Annaberg
Werner Kehrmann mit seiner elfjährigen Enkelin Sophie Steinhaus in der Kapelle auf dem Friedhofshügel. NN-Foto: Thomas Langer

RHEINBERG. „Der Annaberg ist allemal der geschichtsträchtigste Ort im Verbund der Rheinberger Stadtteile und Stadtbezirke.“ Mit diesem Fazit untermalt Werner Kehrmann vom Heimatverein Rheinberg die Bedeutung Annabergs für die Stadt Rheinberg am Ende seines neuen Buches „Annaberg zwischen Mittelalter und Moderne“. Nach gut einem Jahr der Arbeit hat er nun 400 Exemplare im Eigenverlag auf den Markt gebracht.

Ob man mit seinem Fazit einhergehen möchte oder nicht, Annaberg hat historisch viel zu bieten, wie Kehrmann beweist. Kelten, Römer und Germanen. Ein Ort für Gläubige und Schauplatz vieler Kriege. Nur ein paar Stichworte, die erahnen lassen, wie vielschichtig die Geschichte Annabergs ist.

Annaberg – dazu zählt nicht nur der Friedhofshügel und das nähere Umfeld, sondern auch ein weiträumiger Wohn- und Wirtschaftsraum. Kehrmann, zweiter Vorsitzender des Heimatvereins Rheinberg, behandelt im Buch viele Facetten der Geschichte: die Geologie, die römische Vergangenheit, die Friedhofskapelle oder Kriege sind nur ein paar Ausschnitte seiner Untersuchungen. Dabei liegen die Ursprünge der von ihm verwendeten Urkunden und Quellen in der Zeit vom 16. bis ins 21. Jahrhundert.

Aber warum gerade über Annaberg schreiben? „Zunächst einmal habe ich selbst Interesse daran. Aber es steht auch in der Satzung des Heimatvereins, dass die Mitglieder Forschung zur Heimatgeschichte betreiben. Das ist unser Ziel“, erklärt der gelernte Schriftsetzer und ehemalige Beamte bei der Wasserschutzpolizei, der die Forschung somit auch als seine Pflicht betrachtet.

Bei all dem Spaß an der Sache hatte Kehrmann aber auch Herausforderungen, wie er erzählt. Eine davon: „Die Texte waren nicht immer eindeutig lesbar. Einige sind zum Beispiel in Sütterlin geschrieben.“ In solchen Fällen vergrößerte er die Schrift am Computer, um sich die Sache zu vereinfachen.

Eine verschwundene Kette

Der Name des Bezirks Annaberg kommt nicht von ungefähr. Ursprünglich war der St. Anna-Berg eine Hügelkette, die als solche im Laufe der Zeit durch Landwirtschaft, Bodenerosion und den Sand- und Kiesabbau verschwand. Einige wenige Erhöhungen blieben erhalten. So auch der Friedhofshügel als Naturdüne im Westen Rheinbergs.

Eines der Ergebnisse Kehrmanns, was die römische Vergangenheit des Großraums angeht, ist ebenfalls interessant: Die Römische Vergangenheit des Großraums ist nicht so ausufernd, wie viele Menschen vor allem im 19. Jahrhundert geglaubt haben. Das meint vor allem römische „Warten“, also Wachttürme. Von den vielen Vermutungen über die verschiedenen Standorte bleibt bis heute nur einer übrig: Jener im Bereich Bahnhofstraße/Alte Landstraße, also dort, wo heute die Firma Underberg sitzt.

Kriegsschauplatz Annaberg

„Der Großraum Annaberg war ein Spielplatz der Generäle“, schreibt der 71-Jährige. Und die Annaberger Hügelkette diente dabei oft als Heerlager.

So seien laut Kehrmann die belgische Stadt Oostende und Rheinberg im 80-jährigen Krieg (Spanisch-Niederländischer Krieg) Schlüsselstädte im Kampf um die Macht gewesen. „Rheinberg beherrschen bedeutete: Vernichtung der Niederlande“, beschreibt Kehrmann die Sicht der Niederländer. Entsprechend floss viel Geld für den Ausbau der Festungsanlagen, mehr noch als für andere Festungsstädte in den Niederlanden.

Geschichtsträchtige Kapelle

Die Geschichte der Annakapelle auf dem Friedhofshügel beginnt mit der ersten Erwähnung 1555. Zerstört wurde sie 1633 durch Brandstiftung nach einem Angriff auf die Frauen und Kinder der spanischen und brabanter Gefangenen. Zehn Jahre später riss man auch ihre Überreste schließlich ab.

Vor der Zerstörung versammelte sich in der Kapelle auch der Rat der Stadt Rheinberg, wo er schließlich auch seine Beschlüsse und Gesetze verkündete. „Die Ankündigung erfolgte durch Glockengeläut oder Fanfaren“, erzählt Kehrmann.

Eine Erkenntnis überraschte ihn allerdings bei seinen Recherchen: Unter anderem die Einwohner des heutigen Kamp-Lintforts kamen ursprünglich zum Gebet in der Karwoche zum Hagelkreuz auf den Hügel. Nach der Zerstörung der Kapelle verlagerte sich die Predigt jedoch nach Camperbruch und die meisten Gläubigen kamen auch nach dem Wiederaufbau 1773 nicht zurück. Auch die Verkündungen wurden nicht wieder auf den Hügel verlegt.

Sieben Euro kostet ein Exemplar des Buchs. Erhältlich ist es bei: Creaktivo, Zu den Stationen 2; Bäckerei Bergmann, Xantener Straße 47; Alte Kellnerei, Innenwall 104.