Kammerflimmern

KLEVE. Da geht einer. Nach 34 Jahren. Eigentlich sind es Vierunddreißig und ein Halbes. Schnell degeneriert alles Geschriebene zum Nachruf, obwohl es doch eigentlich nur ein … ja, was soll es denn eigentlich sein? Ein Echo. Ein paar Worte am Übergang …

Inventar

Jürgen Ruby, Richter am Landgericht – das ist seit dem 1. Juli Vergangenheit. Der Mann gehörte – mit Verlaub – zum Burginventar. Er ist ein Auf-dem-Teppich-Gebliebener – keiner, der die Bedeutung des Amtes mit der eigenen verwechselt und irgendwann verloren im luftleeren Raum aufwacht, weil niemand mehr aufsteht, wenn er den Raum betritt.
Nein – er weiß nicht, wie viele Prozesse es waren und natürlich weiß er nicht, wie viele Jahre er insgesamt „vergeben“ hat. (Da müsste man andere fragen. Kann sein, dass dergleichen in keine Statistik einfließt. Man ist ja nicht beim Fußball, wo alles festgehalten wird.) Aber was die ausgesprochenen Strafen angeht, dürfte es locker mehr sein als ein Jahrhundert. Eben hier wird deutlich, wie bedeutungsvoll und mächtig ein Richter qua Amt ist.

… leise Servus

Abschiede in Corona-Zeiten sind ein leises Ding. „Ich hatte an den letzten beiden Arbeitstagen alle aus dem Landgericht eingeladen, mich in meinem Zimmer zu besuchen – möglichst nicht in großen Gruppen.“ Sie waren alle da. Rubys Zeit ist abgelaufen: kein Resturlaub, der vor dem eigentlichen „Aus“ abzufeiern wäre. Erster Juli und Schlussaus. Irgendwie passt das. Fragen nach der Laufbahn pariert er mit einem Blatt, das er aus der Jackentasche zieht. Da steht alles zu Buche: das Zahlenwerk einer Karriere. Lückenlos reihen sich Indizien aneinander. Will man‘s wissen? Ein bisschen davon. Vielleicht. Staatsexamen 1982. Auf dem Zettel steht das komplette Datum: 13. August. (Ein Richter erscheint nicht unvorbereitet, denke ich.) Am Ende: 1. Juli 2020: Ruhestand.

Zeitung auch

Ruby hat in Bochum studiert. Während des Studiums hat er für die Zeitung gearbeitet: WAZ. (Kollege also.) Er hat über alles geschrieben und die Sache mit der Zeitung könnte etwas damit zu tun haben, dass der Mann mit dem Schnauzbart auch zehn Jahre lang Pressesprecher des Landgerichts war.

Kammerflimmern

Seit dem 8. November 2000 war Ruby Vorsitzender Richter am Landgericht. Baumringe eines Juristenlebens: 1. Strafkammer, 3. Strafkammer, 5. Zivilkammer, auswärtige Strafkammer, Schwurgericht. Hinter diesem Wort in Klammern: „zusätzlich“. Buchführung eines Juristen. Schluss mit Zahlen und Kammerflimmern. Das ist für Insider. (Nur am Rande noch: Auch das Kommen und Gehen der Landgerichtspräsidenten ist verzeichnet: Herr Soundso – von … bis.)

Zweifel?

Was wollte man einen Richter immer schon mal fragen? Vielleicht das: Wie lebt es sich mit dem Zweifel? Die Antwort kommt schnell. „Wenn ich unsicher war, habe ich immer für einen Freispruch plädiert.“ Das klingt einfacher als es am Ende sein mag. Es geht um viel vor Gericht und es braucht Menschen, die sich der Verantwortung nicht nur bewusst sind – das ist nicht genug: Sie müssen sich ihr stellen – in jedem Prozess aufs Neue, denn: Justiz ist kein Fließband.
Hat es viel Befangenheitsanträge gegeben gegen Ruby? „Ich kann mich nicht erinnern.“ Noch denkt man nach, wie das einzuordnen ist, da setzt er seine Antwort fort – 15 Sekunden Stille hat er gelassen. Denkstille. Der Mann ist keine Plaudertasche. Er weiß etwas über das Gewicht der Worte. (Im Namen des Volkes …) „Als Vorsitzender Richter stellen Sie vom Beginn eines Prozesses an eine Atmosphäre her. Das ist wichtig. Es geht um Vertrauen von allen Seiten und es geht darum, allen das Gefühl zu geben, alles sagen zu können.“

