NIEDERRHEIN. Der plötzliche Herz-Kreislauf-Stillstand ist die dritthäufigste Todesursache in entwickelten Ländern. Der heutige, weltweite „World Restart a Heart Day“ (Tag der Wiederbelebung) soll die Bedeutung dieser Stillstände ins Bewusstsein der Menschen rücken. Wie wichtig das ist, weiß Judith Grütter nur zu gut. Einfache Maßnahmen retteten ihr kürzlich das Leben. Und die kann wirklich jeder anwenden. „Es gibt nur eines, was man falsch machen: nichts tun“, sagt Landrat Dr. Ansgar Müller.

Der 12. Juli war zunächst ein ganz gewöhnlicher Tag für Grütter. Sie fühlte sich gut, joggte ihre Runde, aber zu Hause verspürte sie dann ein leichtes Ziehen in der Brust. Das wurde schließlich stärker, aber die 47-Jährige hielt es für einen Muskelkater und schob es auf den Klettergarten-Besuch am Tag zuvor. Sie legte sich hin, erledigte danach ein paar Hausarbeiten. Aber noch immer schmerzte es. Also ging sie in den Garten, erzählte es ihrem Mann und wollte sich wieder hinlegen. „Dann weiß ich nichts mehr“, sagt sie. Auf den Weg zur Couch fiel sie bewusstlos zu Boden. Ihre sechsjährige Tochter hörte den dumpfen Aufprall, entdeckte ihre bewusstlose und merkwürdig atmende Mutter und alarmierte ihren Vater. Der rief den Notruf und führte geistesgegenwärtig zur Überbrückung die lebensrettende Herzdruckmassage durch. Fünf Minuten später war der Notarzt da.

Im weiteren Verlauf offenbarte sich jedoch noch mehr die Tücke des Herz-Kreislauf-Stillstands:  Das Rettungsteam leitete sofort eine EKG-Diagnostik ein, die ein Kammerflimmern zeigte. „Es gab eine elektrische Fehlfunktion, sodass das Herz nicht mehr schlagen konnte“, sagt Dr. Frank Höpken, ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes des Kreises Wesel und aktiver Notarzt. Stromstöße mit einem Defibrillator ließen Grütters Herz wieder regelmäßig schlagen.

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Schließlich wurde sie mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht. Die dort direkt durchgeführte Herzkatheter-Untersuchung bestätigte den Verdacht eines Herzinfarktes als Ursache für den Kreislaufstillstand. Nach mehreren Tagen intensivmedizinischer Behandlung stellte sich heraus, dass Grütter den Herz-Kreislauf-Stillstand ohne Einschränkungen überlebt hat. All das ermöglichte letztlich die Herzdruckmassage. Dieses Verfahren soll das therapiefreie Intervall so kurz wie möglich halten, also die Zeit, bis professionelle Hilfe eintrifft.

Herz-Kreislauf-Stillstand: Es kann jeden treffen

„Frau Grütter war zu diesem Zeitpunkt klinisch tot“, sagt Höpken. „Es ist unersetzbar, was der Danebenstehende leisten kann.“ 70 Prozent der plötzlichen Stillstände würden im Beisein von Familienmitgliedern geschehen. „Wenn diese 70 Prozent die richtigen Schritte unternähmen, wäre die Überlebensrate deutlich höher.“  80 Prozent der Anwesenden in einem Notfall in Skandinavien beginnen mit der Ersten Hilfe, in Deutschland liegt die Zahl etwa bei 40 Prozent. „Wenn wir die Zahl wie in Skandinavien erreichen würden, wären es 10.000 Leben im Jahr, die so gerettet werden könnten“, erklärt Höpken. Der Fall von Grütter, einer gesunden Frau, zeige zudem, dass es jeden treffen könne.

Drei Schritte, die Leben retten

Die stabile Seitenlage hat beim Stillstand keine Bedeutung. Als Notarzt hat Höpken sogar genug Situationen erlebt, wo jemand in stabiler Seitenlage stirbt. Viele fürchten sich auch vor der Beatmung: „Die Beatmung ist in der Laienreanimation nicht verpflichtend“, beruhigt Höpken. Wer sie beherrsche, dürfe sie aber zusätzlich durchführen. „Wir haben für zehn bis 15 Minuten ausreichend Sauerstoff im Blut, um durch die Massage dieses restliche Blut zirkulieren zulassen, sodass ausreichend Sauerstoff im Gehirn ankommt.“

Ist jemand nicht ansprechbar und hat keine oder keine normale Atmung, gilt es, den Notruf zu erledigen und sofort die Herzdruckmassage zu starten. Das Prinzip „prüfen, rufen, drücken“ ist das Gebot der Stunde.  „Man kann damit nichts falsch machen und diese Angst zu nehmen, ist eine unserer wichtigsten Aufgaben“, sagt Höpken. Einen Defibrillator sollte man nur holen, wenn jemand zeitgleich drückt.

Anleitung für die richtigen Maßnahmen

Prüfen:  Person ansprechen („Hören Sie mich?“); an den Schultern schütteln, keine Reaktion? Auf die Atmung achten, gibt es keine oder keine normale?

Rufen: 112 anrufen oder eine andere Person dazu veranlassen.

Drücken: Mit der Herzdruckmassage beginnen, fest und schnell drücken; dafür den Brustkorb frei machen; den Ballen der Hand auf die Mitte der Brust legen, den Ballen der anderen Hand darüber; Finger verschränken, Arme gerade halten und senkrecht mit den Schultern über den Druckpunkt gehen, so kann man viel Kraft ausüben; das Brustbein fünf bis sechs Zentimeter nach unten drücken; 100 bis 120 mal pro Minute drücken; nicht aufhören, bis Hilfe eintrifft; geschulte Helfer sollen die Mund-zu-Mund-Beatmungen im Verhältnis von 30 Herzdruckmassagen zu zwei Beatmungen durchführen.

Der Kreis Wesel plant zudem, eine Ersthelfer-App einzuführen. Die soll das therapiefreie Intervall verkürzen, in dem eine in der App registrierte Kraft auf einen Notfall in der Nähe aufmerksam gemacht wird, um bis zum Eintreffen der Rettungskräfte zu helfen. Auch beim 112-Notruf können die Disponenten die Maßnahmen anleiten.