„Das Glück ist ein Ding mit Flügeln“

KLEVE. Gut, dass man beraten wird. „Du schreibst was über die Stichwahlkandidaten? Bitte schreib nicht über Politik“, sagen die meisten. „Sehr wohl.“

Ein Thriller

„Das Glück ist ein Ding mit Flügeln. Es kommt und geht, wann es ihm passt.“ (Michael Althen)

Also: Schreiben übers Menschsein. Wer in der Politik unterwegs ist, übt ja das Menschsein als Nebentätigkeit aus – oder in der Hauptsache. Ob der Politikbetrieb das beste Sieb zur Fähigkeitsbestimmung ist – wer will das sagen? In Kleve treten – Ladys first – Sonja Northing und Wolfgang Gebing zur Stichwahl an. Großes Kino. Am Wahltag spielen die anderen die Hauptrolle. Der Wähler führt Regie. Das Drehbuch: ein Thriller.
Wolfgang Gebing ist Anwalt. Die Kanzlei: gleich ums Rathauseck. Termin im Besprechungszimmer. „Mein Büro wollen Sie nicht sehen. Da türmt sich Arbeit.“ Später – im Herausgehen dann doch ein Blick – mannomann. Da muss einer kreativ sein.

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Wahltage

Ein Herz, das auch wider besseres Wissen schlägt – das nennt man Hoffnung. (Michael Althen)

Den Wahlsonntag hat Gebing auf dem Rad verbracht. „E-Bike?“ „Nein. Richtiges Rad. E-Bike frühestens mit 60.“ Mit der Lebensgefährtin war Gebing unterwegs. Goch, Kalkar, Kleve. „Wir fahren zügig.“ Und während des Radelns großflächig an die Wahl gedacht? „Nein. Eigentlich nicht. Erst so gegen 18 Uhr. Da denkst du dann: Bloß keine Blamage.“ Aber, fügt der Kandidat hinzu: „Damit war nicht zu rechnen. Du merkst ja schon im Wahlkampf, ob es läuft. Wenn du am Stand stehst und Bekannte plötzlich einen Umweg machen, dann weiß man: Es wird nicht gut.“ So war es diesmal nicht. „Diesmal habe ich schon eine positive Grundstimmung gespürt.“
Und wie war der Wahlsonntag bei Sonja Northing? Sie war vormittags mit einer Freundin und Ludo, dem First Dog, (da ist er wieder) im Wald. Spazieren. Entspannen. Kann frau die Wahl ausblenden? „Zwischendurch schon.“ Aber nicht ganz. Schließlich geht es um alles. Abends hat Northing entspannt gewirkt – gelöst irgendwie. Erleichtert. „Dass es eine Stichwahl geben würde, war klar, aber es war natürlich nicht klar, ob ich dabei sein würde.“ Eine ehrliche Antwort – das ist Teil des Northing-Credos: ehrlich muss! Der Blumenstrauß, den sie von Josef Gietemann bekam – sie hat ihn weiter gegeben. „An Jasmin Kruse. Die sah so traurig aus.“ Zusatz: „Wissen Sie, bei der SPD waren an diesem Abend einige ziemlich traurig. Das Wahlergebnis steht für mich in einem krassen Gegensatz zur guten Arbeit, die von der SPD geleistet wurde.“○

Pläne

Zurück zu Wolfgang Gebing: Der ist übrigens waschechter Niederrheiner. „Mit Migrationshintergrund allerdings. Mein Vater kam aus Westfalen.“ Nobody is perfect. Am Stichwahltag wird Gebing, wenn das Wetter mitspielt, auch radeln. („Man hatte ja wenig Auslauf in letzter Zeit.“) Plan A? „Bürgermeister.“ Plan B? „Die Kanzlei.“ Weiter machen, als ob nichts gewesen wäre? Das vielleicht nicht, aber …
Jetzt mal ganz was anderes. Frage an den Herausforderer: Was gehört zu den großen Stärken von Sonja Northing? Die Antwort ansatzlos: „Ihre offene Art auf Menschen zu- und mit ihnen umzugehen.“ Und selbst? „Als Anwalt müssen Sie lernen, die Menschen zu nehmen wie sie sind.“ Wäre Staatsanwalt ein Beruf? „Nicht wirklich.“ Und Richter: „Schon eher. Am liebsten Arbeitsrecht.“

Wenn du gut bist […] und das Glück hast, eine Persönlichkeit zu besitzen, die rüberkommt, dann tust du nichts anderes, als den Leuten kleine, winzige Stückchen Zeit zu schenken – Zeit, die sie nie vergessen. (James Stewart)

Sonja Northing hat auch jetzt – ein paar Tage vor der Entscheidung – noch keinen Plan B. Niederlagendenken bringt eine schlechte Aura. Spannung? Ja. Anspannung? Besser nicht. Die Frau ist noch im Wahlkampfmodus. Apropos: Was hätte denn die Northing Gutes über den Kandidaten zu sagen? „Gebing ist extrem flexibel, was seine Ansichten angeht.“
Gibt es ein Motto? „Ich habe kürzlich ein Zitat von Charly Chaplin gefunden und das hat sehr viel mit mir und dem, was ich denke, zu tun:
‚Sorge dich mehr um dein Gewissen als um deinen Ruf, denn dein Gewissen ist das, was du bist. Dein Ruf ist das, was die anderen von dir halten. Und was die anderen von dir halten, ist ihr Problem‘“, sagt sie und lächelt. Wirklich kein Plan B? „Wirklich nicht.“

Happy Landings

Kann ein Anwalt eigentlich zu irgendeiner Party gehen, ohne dass jemand kommt und „mal eben eine Frage“ hat? „Nein. Eher nicht.“ Gibt es – außerhalb des Stichwahltagausgangwunsches – andere Begehrlichkeiten? Gebing hätte gern eine Kuh. Ist denn der Garten zuhause zu groß? „Nein.“ Der Mann hätte gern eine Kuh von Mataré. Letzter Wunsch des Reporters für den Wahltag: „Happy Landings.“
Vielleicht für die Amtierende mal auflockerungshalber eine Scherzfrage. Was würden Sie machen, wenn ein Scheich Ihnen ein Kamel schenkt? „Ich würde mich riesig freuen. Dann würde ich ein zweites kaufen und beide einem Tierpark schenken. Viel Platz müssten die haben.“ Wir lernen: Auch Kamele sind nicht gern allein. Und was täte die Northing, wenn jemand ihr einen Job als Leuchtturmwärter anböte? „Ich würde ablehnen. Wär‘ mir zu einsam.“ Was ist wichtig beim Endspurt? „Die Menschen zum Wählen zu motivieren.“ „Energy, enrgy, energy“, hat der Clinton Bill im Wahlkampf seine Helfer angespornt. Was ist Politik? „Redlichkeit. Punkt. Aus. Feierabend.“ Auch für Sonja Northing gilt natürlich der Wunsch: „Happy Landings“.
Am Schluss Nachdenken über den Unterschied zwischen Herausforderung und Verteidigung. Wer ein Amt verteidigt, denkt man, hat vielleicht mehr zu verlieren. So jedenfalls fühlt es sich von außen an. Welche Empfehlung ließe sich geben? Eine nur: Zur Wahl gehen.Heiner Frost