Alles Gute

Erinnerungen fahren vorbei. Ruby wünscht am Ende eines Prozesses den Verurteilten nicht selten „Alles Gute“. Es hat nie zynisch geklungen, wenn er das gesagt hat.
Zurück zum Zweifel. „Da gab es einen Fall, der sich in Moers abgespielt hat. Eine Frau wird tot in ihrer Wohnung gefunden. Der Mitbewohner – ein junger Mann, der die Polizei angerufen hatte, ist dann angeklagt worden, sie umgebracht zu haben. Es stellte sich im Lauf der langwierigen Beweisaufnahme heraus, dass sich die Polizei auf diesen Täter konzentriert hatte, ohne weitere mögliche Täter in den Blick zu nehmen. Da war beispielsweise ein Nachbar des Angeklagten – zu dem hätte die Tat viel eher gepasst. Wir haben dann auf dem Computer in der Wohnung ein Foto entdeckt, dass die Leiche von Sharon Tate zeigte. Sie erinnern sich vielleicht. Das war diese Satanistengeschichte damals in Amerika.“ (Richtig: Charles Manson, denke ich und: Quentin Tarantino: Once upon a time in Hollywood.) „Die Leiche der Frau in Moers war in der gleichen Position drapiert worden wie die von Sharon Tate. Und das Tate-Foto hatte sich jemand – ich weiß nicht wer – am Tattag angesehen.“ Der Prozess endete mit einem Freispruch. Zu viele Zweifel …

Bis heute unklar

Ruby erinnert sich an einen Prozess, bei dem ein völlig unbescholtener älterer Mann einer Frau aufgelauert und ihr dann in den Hals gestochen hat. Sie überlebte. „Es ist bis heute völlig unklar, warum der Mann das getan hat.“ Solche Dinge bleiben hängen. „Der Tathergang stand fest, aber es gibt bis heute keine Antwort auf das ‚Warum‘.“ Menschen brauchen Begründungen, denke ich. Punkte müssen verbunden werden, damit nicht Ratlosigkeit entsteht. Vor Gericht geht es um Geschichten, denke ich. Am besten ist es, wenn sie einen Sinn ergeben.
Natürlich gibt es auch Skurriles. „Wenn in einem Drogenprozess der Täter, in dessen Unterhose Drogen gefunden wurden, Ihnen sagt: ‚Ich weiß auch nicht, wie die da hin gekommen sind‘, dann ist das natürlich skurril, oder?“

Einmal Wuppertal: hin und zurück

Der längste Prozess. „Das war 2010.“ Zehn Angeklagte und 21 Verteidiger. „Wir sind an jedem Verhandlungstag mit dem Bus nach Wuppertal gefahren. Dort gab es einen Verhandlungssaal, der groß genug war. Wir haben im Herbst begonnen und waren, glaube ich, erst im März fertig.“

Die Keule

Die längsten letzten Worte, die Ruby je erlebte – auch so eine Geschichte. Der Prozess kam als Berufung vom Amtsgericht. Es ging um einen verurteilten Mörder. Der saß in Geldern ein und hatte sich dort beim Händler eine Kanninchenkeule bestellt. Nach dem Braten stellte er fest: Das Haltbarkeitsdatum für das Fleisch war abgelaufen. „Er hat dann wegen Betrugs geklagt.“ Im Streit wegen der Keule waren dann Anklagepunkte entstanden. Der Mann hatte unter anderem Beamte beleidigt. Seine letzten Worte beim Amtsgericht hatten sechs Stunden in Anspruch genommen. „Mir hatte er versprochen, dass er sich kürzer fasst. Es waren am Ende vier Stunden. Das meiste hatte er sich aufgeschrieben.“

