Erfolgreicher Netzstreik für das Klima

Corona-Krise zwingt auch Fridays for Future zum Umdenken / Veranstalter und Teilnehmer vor Ort sind sehr zufrieden

NIEDERRHEIN. Wer für sein Anliegen auf der Straße demonstrieren möchte, muss dieser Tage andere Wege finden. Genau das hat die Klima­bewegung „Fridays for Future“ getan, als sie für vergangenen Freitag zum Netzstreik aufgerufen hatte. Auf verschiedenen Social-Media-Kanälen wurden Bilder mit Schildern und Videos gepostet. Ein internationaler und ein deutschlandweiter Stream sowie eine digitale Streikkarte für Deutschland gehörten ebenfalls zur Aktion.

Auch wenn der Streik in das Internet verlegt wurde, gab es auch nicht-digitale Aktionen in einigen Städte. Hier in Berlin etwa wurden Plakate ausgelegt – rund 15.000 Stück kamen zusammen.
Foto: privat

Wie Fridays for Future Deutschland mitteilte, war der Netzstreik am Freitag ein Erfolg: Rund 214.000 Menschen schalteten in den deutschen Live-Stream. Zu diesem gehörten Liveschaltungen zu Ortsgruppen, aber auch zu Betroffenen am Tagebau Garzweiler sowie zu Prominenten wie Eckart von Hirschhausen, Tilo Jung, Musikern wie Clueso und Lena Meyer-Landrut und Schauspielerin Katja Riemann, die zum Teil vor Ort waren. Neben Gesprächen erzählten auch direkt Betroffene sowie Wissenschaftler etwas über die Lage. Darüber hinaus wurde das Musikvideo „Fight Every Crisis“ online gestellt, welches von den Influencern Fabian Grischkat und Roman Lochmann unter Beteiligung von weiteren Influencern und Musikern wie Mike Singer umgesetzt wurde.

Zehntausende auf Karte

87.000 Menschen trugen sich laut FFF für die Streikkarte auf der Homepage ein, tausende davon mit Demo-Plakaten. Solche posteten die Internetnutzer außerdem auf ihren eigenen Kanälen unter Hashtags wie „NetzstreikFürsKlima“ und „FightEveryCrisis“ oder schickten sie über die Sozialen Netzwerke oder die Homepage an die FFF-Bewegung, die daraus teils Collagen zusammenstellte.

Marit Weichold von FFF Xanten sieht Parallelen zwischen der Corona- und der Klimakrise. Aber: „Auf die Coronakrise wird mit angemessenen Maßnahmen reagiert, auf die Klimakrise nicht.“ Besonders wichtig seien FFF zukunftsfähige Lösungen für die Coronakrise. „Dafür müssen die Steuergelder, die nun eingesetzt werden, sozial gerecht sein und klaren ökologischen Kriterien folgen. Konkret dürfen wir also jetzt nicht alte Fehler wiederholen: Die Forderungen der Autolobby nach einer Neuauflage der katastrophalen Abwrackprämie von 2008 sind da nur ein Beispiel“, erklärt Weichold. Sie freut sich sehr über den erfolgreichen Netzstreik: „Unsere Erwartungen wurden absolut übertroffen.“ So habe es der Streik unter anderem wieder in die Twitter-Trends geschafft. Sie verweist auch auf die vielen im Vorfeld gesammelten Plakate, die auf großen Plätzen ausgelegt wurden. Rund 15.000 davon seien in Berlin zusammengekommen.

Jannik Berbalk ist Vorstandsmitglied in der Klever Ortsgruppe, aber auch in Rees und Kevelaer aktiv. Auch er freut sich über die rege Beteiligung. Die Vorbereitungen für den Streiktag seien laut Berbalk gut zu stemmen gewesen, von überall her seien Ideen eingereicht worden: „Wir sind sehr viele und wenn jeder einen kleinen Beitrag leistet, kann man so etwas gut auf die Beine stellen. Dann müssen nicht wenige Leute viel machen, sondern viele Leute wenig.“
Technische Schwierigkeiten

