„Wir wurden überrannt von Corona-Patienten“

NIEDERRHEIN. „Wer meint, dass das eine vergleichsweise harmlose Krankheit ist, sollte mit einem sprechen, der selbst betroffen war oder einen Angehörigen dadurch verloren hat.“ Wenn Ludger Epping-Stippel (56) auf Corona-Demos und aktuell kursierende Verschwörungstheorien angesprochen wird, kann er nur mit dem Kopf schütteln. „Wir hier in Deutschland hatten einfach Riesenglück, dass wir vorgewarnt waren und entsprechend reagiert haben“, sagt er. Dass es anders hätte laufen können, weiß der Gindericher aus erster Hand. Der Gastroenterologe arbeitet in einem Krankenhaus in den Niederlanden, nur acht Kilometer hinter der Grenze.

Dr. Ludger Epping-Stippel arbeitet als Gastroenterologe in einem niederländischen Krankenhaus. (NN-Foto: Theo Leie)

Eigentlich hätte Dr. Ludger Epping-Stippel rund um Ostern Urlaub gehabt. Daraus wurde aber nichts, denn dem Krankenhauspersonal in den Niederlanden wurde kurzerhand eine Urlaubssperre verordnet. Aus gutem Grund, denn in der Woche nach Ostern standen die Krankenhäuser im Nachbarland knapp vor dem „Code zwart“. „Dann hätten die Ärzte vor Ort entscheiden müssen, wer beatmet wird – und wer nicht“, erklärt Epping-Stippel, was es mit dieser Bezeichnung auf sich hat. Die Triage stand im Raum. Ein Begriff, der „Auswahl“ bedeutet und durchaus noch mit den Bildern aus Italien verknüpft sein dürfte, wo Ende März bis zu 1.000 Tote innerhalb eines Tages beklagt wurden.

„Wir wurden überrannt von Corona-Patienten“, sagt der Mediziner aus dem beschaulichen Wallfahrtsort, der sich noch gut an die nächtlichen Extra-Schichten auf der Corona-Station erinnern kann. „Wir Gastroenterologen, die eigentlich auf Magen- und Darmerkrankungen spezialisiert sind, haben an der Seite von Kinderärzten und Internisten die Abendstunden übernommen, damit sich die Kollegen der Intensivstation um ihre Patienten kümmern konnten, während die HNO- und Augenärzte den Transport in andere Krankenhäuser koordiniert haben.“ Diese Umverteilung von Patienten habe letztlich dazu geführt, dass die Niederlande knapp an einer Katastrophe vorbeigekommen sind.

Den Niederlanden, die über deutlich weniger Intensivbetten als Deutschland verfügen, wurde der anfangs zögerliche Umgang mit der Pandemie also beinahe zum Verhängnis. „Die Niederländer hatten das große Pech, dass sie schon im Februar Ferien hatten und zum Skifahren gefahren sind. Als sie dann zurückgekommen sind, war gleich Karneval und das Virus konnte sich, gerade in den Karnevalshochburgen in den südlichen Provinzen, unbemerkt verbreiten.“

Herdenimmunität

Welchen Verlauf eine Epidemie nimmt, kommt grundsätzlich darauf an, wie viele Menschen ein Infizierter ansteckt. Nur wenn es weniger als einer ist, stagniert die Zahl der Infizierten und geht allmählich zurück. Für diesen Weg, nämlich die Reproduktionszahl möglichst gering zu halten, hat sich Deutschland frühzeitig entschieden. In den Niederlanden hatte man zunächst auf eine „Herdenimmunität“ gesetzt. Irgendwann kann ein Infizierter niemanden mehr anstecken, weil entweder alle in seiner Umgebung schon an der Krankheit gestorben sind oder bereits infiziert waren und deshalb immun sind. Dadurch stagniert die Krankheit – und geht zurück.

Für beide Varianten findet man Befürworter. Auf Herdenimmunität zu setzen, ist allerdings riskant, denn wer sich dafür entschieden hat, kann nur schwer zurück. „Die Niederländer haben lange gezögert, das öffentliche Leben wegen der Corona-Verbreitung einzuschränken“, sagt Epping-Stippel. Ähnlich sei es in Großbritannien gewesen. „Allerdings hätte Boris Johnson anders reagieren können, weil man da schon wusste, wie gefährlich das Virus ist.“

4,8 Millionen Infizierte

Die kumulative Zahl der weltweit bestätigten Fälle der Lungenkrankheit Covid-19 beläuft sich am Dienstag dieser Woche auf mehr als 4,8 Millionen – 321.459 Menschen sind daran gestorben. In den Niederlanden behält das Rijksinstituut voor Volksgezondheid en Milieu die Zahlen im Blick, koordiniert in Zusammenarbeit mit Experten die zur Eindämmung erforderlichen Maßnahmen und schlägt diese der Regierung vor. Am Dienstag registrierte das Institut 44.249 positiv auf Covid-19 getestete Personen. 5.715 Menschen sind an der Krankheit gestorben.