Die Russen kommen

In einem anderen Prozess hatte ein Mann – er wohnte oben in einem Haus – die Türe seiner Wohnung von innen (!) in Brand gesetzt. „Er war sicher, dass auf der anderen Seite der Tür die Russen stehen und ihn holen wollen. Er hat sich also seinen eigenen Fluchtweg durch das Inbrandsetzen der Tür verbaut. Am Ende ist er durch ein Fenster in einer andere Wohnung gelangt. Angeklagt war er schließlich wegen Brandstiftung.“

Strafmaß

„Vor allem bei Drogendelikten haben Sie mitunter einen Strafrahmen zwischen zwei und 15 Jahren. Ich habe nie 15 Jahre verhängt. Im Kopf hat man dann immer: Was, wenn einer kommt und hat noch mehr Drogen dabei und die Umstände sind noch härter. Man muss da genau abwägen.“
Was, wenn ein Prozess „zurück kommt“, wenn also die Revision (der Anklage oder der Verteidigung) durchgeht … trifft einen das? „Wenn man einen Fehler gemacht hat, muss man versuchen, daraus zu lernen. Wenn es um eine Formulierung in der Urteilsbegründung geht, dann perlt das eher ab.“

Ich mach nix

Vielleicht mal zum Äußersten kommen. Gibt es denn Pläne für die Zeit danach? Schnelle Antwort: „Das haben mich in den letzten Tagen viele Menschen gefragt. Antwort: Ich mach nix.“ Reisen? Vorstellbar. „Aber nicht in diesen Zeiten.“ Ein Restaurantbesuch ist kein Maskenball.

Hierarchie, Kritik

Was hat sich geändert in den 24,5 Richterjahren? „Es gibt mehr Respektlosigkeiten. Und: Die Hierarchien sind flacher geworden. Nehmen Sie die Kantine: Früher wäre es undenkbar gewesen, dass Justizwachtmeister und Richter in der Kantine am selben Tisch sitzen. Heute ist das normal.“ Gut oder schlecht? „Was für eine Frage? Gut natürlich.“
Muss Justiz auch mit Kritik leben können? „Auf jeden Fall. Konstruktive Kritik hilft einem weiter. Man kann etwas lernen.“
Gibt es denn noch was auf dem Richterzettel, das der Journalist nicht abgefragt hat? „Ich war seit 1992 Mitglied des Präsidiums des Landgerichts. Zum Präsidium gehören der Präsident und Richter, die von ihren Kollegen gewählt werden. Seit 1992 bin ich immer wieder gewählt worden und so war ich das dienstälteste Mitglied des Präsidiums. Zehn Jahre lang war ich für die Personalangelegenheiten der Richter zuständig. Da ging es unter anderem die Verteilung der Richter auf die Amts- und Landgerichte und die Verteilung der Richter auf die einzelnen Kammern. Das heißt: Ich war in genau dem Gremium, das darüber zu entscheiden hatte, wie die Richter verteilt werden und habe andererseits Vorschläge gemacht. Das hat normalerweise zur Folge, dass der Richter, der für Personalangelegenheiten zuständig ist, nicht ins Präsidium gewählt wird. Ich habe es in den zehn Jahren, in denen ich das gemacht habe, für einen außerordentlichen Vertrauensbeweis gehalten, dass mich die Kollegen trotzdem gewählt haben. Es scheint also, dass ich das ganz gut gemacht habe. So jedenfalls habe ich mir das ausgedacht.“
Am Ende des Gesprächs der Eindruck: Da geht einer, der nicht ins Loch des Bedeutungsverlustes fällt, weil er Amt und Mensch sauber zu trennen in der Lage ist. Fliege nie höher, als du zu greifen in der Lage bist. Langweilen wird Ruby sich nicht. „Wir haben einen großen Garten“, sagt er, „und ich arbeite sehr gern da.“