Getrübt wurde der Tag vielleicht ein wenig durch die technischen Probleme beim Stream. „Wir sind mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Es ist alles nicht einfach“, sagt Berbalk. Auch wenn 214.000 Aufrufe ein Grund zur Freude sind, gesteht er: „Die Server waren dafür nicht ausgelegt. Wir haben nicht gedacht, dass wir so viele Zuschauer zusammenbekommen. Unsere Erwartungen wurden übertroffen und unsere Server auch“, erklärt Berbalk mit einem Lachen. Auch wenn viele Menschen mit ihren Gedanken bei Corona sind, möchte Berbalk auf die „andere Krise“ verweisen. Diejenige, die wesentlich existenzieller ist. Dabei spricht er von den Dürren in den letzten zwei Jahren und von zu geringen Regenmengen im April, verglichen mit den sonst üblichen Mengen: „Fünf Prozent Regen, das ist gar nichts. 1,4 Liter pro Quadratmeter. Wir steuern gerade auf den dritten Dürresommer hin und viele Leute sehen noch immer nicht ein, dass sich das Klima wandelt. Dass wir gerade erst den Anfang der Krise mitbekommen.“ Jeder Mensch habe die Chance, seinen Teil beizutragen. Dasselbe gelte für die Regierungen.

Berbalk sieht die Möglichkeit, dass die Corona-Krise auch für den Kampf gegen den Klimawandel Chancen bietet. Gleichwohl befürchtet er, dass diese nicht wahrgenommen werden. Dabei bezieht er sich auf die Billionen von Euro, die für die aktuelle Krisensituation bewegt würden sowie auf wissenschaftliche Untersuchungen zur klimafreundlichen Umgestaltung der Wirtschaft. „Wenn wir das Geld, das wir jetzt schon für unsere angeschlagene Wirtschaft aufwenden, so investieren würden, dass wir umschalten, dann hätten wir zwei Krisen mit einer Klappe geschlagen.“ Berbalk versteht zum Beispiel das Anliegen, Arbeitsplätze zu sichern. „Tourismus macht ein Fünftel der Weltwirtschaftsleitung aus. Aber wir müssen uns auch vor Augen führen: Wenn wir so weiter machen, haben wir in 50 Jahren keinen Tourismus mehr. Wer möchte in den Alpen Ski fahren, wenn dort kein Schnee liegt?“ Die Klimakrise sei existenzgefährdend. Außerdem sei auch die Corona-Krise eine indirekte Folge vom schlechten Umgang mit dem Planeten. Dazu zähle, den Wildtieren den Lebensraum wegzunehmen.

Mit Rücksicht streiken

Marti Mlodzian, Pressesprecher der Ortsgruppe Kleve, geht nicht davon aus, dass ein Netzstreik ganz so große Wellen schlägt wie eine Demo auf der Straße. „Aber es ist im Moment nichts anderes möglich. Außerdem wollen wir niemandes Gesundheit gefährden.“ Es gehe darum zu zeigen, dass FFF noch da und ihr Anliegen immer noch relevant sei. „Aber ich denke, der Netzstreik ist eine gute Form, mit der man trotzdem noch viele Menschen erreichen kann.“

Veronika Hartmann, Mitglied von FFF-Kevelaer, sieht es ähnlich: „Natürlich ist ein Netzstreik nicht dasselbe wie eine richtige Demo auf der Straße.“ Die aufgehängten Banner zu Hause und Posts im Internet würden dennoch ihre Wirkung erzielen. „Dadurch bekommt das Thema trotz Corona noch Aufmerksamkeit. Ich bin zufrieden, aber es könnte natürlich immer besser sein“, sagt sie mit einem Lachen. Auch wenn das Klima laut Hartmann durch aktuelle Corona-Maßnahmen geschont werde, weiß sie, dass der Klimawandel deshalb nicht plötzlich aufhört. „Kurzfristig ist das zwar gut, aber langfristig ändert es nicht wirklich etwas. Irgendwann ist die Corona-Krise vorbei und Menschen ändern meistens nicht von heute auf morgen alle ihre Gewohnheiten.“ Wer einen Blick auf die Streikkarte werfen möchte, um sich über Teilnehmer im eigenen Wohnort zu informieren und dabei einige Plakate begutachten möchte, kann das unter fridaysforfuture.de/netzstreikfursklima/ tun.