Sigurt Gottwein: selber gucken!

„Ich werfe nichts weg“, sagt Sigurt Gottwein. Um Gottes Willen, denkt man und verabredet einen Besuchstermin … der Mann wird demnächst 70.


Gottwein hätte eigentlich im März im Reeser Museum Koenraad Bosman ausstellen sollen. Ein Pustekuchen namens Corona. Das Fastschonirgendwietragische: Gottweins Ausstellung mit dem Titel „zwischen Wolken und dahinter“ war schon im vergangenen Jahr verschoben worden. Eine andere Geschichte …

Der denkt politisch

Gottwein hat an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert: Klasse Rissa. Rissa – eigentlich Karin Götz – unterrichtete dort, als auch Beuys sein Gastspiel gab. Beuys wurde gegangen, Rissa nicht. Dass sich Gottwein überhaupt an der Akademie beworben hat – eine Art innerliches Husarenstück. Er hatte nicht damit gerechnet, dass man ihn nimmt. Und dann diskutierten Beuys und Rissa über eine Karikatur, die Gottwein eingereicht hatte. Ein Hakenkreuz, aus dem Hände wachsen. „Das ist ein politisch Denkender“ – so ungefähr soll Beuys über den Jungspunt aus Krefeld geurteilt haben. Gottwein sollte sich entscheiden: Zur Probe an die Akademie – entweder zu Beuys oder zu Rissa. Gottwein besprach sich mit seinem ehemaligen Kunstlehrer. Der hieß Hartmut Fischer und wenn Gottwein heute von ihm erzählt, schwingt irgendwie Hochachtung mit. Fischer war einer, dem die Schüler ihre Sachen gaben. „Wir haben die Zeichnungen und Malereien nie zurück bekommen. Der behielt alles.“ Später allerdings, zum Abi, bekamen alle eine Mappe, in der die Arbeiten aus der Schulzeit drin waren. Alle. („Ich werfe nichts weg“, sagt Gottwein.)

Lehrer werden

Es gibt mindestens zwei Motive Lehrer zu werden: Die einen führen etwas fort, von dem sie beeindruckt waren, die anderen wollen zeigen, dass man es besser machen kann. Man würde Gottwein in die Kategorie Eins sortieren.
Fischer jedenfalls riet seinem Schüler: „Geh zu Rissa. Bei Beuys bist du einer unter vielen.“ Gottwein ging zu Rissa. Meditation unter verschärften Bedingungen. „Einmal in der Woche hatten wir eine Besprechung. Jeder brachte seine Arbeiten mit. Darüber wurde dann geredet.“ Das Reden allerdings fand „wohldosiert“ statt. „Du kamst morgens rein. Nach fünf Minuten sagte dann jemand ‚guten Morgen‘ – danach wurde es erst mal wieder still.“ Irgendwie passt das zu einem wie Sigurt Gottwein, denkt man. Rumschwätzen ist seine Sache nicht. Was er erlebt, geht nacht innen und kommt erst später ans Licht: Gottwein zeichnet. Gottwein malt. Gottwein wurde übrigens Kunstlehrer – einer, der mit Überzeugung ans Werk ging. „Ich wollte nicht den Lehrerjob machen, um meine Kunst zu finanzieren“, sagt er und man glaubt ihm.

Friedell

Ich verdanke Gottwein Friedells Kulturgeschichte der Neuzeit und Tarkowskys Nostalghia. „Musst du mal lesen“, sagte er und: „Ein Film, den du dir ansehen solltest.“ Gottwein war nicht mein Lehrer – und irgendwie war er es doch. „Wenn ich heute über das nachdenke, was mich beeinflusst hat“, sagt er, „ist es auf jeden Fall Novalis.“ Das Buch, in dem alles steht: Die Lehrlinge zu Sais.

Mannigfache Wege gehen die Menschen. Wer sie verfolgt und vergleicht, wird wunderliche Figuren entstehen sehen; Figuren, die zu jener großen Chiffernschrift zu gehören scheinen, die man überall, auf Flügeln, Eierschalen, in Wolken, im Schnee, in Kristallen und in Steinbildungen, auf gefrierenden Wassern, im Innern und Äußern der Gebirge, der Pflanzen, der Tiere, der Menschen, in den Lichtern des Himmels, auf berührten und gestrichenen Scheiben von Pech und Glas, in den Feilspänen um den Magnet her, und sonderbaren Konjunkturen des Zufalls, erblickt.

Die Wie-Frage

Gottwein ist kein Schubladendenker. Schubladen sind Konstrukte der Hilflosigkeit. Bei der Kunst gehe es, das hat er seinen Schülern zu vermitteln versucht, nicht um die Warum-Frage. Es geht um die Wie-Frage. Warum hat einer gemacht, was er gemacht hat, eröffnet den Trampelpfad der Spekulation. „Wenn du nach dem Wie fragst, musst du genauer hinschauen.“
Natürlich hat Gottwein noch andere Gehirntankstellen: Hesse, Schopenhauer, Rudolph Arnheim:

Alles Wahrnehmen ist auch Denken, alles Denken ist auch Intuition, Alles Beobachten ist auch Erfinden. aus: Kunst und Sehen, 1978.

