BEDBURG-HAU. „Wir könnten viel, wenn wir zusammen stünden.“ Hat Friedrich Schiller mal gesagt. „Wir brauchen mehr Gemeinschaft und Zusammenhalt in der Gesellschaft“, unterstreicht Dr. Ursula Pitzner diese Einschätzung. „Und wir brauchen positive Rahmenbedingungen, die uns dahin führen“, ist sie überzeugt. Beratung, Coaching, Qualifizierung und Projektmanagement stehen auf der Visitenkarte der Unternehmensberaterin. Bürgermeisterin könnte allerdings künftig auf der Liste nach ganz oben rücken. Im September tritt die 60-jährige Qualburgerin als unabhängige Kandidatin an, um die Gemeinde Bedburg-Hau auf Vordermann zu bringen.

Dr. Ursula Pitzner ist auf einem Bauernhof groß geworden. Berührungsängste kennt sie nicht. NN-Foto: Rüdiger Dehnen

Vom Büro aus blickt man auf einen großen, gepflegten Garten mit Streuobstwiese, Feldgehölz, heimischer Hecke und Feuchtbiotop. Schafe („von einer Freundin“), zwei Hunde („von meinem verstorbenen Mann“), zwei Pferde („von meiner Tochter“), eine Katze und Hühner fühlen sich hier sichtlich wohl. Dann gibt es noch die Ferienwohnung, zwei erwachsene Töchter, drei Enkelkinder – bei Ursula Pitzner kommt garantiert keine Langeweile auf. In 17 Vereinen ist sie Mitglied, etwa die Hälfte davon vor Ort. „Ich finde es wichtig, die Gemeinschaft in den Dörfern zu unterstützen“, sagt sie. Landfrauen, KfD, Heimat- und Schützenverein oder Förderverein BedburgerNass – und der Heimatchor Qualburg im Takt, wo sie auch Vorsitzende ist. In einigen Vereinen bringt sie sich aktiv ein, „anderen helfe ich durch meine Beiträge“, macht sie klar, dass sie nicht überall den Ton angeben muss.

Viel unterwegs

Als Freiberuflerin ist Dr. Ursula Pitzner in ganz Deutschland unterwegs, hält Vorträge, moderiert Sitzungen, führt Schulungen durch, berät und begleitet Unternehmen und Projekte. Auch Sozial- und Jugendämter, Landschaftsverbände, Universitäten oder Steuerkanzleien zählen zu ihren Kunden. „Eigentlich befasse ich mich intensiv mit dem Thema Inklusion“, sagt sie. Aktuell sei aber auch der Beratungsbedarf in Sachen Kurzarbeit und ergänzender Sozialhilfe recht hoch. Die Auftragslage ist gut. Sorgen um ein Leben nach der Wahl muss sie sich nicht machen. Trotzdem will sie jetzt intensiv in den Wahlkampf einsteigen. „Der Gedanke, Bürgermeisterin zu werden, schwirrte schon länger in meinem Kopf herum“, sagt sie. Eine neue Herausforderung würde sie gerade jetzt gern annehmen. Denn dass es eine Herausforderung wäre, davon ist sie überzeugt. „Es wird bestimmt nicht leicht, in diesen Zeiten dieses Amt zu übernehmen“, sagt sie.

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Herausforderungen sind ihr Ding

Mit Herausforderungen kennt sich Ursula Pitzner aus. „Meine Eltern waren Landwirte und für sie war es damals klar, dass ich auf die Hauptschule gehe“, sagt sie. Gelernt hat sie nach ihrem Abschluss etwas Bodenständiges: Altenpflegerin. „Das war eine sehr schöne Arbeit, hat mich aber nicht ausgefüllt“, blickt sie zurück. Deshalb holte sie auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nach und studierte Soziale Arbeit. Nach weiteren Stationen, unter anderem als Leiterin vom Haus der Familie in Emmerich, wollte sie sich weiter entwickeln. „Ich habe parallel dazu Erziehungswissenschaften studiert und anschließend in Sozial- und Politikwissenschaften promoviert“, sagt sie. Bereits vor ihrer Tätigkeit als Regionalleiterin des HPH-Netz Niederrhein fasste sie auch als Unternehmensberaterin Fuß – und beschloss schließlich, sich komplett auf die Selbstständigkeit einzulassen. Ein Schritt, den sie nie bereut hat. „Das selbstständige Arbeiten liegt mir. Man arbeitet mit vielen Menschen, Teams und Führungskräften, kann über den Tellerrand blicken und lernt immer dazu. Man bleibt interessiert und muss sich immer wieder umstellen, weil sich die Gesetze ändern, neue Herausforderungen auftauchen und man immer viele Dinge gleichzeitig im Blick behalten muss“, sagt Pitzner.

