KRANENBURG. Tischler ist ein Lehrberuf – Bundeskanzler eher nicht. Und wie sieht es aus, wenn einer Bürgermeister werden möchte? Schaut man auf „https://business.anleiter.de/wie-werde-ich-buergermeister“, finden sich eher rein rechtliche Voraussetzungen. Alter, Staatsbürgerschaft und so weiter. Sandra van der Zweep ist Bürgermeisterkandidatin für die Wählergemeinschaft Bürgerdialog Kranenburg – ein Hausbesuch …

Van der Zweep – ein bisschen Hintergrund kann ja nicht schaden – ist 47 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder. Ihr Sohn ist elf, die Tochter ist 14. Van der Zweep wohnt seit fünf Jahren in Kranenburg (Nütterden). Sie stammt aus Aalsmeer. „Das ist in der Nähe von Amsterdam“, erklärt sie. Von Amsterdam nach Kranenburg? „Das hat etwas mit meinem Studium zu tun“, sagt van der Zweep. Sie hat in Nimwegen studiert: Betriebskommunikation. Derzeit arbeitet sie für die „Rijkswaterstraat“. Ihr Gebiet: Krisenmanagement, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Das klingt ja mal nach guten Grundvoraussetzungen.

„Du könntest das“

Als sich im vergangenen Dezember der Bürgerdialog zu formieren begann, saß van der Zweep mit Frank Nolte und Markus Dercks zusammen. „Irgendwann kam dann das Thema auf die Kommunalwahl und darauf, einen Kandidaten zu benennen. Da sagten die beiden dann: ‚Du könntest das.‘ Das musste ich erst mal sacken lassen.“ Später im Gespräch sagt van der Zweep: „Wenn es um politische Ämter geht, ist es doch wichtig, dass Menschen jemanden so einschätzen, dass er oder sie das kann. Ich finde das wichtiger als sich hinzustellen und zu sagen: Ich kann das. Ich mach‘s.“

„Ich bin nicht wichtig. Wichtig ist, wo ich stehe“

Ja, denkt man: Da ist was dran. Natürlich hat – siehe oben – van der Zweep nicht Bürgermeisterin gelernt, aber das Amt hat ja ohnehin etwas mit Learning by doing zu tun. Man merkt der Kandidatin ihr „Unverbrauchtsein“ an – spürt, dass da eine ist, die etwas bewegen möchte. Gut, denkt man – das wollen sie alle, aber van der Zweep hat eben diese Aura des Unverstellten. Neider würden Ahnungslosigkeit attestieren. Aber es geht nicht um Neid – es geht nicht um Gegnerschaft. Der Gegnerschaftsgedanke ist ein lähmendes Vehikel.
„Es stimmt: Ich kenne mich nicht aus mit Verwaltung“, sagt van der Zweep, „aber das kann auch Vorteile haben, weil man nicht festgelegt ist und weil man Fragen stellen darf.“ Ein weiterer Satz, der hängen bleibt: „Ich bin nicht wichtig. Wichtig ist, wo ich stehe.“ Wieder denkt man: Ist das einer dieser Revolversätze aus dem politischen Patronengurt? Van der Zweep macht nicht den Eindruck, eine Worthülsenakrobatin zu sein.

Fragt man sie nach den wichtigsten Grundvoraussetzungen für das Bürgermeisteramt, nennt sie an erster Stelle Unabhängigkeit. Es folgen: „Nicht zu schnell urteilen“ und „Einfühlsamkeit“. Man fragt nach: „Wie sieht es mit Lust an Kommunikation aus?“ Das ist so selbstverständlich, dass sie es nicht gesagt hat. Der Bürger ist kein Störfall – darf es niemals sein. Und wie sieht es mit Kritikfähigkeit aus? „Kritik ist eine ganz wichtige Sache, aber sie sollte immer konstruktiv sein und nicht dazu dienen, jemanden fertig zu machen.“

