Wenn jeder „Anteilseigner“ ist oder: Das digitale Schulprogramm

KLEVE. Verschickt eigentlich noch jemand Postkarten? Das Internet sagt, dass im Jahr 2018 noch 155 Millionen Exemplare verschickt wurden. Tendenz fallend. Postkarten sind natürlich ein Urlaubsding, aber es geht auch anders. Die Gesamtschule am Forstgarten in Kleve hat jetzt eine Postkarte aufgelegt: Nein, nicht für die schnelle Entschuldigung zwischendurch – es geht ums Kennenlernen.

Leitbilder

Natürlich – Leitbilder scheint es mittlerweile, übertrieben gesprochen, für jeden Kiosk zu geben, aber was die Gesamtschule da aufgelegt hat, lohnt ein Hinsehen. Fertig war das Projekt bereits im April, „aber vielleicht verstehen Sie, dass wir uns zwischenzeitlich vorwiegend um ein paar andere Dinge kümmern mussten“, sagt Stefan Püplichuisen, der die didaktische Leitung des Projektes hatte. Püplichuisen sagt auch, Schulentwicklung sei ja nie abgeschlossen. Also: Vorstellung „erst“ jetzt. „Wir wollten auch zunächst einmal erste Rückmeldungen sammeln.“
Leitbilder oder Firmen- beziehungsweise Schulportraits können eine ziemlich langweilige Sache sein und man kann sagen, was die Gesamtschule da auf die Beine, pardon: auf die Bytes gestellt hat, macht – kaum zu glauben – Spaß.

Am Anfang war das Logo

Am Anfang war in diesem Fall nicht das Wort. Es war ein Logo. Das Schullogo. In einem Kreis, der auch als Kugel „gelesen“ werden kann: lauter bunte Menschen, die sich an den Händen halten. Die Ausgangsfragen: „Was würde passieren, wenn die Figuren aus dem Logo klettern und die Schule erkunden? Auf wen oder was würde sie treffen?“
Das Paraderezept: Arbeitskreis. Zahlreiche Konzepte wurden ausgearbeitet. „Dann haben wir erkannt, dass wir die vielen Konzepte und Ideen ordnen und in eine ansprechende Form bringen müssen“, blickt Püplichuisen zurück. Es entstanden 15 Hauptpunkte. Mit denen ging es zu einem Architekt und Cartoonist. Erste Reaktion: „Das ist mal wieder typisch Schule. 15 Punkte sind zu viel. Ich lasse auch acht.“ „Wir haben dann in drei großen Gremien (Kollegiumskonferenz, Schülerparlament und Schulpflegschaft) alle Aspekte zusammengetragen, die unsere Schule ausmachen.“ Natürlich: Nichts geht ohne eine Steuergruppe. Die Idee, dass die Figuren aus dem Logo „lebendig“ werden, blieb. Stichworte sind wichtig: Nachhaltigkeit. Das zu entwickelnde Programm sollte nachhaltig und somit digital sowie – natürlich – auch mit Smartphones nutzbar sein.

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Acht Punkte

Die Punkte, die sich nun um das Schullogo (Leitbild) gruppieren sind: Lernkonzept, Nachhaltigkeit, Teamschule, Ganztag, Vielfalt, Bildungswege, Mitwirkung und Digitalisierung. Alles startet immer mit einem Logo. Das klickt man an und öffnet Text. Ja – lesen muss! Eine Schule lässt sich mit ihren Zielen nicht nur in Bildern beschreiben. Zu jedem der Hauptpunkte finden sich „im Inneren der Seite“ dann wieder Unterpunkte. Demnächst soll es dann auch Bilder und Filme geben, „aber das ist unter den momentanen Bedingungen eher schwer umzusetzen“, erklärt Püplichuisen.

Vielfalt, beispielsweise

Steuert man beispielsweise den Punkt „Vielfalt“ an, finden sich als Unterpunkte: Inklusionskonzept, Welcome Class, Bildung und Teilhabe, Gender sowie Förderung von Vielfalt und Akzeptanz. Unter anderem findet sich folgender Text: „Es ist uns wichtig, in der pädagogischen Arbeit mit Heranwachsenden an dem Thema geschlechtliche und sexuelle Vielfalt zu arbeiten. Damit bezieht die Schule aktiv Stellung gegen Homofeindlichkeit, Transfeindlichkeit, Sexismus und Rassismus.“ So soll es sein, denkt man.
Wer ist eigentlich die Zielgruppe? Im Prinzip alle, die sich für Schule interessieren. Das können Eltern, Schüler und Lehrer sein. Schulleiterin Dr. Rose Wecker: „Wir hatten vor kurzem Einstellungsgespräche und haben festgestellt, dass sich die Kandidaten sehr genau mit diesem Profil auseinandergesetzt und auf einzelne Punkte Bezug genommen haben.“ Nächstes Ziel: „Wir möchten jetzt all das auch noch in einfacher Sprache übermitteln“, erklärt Stefan Püplichuisen. Diese einfache Sprache ist dann beispielsweise an Viertklässler gerichtet oder an Schüler mit Migrationshintergrund. Schon jetzt ist das, was man zu lesen bekommt, dankenswerterweise eher wenig „verschwurbelt“. Die Texte sind weit weg vom Unendlichen – die Portionen also überschaubar.
Natürlich gibt es auch vermeintliche Hülsen, die nur im Schulalltag nachweisbar sind. „Für uns stehen der Mensch und sein Wirken im Mittelpunkt. Wir greifen die individuellen Stärken und Kompetenzen des Einzelnen auf und fördern sie zum Wohle der Gemeinschaft. Als inklusiv und integriert arbeitende Schule sehen wir das ‚Ich im Wir‘ und fördern als Teamschule Partizi­pation, Demokratie und Kooperation.“ Klingt hervorragend und sollte – streng genommen – Teil des Selbstverständlichen sein. Da steht es und ist – das muss klar sein – erwartbar: für alle, die mit der Gesamtschule am Forstgarten zu tun haben.

Die Zukunft

Auch an die Zukunft ist gedacht. „Das Schulprogramm“, heißt es in einem Begleittext, „ist modular aufgebaut, so dass sich die Einzelbereiche problemlos weiterentwickeln lassen. Auch neue Aspekte finden schnell einen Platz. Die jährlichen Arbeitsgruppen der Schule bilden sich zu den acht Icons. So wird Schulentwicklung strukturiert.“
Vielleicht ist ja die beste Schule eine, an der jeder „Anteilseigner“ ist, denkt man.
Zurück zur Postkarte: Man sollte sie an alle schicken, die nach einer Schule Ausschau halten und sich informieren möchten. Natürlich sind auch Barcodes auf die Postkarte gedruckt, die den Weg ins Internet schnell machen. „Wir freuen uns, dass Sie da waren“, heißt es am Ende der Veranstaltung und so viel ist sicher: Man geht mit einem guten Gefühl.

Das Schulprogramm im Internet