Soll ich oder soll ich nicht? – Für und Wider zur Corona-Warn-App

KREIS KLEVE. Dr. Sascha Rogmann ist Diplom-Mathematiker. Seine Dissertation: „Wachstumsfunktionen von Coxeter- und Bianchigruppe“. Rogmann stammt aus Uedemerbruch und lebt in Brühl.
Sascha Rogmann arbeitet mittlerweile hauptsächlich im Bereich „Programmieren und Programmentwicklung“, darunter Entwicklungsaufgaben für öffentlich-rechtliche Banken. Vor kurzem hat er mit „www.ab32.de“ eine eigene Kommunikationssoftware veröffentlicht.
NN: Derzeit wird viel über die Corona-App gesprochen. Es ist ziemlich kompliziert, diesbezüglich eine Entscheidung zu treffen. Soll man sie installieren? Lässt man es besser bleiben?
Rogmann: Mich ruft die App nicht.
NN: Und das bedeutet?
Rogmann: Ich werde sie wohl nicht installieren. Aber das muss natürlich nichts heißen. Schauen Sie sich den Chaos Computer Club (CCC) an. Da sind lauter Experten vertreten. Wenn Sie dort nach der App fragen, werden sie Leute finden, die Ihnen sagen: Ich installiere die App auf jeden Fall. Es gibt aber auch welche, die es garantiert nicht machen. Der CCC hat übrigens in Bezug auf die App folgende Anforderungen: Epidemiologischer Sinn und Zweckgebundenheit; Freiwilligkeit und Diskriminierungsfreiheit; grundlegende Privatsphäre; Transparenz und Prüfbarkeit; keine zentrale Entität[eindeutig zu bestimmendes Objekt, über das Informationen gespeichert oder verarbeitet werden; Anm. d. Red.], der vertraut werden muss; Datensparsamkeit; Anonymität; kein Aufbau von zentralen Bewegungs- und Kontaktprofilen; Unverkettbarkeit; Unbeobachtbarkeit der Kommunikation.
NN: Wo liegt das Problem?
Rogmann: Ein bisschen schon in Ihrer Fragestellung. Ich kann verstehen, dass man sich eindeutige Antworten wünscht. Aber leider gibt es die nicht.
NN: Warum nicht?
Rogmann: Es geht unter anderem um Effektivität. Nehmen wir eine Gruppe von 100 Menschen. Sagen wir, dass 90 von ihnen ein Smartphone besitzen. Diese 90 Menschen werden nicht ausnahmslos die App installieren. Vielleicht – seien wir optimistisch – werden es 50 tun.
NN: Ich hake mal kurz ein. Wenn 50 Menschen die App installieren und sie auch nutzen, fühlen die sich irgendwie sicher. Das Ganze ist dann aber eher eine Scheinsicherheit.
Rogmann: Das haben Sie gesagt. Wichtig ist zunächst einmal: Die App ist dann effektiv, wenn möglichst viele Menschen sie auch nutzen.
NN: Wie präzise ist die App?
Rogmann: Nehmen wir an, Sie sind auf der Straße unterwegs und gehen an einem Haus vorbei. Drinnen, hinter einem Fenster, befindet sich eine infizierte Person mit Corona App. Die App ist „scharf geschaltet“. Sie halten sich aus irgendeinem Grund länger in der Nähe dieses Fensters auf. Irgendwann wird Ihre App melden, dass Sie sich in der Nähe einer infizierten Person befunden haben. Die App kennt ja die näheren Umstände nicht.
NN: Lieber ein „Fehlalarm“ zu viel.
Rogmann: Das können Sie natürlich so sagen.
NN: Häufig haben die Menschen Angst vor dem Überwachungsstaat. Weiß man, was die App macht?
Rogmann: Sagen wir es so: Der Quellcode ist seit kurzem öffentlich zugänglich. Die Plattform, auf der er zu finden ist, heißt GitHub. Das ist natürlich für Menschen, die sich damit auskennen, eine Hilfe, aber Ihnen wird das – mit Verlaub – nicht wirklich helfen. Sie sind am Ende auf verlässliche Informationen angewiesen. Da sind wir wieder an dem Punkt, an dem es schwierig wird. Welchen Experten vertraut man und welchen nicht? [GitHub ist ein netzbasierter Dienst zur Versionsverwaltung für Software-Entwicklungsprojekte, Anm. d. Red.]
NN: Ich vermute mal, dass es auch keine eindeutige Antwort gibt.
Rogmann: Das ist richtig.
NN: Ich habe verstanden, dass die Lokalisierungsgenauigkeit ein Problem ist.
Rogmann: Genau. Dazu kommt, dass viele denken, die Reichweite von Bluetooth liege bei circa drei bis vier Metern. Das ist nicht richtig. Ich habe im letzten Herbst für mich eine App geschrieben, die, wenn ich unterwegs bin, einfach mal scannt, was ansonsten an Bluetooth Geräten in der Nähe ist. In Köln gibt es beispielsweise E-Scooter. Die senden auch Bluetooth-Signale aus. Da habe ich Signale von Scootern empfangen, die mindesten 30 Meter entfernt waren. Als ich deren Signal aufzeichnete, waren sie nicht mal in Sichtweite. Also: Reichweite maximal fünf Meter – das ist Blödsinn.
