, die passenden für den jeweiligen Betrieb herauszusuchen, die auch den Anforderungen des Naturschutzes dienlich seien.

Alle auf einer Erde

Sehr angetan vom Projekt zeigt sich Ministerin Heinen-Esser, die Biodiversitätsberatung in der Landwirtschaftskammer bezeichnet sie sogar als so etwas wie ihr Lieblingskind: „Das Projekt liegt mir persönlich ganz besonders am Herzen, weil es das Miteinander von Landwirtschaft und Naturschutz zeigt, von Landwirtschaft und Biodiversität.“ Oft zu Unrecht würde beides als Widerspruch dargestellt, sie spricht dabei von einem seit Jahren zu beobachtenden Gegeneinander von Landwirtschaft und Naturschutz. „So kommen wir nicht weiter. Wir sitzen alle zusammen auf einer Erde. Und von der leben wir. Deshalb müssen Landwirtschaft, Natur und Artenschutz zusammengehen.“ Das untermauert sie mit Daten. Im Zuge eines schnellen Artensterbens werde es in wenigen Jahren wohl eine Million weniger Arten auf der Welt geben.

Auch auf eine Krefelder Studie nimmt sie Bezug. „In der wurde festgestellt, dass wir in 30 Jahren 75 Prozent der Biomasse bei Insekten verloren haben.“ Dafür gebe es einige Ursachen, darunter versiegelte Flächen, Lichtverschmutzung und das homogene Landschaftsbild beziehungsweise homogene Agrarlandschaften. „Umso auszeichnungswürdiger ist es, über ein Leader-Projekt Biodiversitätsberatung durchzuführen. Dieses Projekt betrifft 500 Betriebe mit einer Fläche von 20.000 Hektar. Ich denke, es ist eine gute Größe, über die man arbeiten kann.“

Sie betont jedoch: „Es geht nicht darum, dass sich die Betriebe auf ökologischen Landbau umstellen sollen.“ Bei der Biodiversitätsberatung gehe es darum, der konventionellen Landwirtschaft zu zeigen, mit welchen Möglichkeiten sie bei Agrarumweltmaßnahmen tatsächlich arbeiten könne, um mehr Artenvielfalt auf den Betrieben sicherzustellen. Auch über das Thema Blühstreifen hinaus.