NIEDERRHEIN. Klassik bietet viel mehr Facetten, als die Leute denken. Das beweisen Violinistin Lea Brückner und Pianist Roman Salyutov mit drei Konzerten, die sie in erhabenem Ambiente präsentieren werden: in Schloss Ossenberg in Rheinberg, Schloss Hertefeld in Weeze und Haus Vlassrath in Straelen. Veranstaltet wird die Reihe vom Kevelaerer Kunstverein „Wirksam“ unter dem Titel „Tiefenbegegnungen in historischen Gemäuern“ im Rahmen der Muziekbiennale Niederrhein.

„Es ist kein Konzert, das einem nur gefällt, wenn man Klassik-Liebhaber ist“, betont Brückner. Sie weiß, dass Klassik von vielen Menschen im Vorfeld als träge und langweilig betrachtet wird. Dass das nicht stimmt, zeigt das Duo mit seinem Programm. „Es gibt nicht nur Bach, Beehoven und Mozart. Das muss man einfach zeigen, es ist nicht nur dieser eine Klang, den man von Klassik zu erwarten hat.“

Lebendige Klassik mit Brückner und Salyutov

Im etwa einstündigen Konzert wird das Duo viele Facetten der Klassik vorstellen und damit Vorurteile abbauen – nicht nur mit ihrer Musik. Brückner wird den Zuschauern immer wieder etwas über die Komponisten und Stücke erzählen, um auch Neuankömmlingen den Zugang zur Klassik zu erleichtern. So zeigt sich, dass das Leben der Musiker von damals gar nicht so viel anders war als das der Stars von heute. „Sie waren eher so wie unsere Rockstars mit ihren Liebesgeschichten“, erzählt Brückner.

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Die Abende beginnen, passend zum Beethoven-Jahr, mit dem ersten Satz seiner Sonate Nr. 7. „Beethoven ist ganz klar jähzornig, als Person und in seinen Stücken“, erklärt Brückner. Da unterbrechen laute Akkorde schon einmal schöne Melodien. „So war er auch in Wirklichkeit. Er hat etwas geschrieben und in der nächsten Sekunde das Blatt zerknüllt, in die Ecke geworfen und herumgeschrien. Genau das ist in seinen Stücken zu hören.“

Brahms „Ungarischer Tanz Nr. 5“ ist flott, einfach und mit viel Leben versehen. Daran schließen die „Variationen über ein Thema“ an: „Wieniawski ist sehr virtuos. Er sagte selbst: Wer seine Stücke ohne Fehler spielt, spielt nicht mit genug Risiko. Er war auch sehr bekannt. Entweder war sein Konzert wegen vieler Fehler ein totaler Flopp oder er hat brillant gespielt.“

Jazz und Blues

Gershwin bringt den Jazz ins Spiel, die „Short Story“ gehört zu einer seiner Opern. Hier wird das verträumte Amerika der 30er Jahre wieder spürbar. Gershwin starb jedoch schon mit 38 Jahren an einem Gehirntumor. „Er war in seinen besten Jahren, in einer Zeit, wo man das Leben abends mit einer Zigarre genossen hat“, sagt Lea Brückner mit einem Lachen. Oft in New Orleans unterwegs, ließ er sich stark von der schwarzen Musik prägen.

Für den etwas anderen Blues sorgt Ravel mit dem zweiten Satz der „Sonate für Violine und Klavier“. Brückner schildert ihn als sehr ordentlichen und perfektionistischen Menschen. „Seine Freunde sagten, wenn nur ein Bleistift falsch herum lag, war schon die Hölle los. So schreibt er auch. Es ist ein perfekt komponierter Blues, obwohl er verschriftlicht ist. Eigentlich lebt Blues von der Improvisation.“ Er habe es jedoch geschafft, alles so genau zu notieren, dass es frei klinge.

Schon für sich genommen wirbeln der Jazz und Blues das typische, klischeehafte Klassikverständnis durcheinander. Aber auch das klischeehafte Verständnis dieser beiden Stile bestätigt sich nicht: „Man denkt, es ist ein bisschen relaxter, aber sie sind so mitreißend, dass man kaum still sitzen bleiben kann“, sagt Brückner. Stile wie diese sollen die Musik außerdem für jüngere Leute noch interessanter machen.

Griegs „Sonate Nr.3“ beendet den Abend mit einem kontrastreichen Mix. Geprägt von den langen und dunklen Nächten Norwegens wechselt sich das Gespann von Wildnis, Melancholie und Düsternis im ersten und dritten Satz mit der Romanze des zweiten ab. Zum zweiten Satz inspirierte ihn eine Geigerin, die er auf einer seiner vielen Reisen traf. Nur mit ihrer Art, Champagner zu trinken, hat sie ihn in seiner Kunst beeinflusst: „Wenn ich irgendwann wieder etwas für Geige verbrechen sollte, ist sie Schuld daran“, zitiert Brückner Grieg frei. Ein halbes Jahr später war die Sonate da.

Brückner: Bild der Klassik ist festgefahren

Das festgefahrene Bild der Klassik liege laut Lea Brückner auch an der starken Prägung durch die Russische Schule seit dem 2. Weltkrieg. Aber nicht nur. „Die großen Violin-Konzerte wurden immer gespielt, das Repertoire stark fokussiert“, erläutert sie. Möchte man professionell im Orchester spielen, steht auch bei der Probe oft nur ein enges Angebot der gleichen Komponisten zur Auswahl.

In den letzten zehn bis zwanzig Jahren hat jedoch ein Umdenken begonnen, was auch an den schwindenden Besucherzahlen und dem Mangel an jungen Zuhörern liegt. Das alte Prinzip, nach dem der Künstler seine Musik spielt und wieder von der Bühne geht, funktioniere laut Brückner nicht mehr. Stattdessen müssten auch die Musiker offener sein und andere Seiten zeigen, zum Beispiel über Social-Media. Trotzdem: „Die klassische Musik hat mehr Besucher als die erste, zweite und dritte Bundesliga zusammen.“ Dafür sorgt die dichte Kulturlandschaft Deutschlands mit vielen kleinen Veranstaltungen.

Nähe mit Abstand

Lea Brückner und Roman Salyutov setzen mit ihrer Schlössertour auf Nähe mit Corona-Abstand. Nicht nur sind sie beim Spielen ihren Zuhörern näher als im üblichen Konzertsaal, auch nach dem Konzert würden sie gerne mit dem einen oder anderen ins Gespräch kommen. Das biete sich laut Brückner durch den kleineren Rahmen sehr an, echte „Tiefenbegegnungen“ eben.  Außerdem wird eine Künstlerin von „Wirksam“ an den drei Abenden das Programm mit einer kleinen Ausstellung erweitern. Brückner überlegt zudem, am Ende der Konzerte für „UN-Women“ zu sammeln, eine Organisation, die sich unter anderem gegen Gewalt gegen Frauen einsetzt und humanitäre Hilfe leistet.

Die Tickets gibt es für 25 Euro nur im Vorverkauf per Mail an ticketreservierung@gmx.de. Für jede einzelne Karte muss ein Name mit Kontaktdaten angegeben werden. Die Reservierung sollte eine Woche vor den Terminen geschehen, drei Tage vorher sollte das Geld überwiesen sein. Das erste Konzert findet in Rheinberg am Freitag, 25. September, statt. Für das zweite Konzert in Weeze am Donnerstag, 1. Oktober, gibt es kaum noch Karten. Das dritte Konzert ist am Samstag, 10. Oktober, in Straelen. Alle starten um 19.30 Uhr.