Auch in den Niederlanden sind überwiegend ältere oder gesundheitlich vorbelastete Menschen betroffen. „Das heißt aber nicht, dass es nicht auch jeden anderen treffen kann“, betont Epping-Stippel. „Es gab Tage, da bin ich nach Hause gefahren und kein Patient auf der Intensivstation war älter als ich. Da waren auch Leute um die 30 dabei, ohne jegliche Vorerkrankung.“ Man müsse auch bedenken: „Selbst der Durchschnittspatient, männlich, um die 60 Jahre alt und ohne Vorerkrankung hat, wenn er mit Covid-19 auf der Intensivstation liegt und künstlich beatmet werden muss, nur eine Überlebenschance von 50 Prozent.“

Mangel an Tests

Der niedrigere Altersdurchschnitt auf den Intensivstationen sei auch damit zu erklären, dass die Niederländer eine andere Einstellung zu intensivmedizinischer Behandlung von älteren Menschen hätten. Epping-Stippel: „Diese Leute bleiben lieber zu Hause bei ihren Familien.“ Außerdem wurde in den Niederlanden durch Mangel an Tests erst bei hohem Fieber und schwerer Luftnot getestet – „mit leichten Beschwerden wird man in häusliche Quarantäne geschickt und muss abwarten“. Auch Materialengpässe seien während der kritischen Phase ein Thema gewesen. „In den Niederlanden stehen ohnehin schon weniger Labore zur Verfügung und zwischenzeitlich fehlten dazu noch ganz banale Dinge wie Teststäbchen“, weiß Epping-Stippel.

Was ihm besonders viel Respekt vor dem neuartigen Virus macht, ist der Verlauf der Krankheit. „Die Patienten können nicht atmen und haben panische Angst um ihr Leben“, ist seine Erfahrung. Was sowohl für die Betroffenen als auch für die Krankenhäuser sehr belastend ist, ist die ungewöhnlich lange Verweildauer auf der Intensivstation. „Mitunter bleiben die Patienten bis zu drei oder vier Wochen an der Beatmung“, sagt Epping-Stippel. Das sei mit einer Grippe nicht zu vergleichen. „So eine Erkrankung kann ein ganzes Krankenhaus in Beschlag nehmen. Zwischenzeitlich hatten wir kein einziges Intensiv-Bett mehr frei für andere Patienten, die auf die Intensivstation verlegt werden mussten.“

„Wir stehen noch ganz am Anfang“

Die Isolation sei eine zusätzliche Belastung für die Menschen, die mit dem Tod ringen und ihre Angehörigen nicht sehen können. „Und wir stehen noch ganz am Anfang“, meint Epping-Stippel. Von einer Durchseuchung der Gesellschaft sei man auch in Ländern wie Frankreich, Spanien und Italien noch weit entfernt. „Es müssten noch mindestens fünf oder sechs Infektionswellen kommen, bis man das annähernd erreicht hätte.“ Der große Unterschied zu einer Grippewelle sei, dass aktuell nur ganz wenige Menschen über Antikörper verfügen und noch kein Impfstoff zur Verfügung steht. Das könne, so Epping-Stippel, weltweit zu außerordentlich hohen Zahlen führen.

Ludger Epping-Stippel hat momentan den Eindruck, dass man sich in Deutschland zu sicher fühlt. „Weil es uns nicht so böse erwischt hat, reden wir die Krankheit klein und würden gern wieder zur Tagesordnung übergehen.“ Andere Länder, auch die Niederlande, seien da weit vorsichtiger. Der Mediziner ist davon überzeugt, dass man dort schnell handeln wird, sollte im Herbst ein erneuter Anstieg der Infektionsfälle verzeichnet werden. „In den Niederlanden hat man ausgerechnet, dass man durch den Lockdown um die 22.400 Intensiv-Aufnahmen verhindert hat – bei 2.000 zur Verfügung stehenden Betten. Das wäre ganz böse ausgegangen.“