KREIS KLEVE. (SP/MB) Die Schulen in Nordrhein-Westfalen sind aus Sicht von Schulministerin Yvonne Gebauer noch immer „sichere Orte“. Maskenpflicht, Lüften und Abstand sollen dies­ weiterhin garantieren. Aus diesem Grund geht das NRW-Schulministerium zum Ende der Herbstferien am Montag einen anderen Weg, als das Robert Koch-Institut (RKI) empfiehlt: Es soll keine kleineren Klassen oder sogar Halbierungen geben. Kritik gibt es nicht nur für diese Entscheidung, sondern auch am Konzept des Lüftens alle 20 Minuten für fünf Minuten.

Letzteres hat etwa den Landesvorsitzenden der Grünen, Felix Banaszak, auf den Plan gerufen. „Nach den Herbstferien beginnen die Tage der offenen Türen und Fenster“, sagte Banaszak. Das Konzept der NRW-Regierung bestehe nur aus kalten Räumen, Schals und Masken. Der Fachjournalist Andrej Priboschek bezeichnet das regelmäßige Lüften als praxisfern – „spätestens, wenn Wind und Regen die Unterrichtsmaterialien durch den Raum wirbeln“.

„Lieber zwei Tage erkältet als tatsächlich Corona“

Weniger skeptisch steht Klaus Hegel dem Konzept des Lüftens gegenüber. „Ich sehe da kein großes Problem, gerade weil es einen Luftaustausch ermöglicht“, sagt der Schulleiter des Gymnasiums Aspel in Rees. Bereits nach den Sommerferien habe man die Empfehlung an das Kollegium gegeben, alle 20 Minuten zu lüften. Zwar müsse man damit rechnen, dass es die eine oder andere Erkältung mehr in den Klassen geben werde, vor allem bei Schülern, die direkt am Fenster sitzen. Aber auch dies sieht Hegel pragmatisch: „Lieber ein oder zwei Tage Erkältung als tatsächlich Corona.“

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Kleinere Klassen hatten zuletzt Lehrerverbände für Corona-Hotspots gefordert. Doch Ministerin Gebauer will „so lange wie möglich“ am Präsenzunterricht festhalten. Denn für kleinere Klassen fehlten sowohl Räume als auch Lehrer, einige Schüler müssten also wieder zuhause bleiben. Zudem seien Schulen selbst keine Hotspots, wie die Fallzahlen der vergangenen Monate zeigten.

Klassen teilen oder nicht? Schulleiter sind uneins

Klaus Hegel begrüßt die Entscheidung, die Klassen nicht zu verkleinern. Man habe am Reeser Gymnasium bereits verschiedene Szenarien durchgespielt. Die Konsequenz einer Verkleinerung wären gedrittelte Klassen: „Damit hätten wir die Schüler nur noch alle drei Tage im Präsenzunterricht.“ Dies wäre für alle Seiten „eine deutliche Mehrbelastung“, sagt Hegel. Bei zwei Dritteln der Schüler im Distanzunterricht würde die Effektivität merklich geringer ausfallen.

Anders sieht es Heinz Bernd Westerhoff, Schulleiter des Klever Konrad-Adenauer Gymnasiums (KAG): „Man könnte zum Beispiel auch die Schulklasse teilen und etwa 15 Schüler vor Ort beschulen und 15 Schüler per Videokonferenz dazu schalten. So könnten Sicherheitsabstände viel einfacher eingehalten werden“, sagt Westerhoff. Das seien Modelle, die am KAG bereits schon mal durchdacht worden seien.

Dennoch kommt Kritik am Vorgehen des NRW-Schulministeriums unter anderem von SPD-Schulexperte Jochen Ott: „Frau Gebauer wäre gut beraten, wenn sie sich mit alternativen Konzepten auch auf Situationen einstellen würde, in denen das Infektionsgeschehen an den Schulen in die Höhe steigt.“

Andrej Priboschek vermisst sinnvolle Maßnahmen seitens der Kultusminister während der Sommermonate. „Es gibt die Illusion eines Normalbetriebs, aber keinen Plan B“, kritisiert Priboschek, der selbst mehrere Jahre Referent und Sprecher im NRW-Bildungsministerium war.

Sind Schulen für weiteren Corona-Lockdown gerüstet?

Vor allem eine Frage aber bleibt offen: Sind die Schulen für den Fall eines weiteren Lockdowns – und damit der Schließung der Schulen – auf das „Homeschooling“ vorbereitet? Das Reeser Gymnasium wäre aus Sicht von Schulleiter Hegel zumindest „okay aufgestellt“. Wirklich vorbereitet sei man allerdings noch nicht, denn es fehlten noch die digitalen Endgeräte für das Kollegium und Schüler aus finanzschwachen Familien. Diese sollen im November geliefert und von der IT der Stadtverwaltung eingerichtet werden, so dass sie spätestens Ende des Monats zur Verfügung stehen.

Am KAG vermisst Schulleiter Westerhoff vor allem eine schnelle Internetverbindung. „Uns stehen 185 m/bit zur Verfügung. Das ist nicht sehr schnell und reicht bei weitem nicht aus, um digitale Medien optimal nutzen zu können“, sagt Westerhoff. Zudem warte die Schule immer noch darauf, dass das Land Nordrhein-Westfalen ein Videokonferenztool zur Verfügung stelle.

Aus erstem Distanzlernen „haben wir viel gelernt“

Ebenso wichtig sind laut Klaus Hegel aber auch die Erkenntnisse, die man aus dem ersten Lockdown gewonnen habe. „In dieser Zeit haben wir viel gelernt. Viele Dinge im Distanzlernen haben schon gut geklappt“, sagt Hegel. Was genau, wird am kommenden Montag im Rahmen eines pädagogischen Tages mit dem Schwerpunkt Digitalisierung erörtert und von Kollegen vorgestellt.

Auch am Freiherr-vom-Stein Gymnasium (FvS) in Kleve sind digitale Medien im Präsenz- und Distanzunterricht weiterhin ein großes Thema. Am Montag gibt es dazu am Klever Gymnasium einen schulinternen Fortbildungstag für das Kollegium, das sowohl auf einen Präsenz- als auch auf einen Distanzunterricht vorbereitet ist. Einen generellen Masterplan für Distanzunterricht gebe es deshalb nicht, da immer auf den vorliegenden Fall individuell reagiert werden müsse, „sei es weil ein Lehrer, ein Schüler oder eine ganze Schulklasse in Quarantäne muss“, erklärt FvS-Schulleiter Timo Bleisteiner.