Hoppmanns Erzählungen

KREIS KLEVE. Hoppmann geht. Ein November-Finale. Nach 46 Dienstjahren: Schluss mit traurig.

Keine Opas auf der Straße

Der Mann ist 62, sieht aus wie Anfang 50, „aber die wollen bei uns keine Opas auf der Straße“, sagt er. Das Augenzwinkern denkt man sich. Hoppmann ist keiner, der Gänsefüßchen in die Luft malt. Er ist Polizist und seit 22 Jahren Leiter der Mordkommission. Natürlich kann man ausholen und im Boulevardesken wildern: Leichen pflastern seinen Weg. Passt nicht: Hoppmann ist ein eher stiller Zeitgenosse – einer, der nach eigenem Bekunden die Dinge immer gut verarbeiten konnte. Einer, der nach einem 14-Stunden-Tag mit Mordermittlungen nach Hause fahren und gut schlafen konnte. Einer, der Ablenkung auch beim Sport fand. 13 Marathons ist er gelaufen, aber eigentlich waren es doch viel mehr.

Marathon

Mordermittlungen sind oft genug ein Marathon der anderen Art. Circa 250 Mal hat Hoppmann Mordkomissionen geleitet. Einen Fall lässt er ungelöst zurück. Dass ihn Kollegen „Mister 100 Prozent“ nennen – eine Randbemerkung auf den Stufen des Klever Polizeipräsidiums nach dem Ende einer Pressekonferenz, in deren Verlauf einer Bilanz gezogen hat. Einer der wichtigsten Meilensteine in Hoppmanns Laufbahn: Die Einführung der DNA-Analysen.
Wenn Hoppmann zurückblickt, dann blickt er auf Tod zurück, auf Menschen, denen mit der Axt der Schädel gespalten wurde, die man verbrannte, denen man in den Kopf schoss. Er blickt auf Täter zurück – manchen von denen hinterließen bei Hoppmann und seinen Kollegen Sprachlosigkeit. Dass ein junger Mann, der auf brutalste Weise einen Rentner tötete, bei einer Vernehmung als Grund für den Mord angibt, „ich wollte immer mal sehen, wie es ist, einen Menschen zu töten“, ist in seiner Sinnlosigkeit auch für einen „Profi“ schwer zu verdauen.

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Weggesteckt

Mordermittlungen sind immer Reisen an den Rand des Existentiellen. Das muss man aushalten, damit muss man leben können. Hoppmann hat anscheinend all das „weggesteckt“. Manche der Täter, die er überführte, sind wieder auf freiem Fuß. „Lebenslänglich bedeutet ja bei uns, dass ein Täter, wenn für ihn alles gut läuft, nach 15 Jahren entlassen werden kann.“ Während Hoppmann zu den Tätern, nachdem sie verurteilt und in Haft sind, keinen Kontakt mehr hat, bleiben Bekanntschaften mit den Opfern. Zu manchen hat er auch Jahre später noch Kontakt. „Opfer leiden lebenslänglich“, sagt Hoppmann. Ihr „lebenslänglich“ endet erst mit dem Tod.
Fragt man ihn nach Fällen, die im Gedächtnis geblieben sind, nennt er Namen, Daten, Umstände. Gut – da hat sich einer vorbereitet, aber es hat den Anschein, dass sehr viele dieser Fälle nicht in einem Rechner gespeichert sind, sondern in den Erinnerungen. Es hat den Anschein, viele Fälle in einen unauslöschlichen Speicher geraten sind. So ist das, wenn der Tod zum beruflichen Leben gehört.

Hoppmanns Erzählungen

Denkt einer wie Hoppmann über ein Buch nach? „Das habe ich in der Tat bereits in Erwägung gezogen“, sagt er. Da gibt es einige Fälle, die zu besonders sind, um ‚ad acta‘ gelegt zu werden. Hoppmann, auch das wird klar, mag ein ruhigbesonnener Mensch sein, aber er ist keiner, den das Elend der anderen in ein Emotionsexil getrieben hat.

Weggefährten

„Ich hatte mich auf eine große Abschiedsfeier gefreut, zu der ich gern alle ehemaligen und aktuellen Kollegen aus Krefeld und dem Kreis Kleve, dem LKA (Landeskriminalamt) und meine Weggefährten aus Staatsanwaltschaft, Gerichten und Rechtsmedizin eingeladen hätte. Auch den von mir selbst vor 20 Jahren aus der Taufe gehobenen Dienststellenleiterchor, der immer zu Verabschiedungen sang, hätte ich gerne noch mal singen (oder brummen) gehört. Das ist mir in Coronazeiten leider nicht gegönnt“, schreibt Hoppmann an die Kollegen.

