„Der Abgerichtete“ – eine Fiktion?

XANTEN. „Die Leiche bin ich“ hieß der erste „Ruhrpottkrimi“ von Dagmar Witt aus Xanten (alias Margarethe Magga). Der spannende Roman erschien 2019 und die Autorin versprach eine Fortsetzung der Reihe. Und dann kam Corona, brachte viele Veränderungen und für Dagmar Witt die Erkenntnis: „Ich kann momentan keinen Krimi schreiben. Ich habe immer wieder meine Entwürfe verworfen.“

Dagmar Witt, alias Maxi Magga, hat ihr zweites Buch geschrieben. NN-Foto: Theo Leie

Soziale Kontakte wurden eingeschränkt, der Fernseher häufiger eingeschaltet. Der Film „Nackt unter Wölfen“ berührte die pensionierte Lehrerin sehr, Männer verbargen einen kleinen Jungen im Konzentrationslager vor der SS. „Der Film hat mich nachhaltig beeindruckt“, blickt Dagmar Witt zurück und erinnert sich gleich stark an einen Film, in dem ein Sklave gekauft wurde. Dabei gab es auch Folterszenen zu sehen, die sie einerseits erschütterten, andererseits faszinierten. „Waterboarding“ ist eine Foltermethode und bei ihren Recherchen im Internet musste sie erkennen, dass Gewalt an Menschen auch heute in zivilisierten Staaten durchaus zur Tagesordnung gehören. Der Gedanke ließ sie nicht los, sie musste ihn in Worte fassen, zu Papier bringen und „spann“ eine fiktive Geschichte drumherum.

Ein Buch entsteht

Ihr Held ist „Moron“. Er lebt in Europa in der ersten Hälfte der 2400er Jahre, vier Generationen nach den Großen Verteilungskriegen. Die Gesellschaft ist in einem Kastensystem organisiert. Eine wenige haben unglaublichen Reichtum und damit die Macht. Andere – wie Moron – leben in der untersten Kaste in bitterster Armut. Sie sehen den einzigen Ausweg darin, sich selbst als Sklaven zu verkaufen. Moron möchte auf diese Weise seine Familie vor dem Verhungern bewahren. Er ahnt nicht, dass er als persönlicher Sklave abgerichtet wird. Brutale Gewalt, Erniedrigung und sexuellen Missbrauch muss er aushalten in der Hoffnung, seiner Fanmilie dadurch ein besseres Leben zu sichern. Zum Selbstschutz entwickelt er Dankbarkeit gegenüber seinem Herrn, verinnerlicht komplett seine Rolle, die ihn völlig passiv und unfrei macht.

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Trotz aller Brutalität faszinierend

Wer beim Lesen sein Kopfkino einschaltet, sollte starke Nerven haben. Trotz aller Brutalität und Härte ist die Faszination größer weiterlesen zu wollen als das widerwärtige Gefühl, dass sich beim Lesen einstellt. „Auch ich habe eine ganz neue Seite an mir entdeckt“, gibt Dagmar Witt zu, denn im „richtigen“ Leben hat sie nichts mit gewalttätigen Menschen im Sinn. Was ist es, das sie zum Weiterschreiben bewegte? „Ich sehe das enorme Auseinanderdriften unserer Gesellschaft. Sehen Sie in Deutschland besitzt ein Prozent der Erwachsenen 35 Prozent des Gesamtvermögens der BRD. Das ist für mich die elitäre A-Kaste, die sich die Macht gesichert hat. In meinem Thriller gehe ich der Frage nach: Wie viel kann ein Mensch ertragen, um zu überleben? Wie viel ist ein Mensch bereit zu ertragen für die, die er liebt?

Der Held muss viel ertragen

„Ich lasse meinen Helden leiden, zeige, wie er seine Situation hinnimmt aus Liebe zu seiner Familie. Erst als er erkennt, wie sehr man ihn betrogen hat, ist er fähig zu Rachegedanken“, verrät Autorin Maxi Magga (die ihr Pseudonym für diesen Thriller etwas geändert hat).
Es gelingt ihr, menschliche Abgründe darzustellen, die das Motiv für unser Handeln liefern. Gleichzeitig zeigt sie die Unfähigkeit, sich zu befreien aus Rollen, die durch Geburt und Status festgelegt und verinnerlicht werden.
Das Cover zum Buch „Der Abgerichtete“ ist eine starke Darstellung zum Kern der Geschichte, das ihre Freundin Anette Weber entwarf. Das Paperback-Buch ist erschienen im Verlag Tredition zum Preis von 13,99 Euro (ISBN 978-3-347-09751-3) und ist im Handel erhältlich.