BEDBURG-HAU. Seit 27 Jahren setzt sich das Theater „mini-art“ aus Bedburg-Hau für eine offene, vielfältige Gesellschaft mit gleichberechtigter Teilhabe ohne Stigmatisierung ein. Mit seinen theaterpädagogischen Projekten schafft „mini-art“ eine Begegnung auf Augenhöhe. Die beiden Gründer, die Schauspielerin Crischa Ohler sowie der niederländische Schauspieler und Dramadozent Sjef van der Linden, wurden für ihr Engagement nun mit dem Rheinlandtaler vom Landschaftsverband Niederrhein (LVR) in der Kategorie „Gesellschaft“ ausgezeichnet.

„mini-art“ arbeitet mit verschiedenen Institutionen, wie Schulen, Kindergärten, Hochschulen, Kinder- und Jugendpsychiatrie und Forensik zusammen und ist auch Theater mit und für Erwachsene. „Das Wirken des Ensembles ist grenzüberschreitend und trägt damit zum kulturellen und gesellschaftlichen Austausch im Grenzgebiet bei“, begründet der LVR seine Wahl. „mini-Art“ sei das einzige deutsch-niederländische Theater in Deutschland und das einzige professionelle, freie Kinder- und Jugendtheater mit fester Spielstätte auf dem Gelände einer psychiatrischen Klinik, der LVR-Klinik in Bedburg-Hau, fasste Karin Schmitt-Promny, stellvertretende Vorsitzende der Landschaftsversammlung Rheinland, in ihrer Laudatio zusammen. Das Anliegen von Ohler und van der Linden sei es, „die feinen Zwischentöne auf die Bühne zu holen, Ungesagtes, Verborgenes, Unter-den-Teppich-Gekehrtes sichtbar zu machen. Ich finde, Sie treffen mit diesem Stück einen Nerv der Zeit. Sie bringen ein ,großes‘ Thema auf eine kleine Bühne – und das gelingt Ihnen immer wieder.“

„Ännes letzte Reise“

Als Beispiel dafür nannte Schmitt-Promny das Theaterstück „Ännes letzte Reise“, mit dem „mini-Art“ das Thema Euthanasie und Nationalsozialismus aufarbeitet. Es behandelt die Geschichte der jungen Frau Anne Lehnkering, die 1936 in die damalige Heil- und Pflegeanstalt in Bedburg-Hau eingewiesen und am 7. März 1940 ermordet wurde. „Sie fühlen sich tief in das Innenleben der handelnden Personen ein – sowohl in das von Änne als auch in das Innenleben der Täter. ,Ännes letzte Reise‘ macht aber nicht nur sichtbar, wie stark psychiatrische Kliniken in die furchtbaren Verbrechen des NS-Regimes verstrickt waren. Sie selbst haben es einmal so formuliert: ,Dieses Stück ist auch eine Parabel für die Achtung der Menschenrechte, für den Umgang mit dem Anderen und für die Frage nach dem ,Wert‘ eines Menschen. In diesem Zusammenhang spielt die Frage der Abwertung anderer, der Ablehnung von allem, was nicht in die Norm passt, was anders und fremd ist, eine bestürzend aktuelle Rolle‘“, sagte Schmitt-Promny in ihrer Rede. Dies sei vielleicht auch ein Grund dafür, dass Ohler und van der Linden das Stück auch heute noch spielen.

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Das erste Mal Mensch-sein

„mini-art“ ist aber noch viel mehr als nur ein Theater. Die beiden Schauspieler leisten auch viel Teilhabe und arbeiten mit Kindergarten- und Schulkindern, aber auch mit Patienten der LVR-Klinik und Straftätern zusammen. „,Anders und fremd‘ fühlen sich viele psychisch Erkrankte. Wenn sie Ihr Theater besuchen, sind sie häufig das erste Mal seit langem einfach nur Menschen: Nicht Patienten, nicht Straftäter. Sie vergessen für einen Moment, wo sie sind und warum sie hier sind und fühlen sich frei – ein bisschen so wie der Wal ohne seinen Garten auf dem Rücken“, sagte Schmitt-Promny.

Dabei zeichne „mini-art“ ganz besonders aus, dass Ohler und van der Linden Stücke immer gemeinsam mit den Schauspielern erarbeiten und sie mit ihnen spielen würden. „Die theaterpädagogische Arbeit für und mit Kindern und Jugendlichen und Erwachsenen steht für Sie im Mittelpunkt. Auch dann, wenn sie mit Patienten aus dem Maßregelvollzug ein Stück auf die Bühne bringen“, meinte Schmitt-Promny. Ohler und van der Linden würden zudem einen Raum für Begegnung auf Augenhöhe schaffen: „Und diese Begegnung macht etwas – mit den Patienten, aber auch mit den Zuschauern. Die Begegnung berührt. Und wenn sie das tut, kann sie Heilung in Gang setzen. Auf der Bühne gibt es auf einmal keine Stigmatisierung mehr: Alle sind gleich viel wert.“ Es sei die Überzeugung des Schauspieler-Duos, dass „in jedem Menschen ein Schatz liegt, der ganz oft nur verdeckt ist und den es gilt, Schicht für Schicht freizulegen“, wie es Ohler und van der Linden einmal selbst gesagt hätten.

Die LVR-Klinik profitiere von dem theaterpädagogischen Angebot auf dem eigenen Klinik-Gelände. „Zu Ihnen ins Theater kommen Patienten, die erste Erfahrungen mit Dramatherapie gemacht haben. Und zu den Therapeuten in der Klinik kommen Patienten zurück, die sich oft stärker öffnen als vorher“, verriet Schmitt-Promny. Das Thetaer habe aber nicht nur eine große Bedeutung für die LVR-Klinik, sondern für die ganze Region. Deshalb seien Crischa Ohler und Sjef van der Linden bereits zurecht mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurden. Unter anderem erhielten sie neun Mal den Kinder- und Jugendtheaterpreis des Landes Nordrhein-Westfalen. Nun kam auch der Rheinlandtaler hinzu.