„Ich bin Sternzeichen Wassermann“, sagt Gottwein und spricht von diffundierendem Denken. Diffundieren – das kommt aus dem Lateinischen: ausgießen, ausströmen, sich verbreiten. Ja – das passt. Diffundieren – das ist irgendwie lautlos und trotzdem unausweichlich. Man kann Gottwein in Bildern denken. Das Wichtige: Denken muss man selber. Man sollte das Denken nicht deligieren. Man sollte hinsehen, sich einfühlen, sich eindenken. Und wenn nichts passiert? Ist doch nicht weiter tragisch. Es gibt andere Bilder. Andere Künstler. Ein Satz, der im Gedächtnis bleibt:

Ein Bild malt sich selbst

Ein Bild malt sich selbst. Das klingt so einfach. Ist es aber nicht. Es braucht Handwerk, um den Wünschen der Bilder folgen zu können – um sich mit ihnen in jene Einöde zu verkriechen, die das Folgen erst ermöglicht – die das Rauschen der Bilder vom Rauschen der Welt trennt. Vielleicht klingt das zu monumental. Fest steht: Gottweins Bilder wachsen nach innen, sie greifen nicht an. Natürlich steht das nicht fest. Selber gucken!
Gottwein ist kein Harlekin, kein Ichgehmalvoranundihrkommtnach-Typ – er ist einer, der sich in seinen Bildern und Zeichnungen auflöst. Man muss nicht fragen, warum er malt oder warum er zeichnet. „Der Gedanke kommt beim Malen“, sagt er und man könnte auch das Gegenteil behaupten und Recht haben: Das Malen kommt mit dem Denken, dem Hinschauen: Selber gucken.
Man muss nicht nach der Botschaft fragen. Die Alleszerstörerschulfrage Waswillunsderkünstlerdamitsagen führt zu nichts. Sie nimmt dem Dialog mit der Kunst das Unberührte. Man kann versuchen, eine Unterhaltung zu beginnen – nicht mit dem Künstler; man kann sich auf ein Gespräch mit seinen Bildern einlassen – mit den Zeichnungen, den Plastiken, den Fotografien und … den Texten.

Ich gehe, ich sehe, ich  zeichne, ich male

Zum 70. möchte Gottwein ein Künstlerbuch veröffentlichen. Vier Kapitel: Ich gehe. Ich sehe. Ich zeichne. Ich male. Da stehen – aus Sicht der Beobachters – vier Ebenen hierarchiefrei nebeneinander. Sie alle bedingen sich gegenseitig. Gottwein ist einer, der nicht nur im Kopf unterwegs ist – er läuft, fährt Rad. Da ist einer, der auch mit fast 70 noch immer das Zeug zum Schwamm hat: sich vollsaugen kann und nicht denkt, dass alles schon gewesen ist, gesagt, gedacht. Natürlich ist da etwas im Rückspiegel. Und manches von dem, was er heute machtdenktmaltzeichnet, wird durch die Vergangenheit grundiert. „Auf einem Bild“, sagt er, „gibt es keine Hierarchie. In der Fläche hat alles Bedeutung.“ Die schönen Momente: „Wenn ich mich selbst überrasche.“
Was bleibt: in Bildern denken. Zwischen Wolken und dahinter. Erster Arbeitstitel für die Ausstellung war: Die Innenseite des Augenblicks. Alles ist irgendwie mit Poesie gestrichen – es ist eine Poesie, die nicht um ihrer selbst willen existiert. Ein bisschen ist sie wie ein Tor in die Bilder, in die Zeichnungen. Eigentlich ist die Reihenfolge gegenläufig. Erst die Zeichnung. Dann die Bilder. Als Gottwein zu Rissa kam, lernte er deren erstes Gebot: selber gucken! Das Handwerk, das Denken, das Echo. Zwischen den Wolken. Und dahinter.

Nachsatz

Dann zeigt mir Gottwein das Hakenkreuz aus seiner Bewerbungsmappe für die Akademie. Darunter: ein Plakat. „Kunst zu leben“ steht da und dann folgen viele Kunstwörter: Kunstleben, lebensKunst, Kunstleber, leberKunst … Über das Datum (17 5 1979) hat jemand geschrieben: Guter Kitsch ist besser u. sinnfoller als schlechte Kunst. Darunter – in einer anderen Handschrift abgefasst steht: Mein Gott verschont uns doch wenigstens beim Sch … mit euren Sprüchen.

„Sieht aus wie deine Schrift“, sagt Sigurt. 1979, denke ich – da war ich … Was hatte der Gottwein noch gleich gesagt: „Ich werfe nichts weg.“ Zuhause sagt meine Frau: „Stimmt – könnte deine Schrift sein.“ Jetzt muss ich nachdenken, was ich wohl gemeint haben könnte.

NN-Fotos: HF

 

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