„Wir können doch nur lernen, wenn wir zuhören“

Wenn es um Entscheidungen geht, sollte man nicht nur die fragen, deren Antworten man ohnehin kennt. Das ist zu einfach. Führung funktioniert nur, wenn die Bedingungslosigkeit nicht zu den konstitutionellen Elementen gehört. „Wir können doch nur lernen, wenn wir zuhören – wenn ein Dialog stattfindet und wenn Kommunikation keine Einbahnstraße ist.“
Als sie im Dezember quasi vorschlagshalber auf den Schild gehoben wurde, folgte erst mal ein Familienrat. Ergebnis: „Mama, wir unterstützen dich.“ Zurück zur Kandidatur.

George Bernhard Shaw (1856 – 1950) hat gesagt: „Es gibt zwei Tragödien im Leben. Die eine: dass dein Herzenswunsch nicht erfüllt wird. Die andere: dass er es wird.“ Hat van der Zweep Angst, davor, dass es klappen könnte mit der Kandidatur: „Dann würde ich es nicht machen.“ Hat sie Angst vor Fehlern? „Ich würde, sollte ich es werden, wahrscheinlich Fehler machen. Vielleicht sogar große Fehler, aber das gehört dann eben dazu.“ Das ist ein mutiger Satz. Das muss Frau sich trauen – und zutrauen. Da ist eine, der man abnimmt, dass sie weiß, was da kommen könnte, dass sie weiß: es würde nicht leicht. Aber da ist eben auch eine, die es machen möchte. Es ist, um auf Shaw zurückzukommen, aber nicht der Herzenswunsch: Politik ist natürlich in erster Linie Kopfsache.

13. September als wichtiges Zwischenziel

Was wäre eigentlich mit dem jetzigen Job? Den wäre sie los. Kein Zurück. Der „Point of no return“ ist erreicht, denkt man. [Auf einer Startbahn gibt es einen Punkt, nach dessen Überschreiten der Start nicht mehr abgebrochen werden kann, weil die verbleibende Startbahnlänge nicht mehr ausreicht, das Flugzeug sicher abzubremsen. Es muss gestartet und gegebenenfalls eine Notlandung versucht werden. Die Geschwindigkeit, bei welcher ein Start noch sicher abgebrochen werden kann, wird als V1 bezeichnet.] Van der Zwaaps Leben hat derzeit einen Ereignishorizont, der natürlich nicht am 13. September endet, aber zumindest dort ein wichtiges Zwischenziel verzeichnet.

Eine gigantische Herausforderung

Frage: „Sind Sie eigentlich ein Kontrollfreak?“ „Das würde ich nicht sagen, aber ich bin eine, die recherchiert und sich nicht einfach auf etwas verlässt.“ Man denkt: Irgendwie hat sie etwas Magnetisches. Man denkt: Das darfst du nicht schreiben. Das gehört nicht in einen solchen Text. Man denkt auch, dass Objektivität in der Regel eine Fata Morgana ist. Man denkt: Politiker – was sie auch immer an Prügel einstecken mögen – sind auf jeden Fall Menschen, die es versuchen und denen man (until further notice – bis zum Beweis des Gegenteils also) vertrauen möchte. Warum sollte man sie sonst wählen? George Bernhard Shaw kehrt zurück: Dass eine es auf diesen Stuhl schafft, ist eine gigantische Herausforderung. Was wünscht man sich, wenn man an Politiker denkt: Zuhörer natürlich, aber auch Entscheider, Frager und Antworter in einer Person, vorsichtig Furchtlose, emphatisch Unverrückbare.

Van der Zweep tritt an. Die anderen vom Bürgerdialog trauen es ihr zu. Wer das sonst noch tut, wird sich am 13. September zeigen. Van der Zweep wirkt nicht wie eine, die – sollte sie es nicht werden – die Brocken hinschmeißt. Man wünscht: Alles Beste.