Alle Menschen mitnehmen

Zu ihrem Arbeitsalltag zählt unter anderem auch die Schulung gesetzlicher Betreuer. „Es ist teilweise wirklich erschreckend, wie häufig Behörden oder Versicherungen Leistungen ablehnen und gerade ärmere, pflegebedürftige oder behinderte Menschen nicht zu ihrem Recht kommen, weil sie einfach nicht aufgeklärt werden“, sagt sie.
Das Thema Armut begleitet Pitzner schon seit sehr langer Zeit. „Es ist mir wichtig, alle mitzunehmen“, sagt sie. „Auch, wenn man damit nicht unbedingt viele Wähler erreicht.“ Sie weiß um die Ängste und Sorgen der Bürger. „Die Politik ist häufig viel zu weit von den Bürgern entfernt“, findet sie. Politische Randgruppen hätten nur deshalb eine Chance, weil die etablierten Parteien große Teile der Bevölkerung kaum noch erreichen. Zwar werde sie von der Bedburg-Hauer SPD unterstützt, bleibe dabei aber neutral und „sehr nah am Bürger“.

Zusammen Lösungen entwickeln

Mit Blick auf die Entwicklung der Gemeinde unter ihrer Regie hat sie klare Vorstellungen. Sie wird Rahmenbedingungen schaffen, die es ermöglichen, gemeinsam mit den Menschen die zukünftigen Weichen zu stellen. Bei vielen Themen wie Mobilität, Zusammenhalt, Nachhaltigkeit oder Lebensqualität könne man nur zusammen gute Lösungen entwickeln. Hierzu zählen für sie unter anderem die Entwicklung des Klinikgeländes, des Einzelhandels, die Unterstützung der Landwirtschaft, der Erhalt des Hallenbads, optimale Pflege- und Betreuungsstrukturen, die Pitzner unbedingt angehen will. Auch das Thema Ehrenamt möchte sie in den Fokus rücken und neu aufstellen. „Das müssen wir stärken und auch Vorteile für die Freiwilligen schaffen, damit für alle Beteiligten ein Mehrwert entsteht“, sagt sie.

Auch Quartiersentwicklung ist für sie ein wichtiger Aspekt. „Durch gemeinsame Projektarbeit entstehen Beziehungen, die sich dann auch positiv auf die Wirtschaft auswirken“, weiß sie. Generell müsse man mehr Netzwerke schaffen, um gegenseitig Nutzen daraus zu ziehen. „Es gibt viele große Baustellen in der Gemeinde, die man jetzt angehen muss“, sagt die Bürgermeister-Kandidatin.

Zukunft gestalten

Die Arbeit an der Spitze einer Verwaltung bereitet ihr keine schlaflosen Nächte. „Ich arbeite mit vielen Behörden zusammen und kenne die Hierarchien und Prozesse sehr genau“, sagt Pitzner. Hier käme ihr noch ein weiterer Erfahrungswert zu Gute. „Als Frau muss man immer kämpfen. Man muss fleißiger sein und mehr geben, um sich behaupten zu können“, hat sie gelernt. Was sie besonders an dem Posten reizt, ist die Möglichkeit, viel Gutes bewirken zu können und mit den Bürgern die Zukunft zu gestalten. „Ich habe zwar viele Ideen und mag es, „groß“ zu denken und Visionen zu haben. Wichtiger sind mir jedoch die Ideen unserer Mitbürger. Sie zu aktivieren, zu moderieren und gemeinsame Lösungsansätze zu finden und danach zu handeln ist mir ein sehr hohes Anliegen“, sagt sie. „Denn Bedburg-Hau war schon immer meine Heimat und ich möchte, dass sie gut aufgestellt ist und sich auch im Wandel der Zeit behaupten kann.“