NN: Kommen wir zurück zur App.
Rogmann: Nun ja – die App soll ja herausfinden: Wer ist in meiner Nähe. Es geht nicht darum, wer 30 Meter weiter ist.
NN: Wie sieht es mit dem Komplex Anonymisieren und Pseudonymisieren aus? Anonym – verbessern Sie mich, wenn‘s nicht stimmt – heißt: Niemand weiß, wer ich bin. Was heißt Pseudonymisieren?
Rogmann: Angenommen, Sie machen eine Studie über – sagen wir – einen Stadtteil. Sie vergeben dann für jeden, der da wohnt, eine Nummer. Wenn andere diese Nummern sehen, können sie damit nichts anfangen. Sie dagegen können, wenn Sie das wollen, dieser Nummer einen Namen zuordnen.
NN: Ich habe unter „elektronikpraxis.vogel.de“ folgenden Eintrag gefunden: Die Konzerne [SAP und Telekom, Anm. d. Red.] haben versprochen, nur ‚notwendige Daten zu verarbeiten – ausschließlich zu dem Zweck, die Nutzer wissen zu lassen, ob sie in engem Kontakt mit anderen, bereits infizierten Nutzern standen – ohne die jeweilige Identität zu offenbaren“. Dass der Quellcode veröffentlicht wird, klingt ja erst einmal gut. Man denkt, es gibt keine Geheimnisse. Wie bringt man Menschen am Ende dazu, die App zu installieren?
Rogmann: Das ist natürlich eine Frage, die Sie der Politik stellen müssen.
NN: Sie würden die App also nicht installieren?
Rogmann: Richtig. Ich würde sie nicht installieren. Das heißt aber nicht, dass die App schlecht ist. Mir persönlich ist allerdings die Sammelwut des Gesundheitsministeriums nicht geheuer. Mittlerweile ist es nach meinem Kenntnisstand so, dass auch die Menschen, die negativ getestet wurden, erfasst werden sollen. Es kam ja auch vor ein paar Tagen heraus, dass die Testlabore nicht alle richtig angebunden sind. Das führt wiederum dazu, dass Ergebnisse per Telefon übermittelt werden. Das ist dann natürlich mit der Datenschutzgrundverordnung nicht konform.
NN: Sollte man nicht einfach sagen: Wenn‘s einem guten Zweck – sprich dem Gemeinwohl – dient, sollte man mitmachen?
Rogmann: Das ist eine individuelle Entscheidung, die natürlich jeder für sich treffen muss.
NN:Ist die App der Traum von Sicherheit?
Rogmann: Sagen wir es so: Niemand sollte diese App, wenn sie kommt, positiv überbewerten. Das ist die Grundvoraussetzung. Noch mal: Die Sinnhaftigkeit der App steigt mit der Anzahl von Menschen, die sie nutzen. Je mehr Menschen sie haben desto, besser ist es.
NN: Ich habe Bekannte gefragt, ob sie die App installieren.
Rogmann: Wie war das Ergebnis?
NN: Breit gefächert. Manche sagte spontan: „Installiere ich auf jeden Fall“, andere wollten sich erst einmal genauer informieren, wieder andere waren strikt dagegen. Einer sagte, dass Datensicherheit nicht gegeben sein, wenn es damit beginnt, dass man die App aus dem Play-Store herunterladen muss. Wenn mich also jemand fragt, was zu tun oder nicht zu tun ist, kann ich garantiert nicht mit einer Lösung dienen.
Rogmann: Die Sache mit der Datensicherheit sehe ich anders. Aus meiner Sicht ist die Anonymität nicht dahin, wenn die App per Playstore geladen wird. Google weiß dann zwar, wer die App geladen hat, aber was die dann macht oder ‚lernt‘, ist von Google erst einmal unabhängig.
NN: Es scheint also fast so viele Meinungen zu geben wie Experten.
Rogmann: Ganz so schlimm ist es wohl nicht, aber ich denke, dass jeder versuchen sollte, sich bestmöglich zu informieren. Am Ende bleibt die Entscheidung für oder gegen die App eine individuelle Entscheidung.
NN: Und viele werden ihre Entscheidung wohl auch aus dem Bauch heraus treffen. Das ist ja häufig so.

Links zum Thema Corona App:

Constanze Kurz (Chaos Computer Club) über die „Corona-App“

Probleme im Zusammenhang mit Bluetooth

TU Darmstadt: Corona-Warn-Apps – Defizite bei Sicherheit

GitHub: Corona App

Labore müssen auch negative Coronavirus-Tests melden

Bedrohte Pseudonymität: Hotline soll bei Corona-App Trolle stoppen