Fatih Çevikkollu: „Empfinde jeden Auftritt als Geschenk“

Der Kabarettist und Schauspieler im NN-Interview – und am 2. Oktober in Straelen

Fatih Çevikkollu
Fatih Çevikkollu kommt am Freitag nach Straelen. Foto: Stefan Mager

STRAELEN. Er hat den Prix Pantheon gewonnen und die St. Ingberter Pfanne, einen der drei wichtigsten Kleinkunstpreise im deutschen Sprachraum: Fatih Çevikkollu. Inzwischen ist der Schauspieler und Kabarettist mit seinem sechsten Soloprogramm „Fatihmorgana“ auf Tour. Am Freitag, 2. Oktober, gastiert er ab 20 Uhr in der Bofrost-Halle in Straelen. Zuvor spricht Fatih Çevikkollu im NN-Interview über Schein und Sein, Corona und Kabarett und seine ersten Auftritte nach dem wochenlangen Lockdown.

Herr Çevikkollu, in Ihrem neuen Programm „Fatihmorgana“ heißt es: Nichts ist, wie es scheint? Kommt Ihnen dieser Gedanke auch manchmal, wenn es um die Corona-Pandemie geht?
Fatih Çevikkollu: Das Phänomen „Mehr Schein als Sein“ existiert unabhängig von Krisen. In der Krise ist es aber leichter, den Schein als solchen zu erkennen. Es ist doch toll zu sehen, wie die Scheindemokraten der AfD jetzt entzaubert werden als ein Haufen, der alles Mögliche hat, aber nicht eine einzige brauchbare Alternative.

Manche Gegner der Corona-Schutzmaßnahmen vertreten die Ansicht, dass auch in der Pandemie nichts ist, wie es scheint. Stichwort Fake-News und alternative Fakten. Das reicht von Behauptungen, das Virus stamme aus einem Labor in China und die Schutzmaßnahmen seien völlig übertrieben, bis zur These, das Virus sei gar nicht so gefährlich. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie so etwas hören?
Çevikkollu: Es gibt sehr interessante Erhebungen zu Menschen, die an Verschwörungsmythen glauben. Menschen, die solchen Märchen anhängen, haben für sich eine Religion gefunden, die ihnen Halt gibt. Das halten wir locker aus, solange es nicht zu viele werden, aber diese Gefahr sehe ich nicht.

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„Probeliegen auf der Parkbank – ging überraschend gut“

Wie haben Sie den Moment erlebt, als Kanzlerin Angela Merkel den Lockdown verkündete?
Çevikkollu: Es war Mitte März, ich war auf dem Weg nach Hause, und wie ich nun wusste, war das mein vorerst letzter Auftritt gewesen. Nicht wissend, was das überhaupt bedeutet und wie lange es das bedeutet, fuhr ich nach Hause. Und harrte der Dinge. Heute wissen wir: Wir haben monatelang ausgeharrt. Dass man als Künstler nicht weiß, wie es in zwei Jahren weitergeht, ist ja ganz normal und vielleicht sogar gesund. Aber von jetzt auf gleich ohne Boden und ohne Perspektive dazustehen, das war eine ganz neue Erfahrung.

Wie haben Sie die Zeit während des Lockdowns verbracht?
Çevikkollu: Ich habe – wie alle anderen auch – zu Hause gesessen und abgewartet. Währenddessen habe ich geschrieben, zwischendurch bin ich in den Park gegangen und habe mich mal auf eine Parkbank gelegt – Probeliegen, ging überraschend gut!

Was war es für ein Gefühl für Sie, nach Wochen und Monaten wieder auf der Bühne zu stehen?
Çevikkollu: Nach Monaten des Nicht-Spielendürfens empfinde ich jede Auftrittsmöglichkeit als Geschenk. Der große Raum gibt auch ein Gefühl von Sicherheit, und die Abstände werden gewahrt. Die Vorstellungen sind viel intensiver, spannender und lauter, da wir alle einen gemeinsamen Erlebens- und Erfahrungsraum haben, daraus ergibt sich ein Hunger nach Kultur und eine Sehnsucht nach gemeinsamem Lachen. Und da bin ich genau der richtige Mann, der das Schwere ganz leicht hinbekommt. Das wird ein super Abend, versprochen.