Teamwork

Sowieso: Kollegen. Polizeiarbeit – vor allem auch die Arbeit in einer Mordkomission ist Teamwork. Das Team nur so gut wie der Chef – der Chef nur so gut wie sein Team. „Ich bin stolz darauf, dass ich mit so vielen hochmotivierten, professionellen und liebenswerten Menschen zussamenarbeiten durfte. Dafür bedanke ich mich.“ Auch das schreibt Hoppmann. Danach lässt er 46 Jahre revue passieren und schnell steht fest: Die Sache mit dem Buch sollte hinhauen, denn es folgen erst einmal zehn Seiten Text, die mit der Berwebung beginnen: „Man schätzte mich (mit 15 Jahren) als höflichen, jugendhaften Bewerber ein, der überdurchschnittlich gute Voraussetzungen für den Polizeidienst zu haben schien, aber dessen Reaktion auf psychische Belastung noch zu wünschen übrig ließ.“ Ja, Dinge ändern sich.

Sesselpupser

Der Rückblick, den Hoppmann „hinlegt“, ist auch ein Rückblick auf die Veränderung des Denkens. Hoppmann tat Dienst beim Präzisionsschützenkommando. Es war die Zeit des deutschen Herbstes. Die da ihren Dienst taten, waren herorragende Schützen, „aber außer zusätzlichem Schießtraining waren wir in keiner Weise auf einen möglichen Todesschuss vorbereitet.“ Einer von Hoppmanns Kollegen erschießt bei einem Einsatz den RAF-Terroristen Stoll.* „Wir fühlten uns allem gewachsen und ließen uns Oberlippenbärte wachsen, damit wir etwas älter und respekteinflößender aussahen. Die Kollegen von -K [Kriminalpolizei] waren für uns Sesselpupser, die – bis auf die Kriminalwache – um 16 Uhr nach Hause gingen.“ Es klingt nach Bob Dylan: „The times they are a-chaning.“ Die Zeiten ändern sich. Und mit ihnen die Menschen, die Einstellungen – und: der Apparat, den man Polizei nennt.

Der Tod im Shanghai

Andere Zeiten

„Ich liebte es, Tatverdächtige zu vernehmen, mit ihnen zu weinen und zu lachen, Vertrauen zu erlangen, in ihre Seelen zu blicken und sie letztlich zum Geständnis und zur Wahrheit zu bringen“, schreibt Hoppmann über den Mordermittler. Längst scheint von der Oberlippenbartattitude nichts geblieben.
Es ist zu vermuten, dass der Umgang mit dem, was oft nur grausam zu nennen ist, einer Seele Demut einhaucht. „So weit es mir möglich war, stand ich zur Beerdigung immer an den Gräbern der Tötungsopfer, um den Angehörigen unser Mitgefühl zu zeigen und mir selbst immer wieder klar zu machen, dass es sich nicht um ‚Leichensachen‘ handelt, sondern um menschliche Tragödien.“ Vielleicht setzt Trostlosigkeit da an, wo am Grab eines Opfers am Ende nur noch der Ermittler mit einem Kollegen steht. Auch das hat es gegeben. Neue Aussicht: Schluss mit traurig.

Youtube

Bei der Aufklärung von Verbrechen helfen, auch das ist einem wie Hoppmann klar, die Medien. Apropos Medien: Da gäbe es bei Youtube unter der Überschrift „Was der Tatort verrät“ 43 Minuten und 45 Sekunden lang Einblicke in die Arbeit von Hoppmann und Kollegen. Video: Was der Tatort verrät

Kilimandscharo

Einer wie er müsste – so viel ist sicher – (Dreh)Bücher schreiben. Wie auch immer: Man würde sich wundern, wenn man vom Rentner-Hoppmann (heißt es nicht Pensionär?) künftig nichts mehr zu hörensehenlesen bekäme. Zur Pensionierung hat Hoppmann sich ein Cabrio geschenkt und mit seinem alten T4-Bulli will er auf Achse: Marrakesch – und dann wäre da noch ein altes Motorrad, das auf Restaurierung wartet. Der Mann hat reichlich zu tun. Bergwandern, Trekkingtouren. Und dann wäre da noch der Kilimandscharo. Und dann wäre da noch …

Aus dem Archiv: Mordkommission