Panta rhei oder: das Casablanca-Syndrom

NIEDERRHEIN. Gottseidank: Ein Speed-Date war es nicht. Man hätte sich ja nie wiedergesehen. Sie haben einen zum ersten Kennenlernen drei Tage Zeit gegeben – eigentlich ja drei Vorstellungen – „Ich schau dir in die Augen …“ – und auch die hätte man einzeln und unabhängig b[es]uchen können. A First Date. Man sucht nach einem deutschen Wort und findet ein französisches: Rendevouz. Treffen – das wäre wohl zu wenig.

Alles auf Anfang

Also: Ein neues Ballettzeitalter ist angebrochen bei der Deutschen Oper am Rhein. Neuer Chef, neue Truppe. Der zweite Abend. Er beginnt – wie soll man sagen – mit Verzögerung, denn eingangs kommt, pardon: tanzt alles etwas schwergängig daher. Es sind nicht die Tänzer – die sind agil. Aber irgendwie mangelt es an Reichweite. Die Musik: Ballettstundenbegleitungstapete. Der Tanz – man sucht nach einer Stecknadel, die auf der inneren Karte der Emotion ein sehenswertes Ziel markieren würde. Sie muss aus dem Atlas gerutscht sein. Da sitzt man und die Zeit dehnt sich: auf hohem Niveau. Vielleicht geht es den anderen anders. Zu wünschen wäre es. Andererseits: Wenn das die neuen Zeiten sind? Nein. Kanndarfsoll nicht sein.

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Was hat man gesehen? Ballett der alten Prägung. Beim ersten Stück: Die Bühne offen – ein Ballettsaal. Spiegel sind nicht da, aber die Stangen, an denen Eleven leiden. Es folgt: Ballett als Selbstreferenz. „What ever happened to Class?“ heißt das Stück (Choreographie: Mario Galizzi, Demis Volpi) und in der Seele hält sich vom Titel nur das Fragezeichen. Alles wirkt irgendwie zuckerbackengestrig. Gestelzt. Auch „La Spectre de la Rose“ (Choreographie: Mario Galizzi, Michel Fokine) will nicht von der Rampe ins Herz gelangen. Schön alles, aber ohne Fragen. Irgendwie gestrig. Das kanndarfsoll es nicht gewesen sein.
Dann ein Film: „A first Date – die Dokumentation, Episode 2“. (Alles in Großbuchstaben.) Die Neuen stellen sich vor. Werkstattatmosphäre. Schulterblicke. Die Zukunft wartet. Sie bietet alles, was ein Neuanfang versprechen kann, und wenn die Ziele beschrieben werden, denkt man: Wo waren die gerade? Es klingt doch alles nach Aufbruch, nach Motivation, nach neuen Wegen. Fast hat man aufgegeben, als sich der Vorhang zum dritten Stück des Abends hebt …

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Seelenstille

…und mit einem Mal ist alles da: alles, wofür man das Tanztheater liebt, alles, wofür man brennt: Awáa (Choreographie: Aszure Barton) – ein Pas de Deux, dessen stille Schönheit das Herz einschnürt. Das Schöne allein – hier sieht man es – braucht immer auch den Unterton des Unrettbaren, des Untergangs, des ahnbaren Unheils. Erst dann erreicht es uns mit dieser sprachlosmachenden Wucht, an deren Ende heilige Stille die Seele besetzt und die Welt draußen, vor dem Theater, zu sein aufgehört hat. Das Schöne erreicht uns, weil es eine Zerbrechlichkeit mit auf die Bühne bringt und mit der Zerbrechlichkeit das Fragezeichen, das alle große Kunst umfließt. Zwei Männer (Daniel Smith, Yoav Bosidan) tanzen auf der Bühne. Was sie mitbringen ist dieses Päckchen des Synchronseinwollens, das – man ahnt es – als Lebenszweck nicht ausreicht. Das Gleichseinwollen kämpft mit dem Erhalt der Selbstbewahrung. Gleichschaltung ist anderswo. Das hier ist das ganz große Kino der Gefühle auf kleinstem Raum. Das hier ist ein First Date nach Casablanca-Manier: Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Man möchtewillmuss wiederkommen, aber: da wartet ja noch ein Stück: „Look for the silver Lining“. (Choreographie: Demis Volpi). Noch einmal wird die Seele mit Schönheit beimpft. Der Jazz leiht die Töne aus: Chat Baker. Panta rhei – alles fließt, ohne zum geölten Blitz zu werden. Auf der Bühne: Ruhiges Suchen nach der Formation, nach der Antwort auf die Töne. Man lehnt sich zurück. Es wird.

Nice to meet you

„Die ersten Sekunden einer Begegnung sind entscheidend. Wie das Licht fällt, wie der Kopf sich neigt. Herzklopfen, Händedruck, Umarmung. Nice to meet you.“ So steht es im Programm und man fügt an: Das hier war die Liebe auf den zweiten Blick. Im dritten Stück. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Infos zu First Date, Episode 2

Demis Volpi

 

Aufführungen

A First Date, Episode 1:

Mittwoch, 30. September, 19.30 Uhr, Opernhaus Düsseldorf

Montag, 19. Oktober, 19.30 Uhr, Theater Duisburg

A First Date, Episode 2

Freitag, 25. September 19.30 Uhr, Opernhaus Düsseldorf

Donnerstag, 1. Oktober, 19.30 Uhr, Opernhaus Düsseldorf

Dienstag, 20. Oktober, 19.30 Uhr, Theater Duisburg

A First Date, Episode 3

Samstag, 26. September, 19.30 Uhr, Opernhaus Düsseldorf

Sonntag, 4. Oktober, 15 Uhr, Opernhaus Düsseldorf

Mittwoch, 21. Oktober, 19.30 Uhr, Theater Duisburg