Stimmung beim ersten Auftritt „kann man nicht beschreiben“

Fatih Çevikkollu:
Fatih Çevikkollu freut sich, mit dem Publikum gemeinsam wieder lachen zu können.
Foto: Stefan Mager

Wie war die Stimmung im Publikum? War zu spüren, dass die Menschen sich wieder auf einen Kabarettbesuch ganz besonders gefreut haben?
Çevikkollu: Die Stimmung kann man nicht beschreiben, da muss man dabei gewesen sein. Zum Glück haben Ihre Leser jetzt die Möglichkeit dazu, es live mitzuerleben. Von meiner Seite ein dringender Appell: Dieses Erlebnis nicht an sich vorbeiziehen zu lassen, ohne ein Teil davon gewesen zu sein. Mitreden können nur die, die es auch erlebt haben.

In Ihrem ersten Programm „Fatihland“ haben Sie den Brückenschlag zwischen deutscher und türkischer Kultur vorangetrieben. Ist heute, fünf Programme später, dieser Brückenschlag abgeschlossen?
Çevikkollu: Brücken werden geschlagen und bleiben offen, ob es noch weitere Brücken braucht? Ganz bestimmt, es werden ja auch immer mehr Menschen, die eine Brücke brauchen. Zum Glück gibt es immer mehr Brückenbauer, so dass ich mir nicht bei jedem Fluss Gedanken darüber machen muss, wer da wie rüber kommt, ohne zu ertrinken. Wir brauchen mehr Menschen, die von Haus aus schon schwimmen können. Das wäre ein Fortschritt.

Worauf dürfen sich die Gäste in Straelen bei „Fatihmorgana“ noch freuen? Haben Sie auch das Thema Corona mit aufgenommen?
Çevikkollu: Ja, das kommt natürlich vor und wird behandelt! Es wäre auch reichlich sonderbar, wenn das nicht thematisiert würde. Die Pandemie hat die Kunst- und Kulturszene in besonderem Maße getroffen, und das findet natürlich auch seinen Platz. Aber neben all dem wird es auch sehr lustig.

Fatih Çevikkollu: „Biete Perspektiven, die die Zuschauer nicht kennen“

Sie wollen mit „Fatihmorgana“ die Welt, die in Angst und Hysterie verfallen ist, wieder geraderücken. Hand aufs Herz: Wird Ihnen in der heutigen Zeit nicht selbst manchmal angst und bange?
Çevikkollu: Wir leben in einer Zeit, in der die Themen Umwelt, Digitalisierung und Migration eine Dringlichkeit an den Tag legen, die es uns nicht mehr erlaubt wegzuschauen. In meinem Programm biete ich Perspektiven zu diesen Themen an, die die Zuschauer noch nicht kennen. Ich würde mir das auf keinen Fall entgehen lassen.

Vorverkauf
Mit seinem sechsten Programm „Fatih­morgana“ möchte Fatih Çevikkollu alle Gäste zum Perspektivwechsel einladen: Er widmet es dem Schein und dem Sein. Den Nachrichten und den Fake-News. Den Nullen und den Einsen. Rückt die ganze Welt nach rechts? Werden wir islamisiert? Was macht die Digitalisierung mit uns?

Karten zum Preis von 19,50 Euro (Abendkasse 21 Euro) gibt es in Straelen in der Geschäftsstelle des Kulturrings am Markt 11, im Bürgerservice im Rathaus, bei Schreibwaren Op de Hipt am Markt sowie in Geldern bei Bücher Keuck und beim Bücherkoffer.

Weitere Infos unter fatihland.de.

Was kann jeder Einzelne tun, um sich und die Welt ein wenig zu „beruhigen“?
Çevikkollu: Das Internet ist neben dem Informationsmedium gleichzeitig ein Desinformationsmedium. Mein wichtigster Tipp: Unbedingt das Gelesene überprüfen und nicht auf jeden Stuss reinfallen. Wenn eine Nachricht dich nur emotional abholt, kann sie alle Fakten ja gar nicht haben. Da darf man dann schon mal stutzig werden und weitere Quellen heranziehen. Auch Tee trinken hilft ungemein.