REES. Es ist ein wohlverdienter Ruhestand, da sind sich alle einig: Mariehilde Henning, die nächste Woche ihren 81. Geburtstag feiert, ist ihren Weg als stellvertretende Bürgermeisterin und Ratsmitglied nun zu Ende gegangen. Ihre politische Karriere in Rees war zwar ungeplant, aber erfolgreich, was Weggefährten wie Bürgermeister Christoph Gerwers nur bestätigen können.

Selbst wenn die Bürger Hemmungen hatten, Probleme anzusprechen: Ihr erzählten sie davon. Henning war und ist auch heute noch ein Mensch, mit dem man reden kann. Und das macht sie seit jeher so beliebt. Dabei war ihr Auftritt auf der politischen Bühne in Rees überhaupt nicht geplant, zumindest nicht von ihr.
1993 hatte der Bundestagsabgeordnete Heinz Seesing sie in die CDU geholt. Wirklich politisch aktiv wurde sie jedoch erst im Juni 2002, als sie in den Stadtrat kam. Den Weg dahin ebnete vor allem eine Freundin aus der Frauengemeinschaft, indem sie die unentschiedene Henning immer wieder dazu animierte: zu wenige Frauen im Rat, wie sie sagte. „Frauen denken anders, und das Klima in der Gruppe ist auch anders, wenn Frauen dabei sind“, erzählt Henning über die damalige Argumentation ihrer Freundin. 1995 kam sie zunächst in den Ausschuss für Jugend, Sport und Soziales. „Ich kam dann irgendwie, warum weiß ich nicht, auf die Reserveliste.“ Schließlich rückte sie nach, ein Sprung ins kalte Wasser.
Ein unglückliches Ereignis brachte sie zwei Jahre später, im März 2004, in das Amt der stellvertretenden Bürgermeisterin. Nachdem Wilhelm Buckermann 2004 plötzlich am Abend nach einer Fraktionssitzung verstarb, füllte Henning spontan die Lücke. Trotz fehlender Vorbereitung bewies sie über die nächsten Jahre ihre Eignung.
Eigentlich wollte sie schon vor der letzten Ratsperiode aufhören, aber Gerwers überredete sie, noch länger dabeizubleiben. „Sie ist eine gute Repräsentantin der Stadt, das war sie schon immer“, lobt Gerwers. Henning war eine Klassenkameradin seiner Mutter, daher war die Freude auf beiden Seiten groß, als Gerwers damals neuer Bürgermeister wurde. „Sie ist für mich immer eine mütterliche Freundin und Beraterin gewesen“, sagt Gerwers.

Gute und schlechte Erfahrung

Eine ihrer schlimmsten Erinnerungen als stellvertretende Bürgermeisterin ist die Verabschiedung von Landrat Rudolf Kersting. „Ich habe Blut und Wasser geschwitzt“, erzählt sie. Die Neue am Tisch der Bürgermeister zu sein, ohne die anderen zu kennen – da kann man schon nervös werden. Aber es war keine Erfahrung, die sie nachhaltig verschreckt hat. Dafür sorgte an dem Tag auch der nette Empfang des nun scheidenden Landrates Wolfgang Spreen.
Gleichwohl hat Mariehilde Henning viele schöne Erfahrungen gemacht. Zu viele, um sie aufzuzählen. „Ich habe viele Leute kennengelernt. Schön war es auch mit Bruno Ketteler.“ An eine Anekdote erinnert sich die Mutter von vier Kindern, die seit 30 Jahren im Frauenkarneval aktiv ist, besonders gut: Rees hatte damals als so ziemlich einzige Kommune kein Prinzenpaar, weshalb sie und Bürgermeister Ketteler neckisch gefragt wurden, ob sie es nicht übernehmen wollten. „Keiner hat damit gerechnet, dass wir es machen“, erinnert sie sich amüsiert. Ein besonders geschichtsträchtiger Moment für Henning war die Eröffnung der Kirmes durch sie, als erste Frau überhaupt in Rees.

Henning: Zeugin des Wiederaufbaus

Geboren wurde Henning 1939 in Essen, machte neben der Ruhrgebietsstadt aber auch vereinzelt kurzen Halt in Wesel, wo ihre Familie eine Wohnung hatte. Seit 1948 lebt sie allerdings in Rees, in ihrer Lehre bei der Sparkasse lernte sie dessen Bürger in großem Umfang kennen. Hier erlebte sie auch hautnah die Aufbauarbeiten nach dem Krieg. Schnell musste es gehen, wegen der Wohnungsnot. „Auf Schönheit wurde nicht geachtet, nur auf Zweckmäßigkeit“, weiß sie.
Mariehilde Hennings Nachfolge ist derzeit noch nicht geklärt, sie entscheidet sich aber in der ersten Ratssitzung im November. Für die potenziellen Nachfolger hat sie aber einen Rat: „Es reicht, freundlich auf die Leute zuzugehen, dann bekommt man meist ein Lächeln zurück.“ Das bestätigt auch Gerwers: „Es sind keine geschliffenen Reden erforderlich.“ Trotzdem: Die meisten Reden hat Henning selbst geschrieben.
In ihrer neuen, kommenden Freizeit möchte sie es ruhiger angehen lassen. Nicht nur möchte sie im Hintergrund noch bei den Karnevalsfrauen mitmischen, sondern vor allem „gesund bleiben und ein paar schöne Reisen antreten“.