NIEDERRHEIN.  Demenz ist bereits für sich genommen eine große Belastung – für den Erkrankten wie auch für die Angehörigen. Stirbt aber eine dem Erkrankten nahestehende Person, kommen weitere Probleme dazu. Zum Beispiel, wie man die Todesnachricht übermittelt und ob und wie man den Erkrankten an der Bestattung und damit am Abschied teilhaben lassen kann. Dafür gibt es das Konzept der demenzfreundlichen Bestattungen. Die sind seit ein paar Jahren in den Niederlanden ein Thema und jetzt auch in Deutschland. Bastian König, Bestatter aus Borth, hat sich vor kurzem in einer deutschlandweit ersten Schulung zum „demenzfreundlichen Bestatter“ weitergebildet. Tätig ist er als solcher am ganzen Niederrhein.

Wie präsent Demenz und die damit einhergehenden Probleme sind, belegen schon ein paar Zahlen: 1.593.000 Erkrankte gibt es in Deutschland, 55.000 davon kamen 2020 dazu und über 25.000 haben ihren Ehepartner verloren. König weiß, dass so eine Situation auch viele Angehörige überfordert. Entsprechend gebe es viele Menschen, die den Erkrankten nichts über den Tod der geliebten Person sagen würden oder sie zur Trauerfeier zu Hause ließen. Aber König empfiehlt das Gegenteil. Eine demenzfreundliche Bestattung hilft nämlich auf zwei Seiten.

Demenz verstehen lernen

Heutzutage wandeln sich Bestattungen immer mehr. Sie werden fröhlicher und auch der klassisch-religiöse Charakter lockert sich immer weiter auf. Um eine demenzfreundliche Bestattung besser zu verstehen, sollte das aber auch für die Krankheit gelten.

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„Die Demenz ist auf einer Zeitschiene zu sehen“, erklärt König. Menschen machen immer wieder neue Erfahrungen, Demenzkranken entfallen diese aber wieder. Und je weiter die Erkrankung fortschreitet, desto mehr entfällt ihnen. Ist es am Anfang der Ort, an dem man das Portemonnaie hat liegen lassen, verschwindet irgendwann eine ganze Woche. Und dann ein ganzes Jahr. Anstelle im Jahr 2020 zu leben, tun sie das schließlich vielleicht in den 80er Jahren. Hier setzen demenzfreundliche Bestatter wie König mit ihrem Konzept an. Eine entsprechende Gestaltung der Trauerfeier soll Dementen helfen, den Todesfall zu verinnerlichen.

„Wir versuchen bewusst, Trauerreaktionen hervorzurufen“, sagt König. Was zunächst gemein klingen mag, ist jedoch sinnvoll. Verknüpft man das zudem mit liebevollen Erinnerungen, hilft es umso mehr, dass der Todesfall im Gedächtnis bleibt.

Für die demenzfreundliche Bestattung und die Trauerfeier gelte es laut König zu schauen, in welchem zeitlichen Bereich sich der Demente befinde und ihn dann dort abzuholen. Durch den Bezug zur Vergangenheit bedeutet das für die Trauerfeiern oft eine (zumindest zum Teil) klassische Ausrichtung, zum Beispiel mit kirchlichen Symbolen, Bibelversen oder Gebetszetteln. Persönliche Erinnerungen an die Zeit mit der verstorbenen Person können etwa Bilder sein. Die genaue Umsetzung habe aber auch mit dem Erkrankten zu tun und damit, worauf er sich einlasse. Eine allgemeingültige Formel gibt es hierfür nicht.

Respektvolle Trauerbewältigung

„Die Praxis zeigt, dass der Großvater jeden Tag fragt, wo seine Frau ist“, erklärt König an einem Beispiel. Wenn Angehörige jeden Tag aufs Neue die Todesbotschaft überbringen müssen, quält das nicht nur den Demenzkranken, sondern ist auch für die Angehörigen nicht leicht. Denn auch sie müssen ihre Trauer bewältigen, was mit der fortwährend auftauchenden Frage nur schwer möglich ist. König weiß zwar, dass die Frage nach dem Partner auch nach anfänglich anhaltendem Verstehen irgendwann, nach weiterem Fortschreiten der Krankheit, wieder auftauchen kann. Aber bis dahin hatten zumindest die Angehörigen Zeit, ihre Trauer zu verarbeiten. König weiß ebenso, dass die demenzfreundliche Bestattung nicht immer den gewünschten Effekt hervorruft. Aber sinnlos macht sie das keinesfalls.

„Offenheit, nichts totschweigen“, fasst König zusammen. Das erleichtere allen langfristig das Leben und sei zudem respektvoll und ehrlich. „Reden ist immer wichtig“, ergänzt er. Und wichtig sei es, durchaus auch bei leichter Demenz vorzuarbeiten und auf die Erkrankten einzugehen. „Demenz hat auch eine psychologische Komponente“, sagt er. Ein plötzlicher Tod nach 60 Jahren Ehe kann einen starken Schub auslösen. In jedem Fall sind Angehörige und Vertrauenspersonen eine wichtige Stütze, ihre Bemühungen sind nie wirklich vergebens, auch wenn ein bestimmter, erhoffter Effekt ausbleibt. Denn schon der Versuch ist es wert.